Roman

Joachim Schnerf: Sisyphos bei der Pessach-Feier

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„Wir waren eine gute Erfindung“, ein schmales, intensives Lebensbuch des Franzosen Joachim Schnerf.

Sarah ist gestorben. Salomons Frau. Das ist jetzt gerade einmal zwei Monate her. Und nun stehen die jüdischen Osterfeiern an. Seit 50 Jahren, erzählt der Familienpatriarch, habe er Pessach nicht ohne seine Frau gefeiert. Und später auch nicht ohne seine Kinder oder seine Enkelkinder. Noch an diesem Sederabend, dem Auftakt der Festlichkeiten, wird sich die Familie wieder bei Salomon einfinden. Dann werden die überlieferten Riten praktiziert, aus der Haggada gelesen und die besonderen Speisen serviert. Ein Ereignis im Jahreslauf. Doch diesmal eben ohne „meine heilige Sarah“.

Noch ist Salomon alleine in der Wohnung. Da bleibt Zeit, sich zu erinnern. So wie die Geschichte vom Exodus der Juden aus Ägypten ein ums andere Mal erzählt wird, damit sie nicht vergessen werde, erzählt Salomon von seiner Familie. Einmal sagt er: „Der Pessach-Abend ist die Nacht der Überlieferung an die Jüngsten, die Nacht der Fragen. Die Nacht, in der man die Trauer entdeckt.“ Im Original heißt der Roman „Cette nuit“ – diese Nacht.

Kein Hotspot der Harmonie

Er habe einen amüsanten Roman über Pessach und Liebe schreiben wollen, sagt der französische Schriftsteller Joachim Schnerf, 1987 in Straßburg geboren, über seinen zweiten Roman. Doch dann sei er mit seinem Manuskript bei einem Todesfall und der Shoah gelandet. Und bei einer Familie, das sagen wir jetzt, die durchaus kein Hotspot der Harmonie ist. Das liegt vor allem an Tochter Michelle, die noch jedes Fest mit ihrer Streitlust zu sprengen droht, zumal mit ihren Attacken auf die Schwester Denise, die im Alkohol Zuflucht sucht. Dann sind da noch die Ehemänner Patrick („legendäre Durchfallattacken“) und Pinhas, die zumindest den Kontakt halten, sowie die beiden Enkelkinder Tania und Samuel.

Allerdings bringt auch Salomon eine ganz eigene Note ein, wenn er in Gesellschaft ist. Dann reißt der Überlebende des Holocaust Witze, die sich auf die Konzentrationslager beziehen. Das fing an, als er zum ersten Mal seine künftigen Schwiegereltern besuchte. Aha, ein Kücheninstallateur sei er von Beruf? „Ja, ja, ein richtiger Alleskönner“, antwortete er. „Aber fragen Sie mich bitte nicht, ob ich einen Blick auf Ihren Ofen werfe. Trotz meines Fachwissens auf diesem Gebiet habe ich da immer gewisse Hemmungen ... .“ Er konnte nicht von Auschwitz erzählen, sagt er jetzt, nicht reden über diesen Verlust der Menschlichkeit: „Um die Shoah zu erwähnen, hatte ich nur meine Witze.“ Wenn er seine Witze erzählt, ist er der einzige, der lacht: „Wisst ihr, was in Sobibor am Eingang der Gaskammern stand? ‚Achtung Stufe‘.“ Dann prustet er los, lacht so heftig, dass ihm die Luft wegbleibt. Doch die Angst ist geblieben, die Nazis könnten eines Tages wiederkommen und ihn holen. Immer wieder meint er, es klingele an der Türe. Selbst in dieser Nacht.

„Wir waren eine gute Erfindung“ wurde in Frankreich, wo der Roman unter anderem den Prix Orange erhielt, gefeiert als „schwarze Komödie, schrecklich lustig und zutiefst zärtlich“. Doch nach Lachen ist einem bei dieser Lektüre wahrhaft nicht zumute. Allzu beklemmend ist der Familienkrieg, ist der regelmäßige Sturz aus der Vorfreude in die Realität der Festtage, ist die Einsamkeit des Witwers, ist der lange Schatten des Holocaust. Nicht einmal wissen wir, ob Salomon die Feier überstehen wird, so geschwächt wirkt er. Doch zärtlich, das stimmt, ist Joachim Schnerfs Roman gewiss. Er verströmt eine melancholische Poesie, ausgelöst durch die Sehnsucht nach der geliebten Frau, nach einem glücklichen Leben. Salomon ist gleichsam ein Sisyphos, der sich ein ums andere Mal bemüht, dass das familiäre Pessach-Fest gelingen möge. Aber es klappt halt nicht so recht. Die Glückskugel rollt immer wieder zurück.

Ein schmales, bewegendes, auch nach der Lektüre weiterwirkendes Lebensbuch.

Joachim Schnerf: Wir waren eine gute Erfindung. Roman. A. d. Franz.. v. Nicola Denis. Kunstmann, München 2019. 144 S., 18 Euro.

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