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Joachim B. Schmidt: „Tell“ – Der Mann, den sie alle nicht so mochten

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Von: Petra Pluwatsch

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Aber auch Schmidt verzichtet in seinem „Tell“-Roman nicht auf den Apfelschuss.
Aber auch Schmidt verzichtet in seinem „Tell“-Roman nicht auf den Apfelschuss. © epd-bild/Tim Wegner

Spannend: Joachim B. Schmidt erzählt von einem ganz unheldischen Wilhelm Tell.

Ein Einödhof in den Schweizer Bergen, so abgelegen, dass selbst der Pfarrer nur selten seinen Weg hinauffindet. Hier wohnt Wilhelm Tell, den wir alle aus dem Deutschunterricht kennen. Friedrich Schiller widmete ihm 1704 ein Schauspiel in fünf Aufzügen. Max Frisch machte aus dem Stoff gut 250 Jahre später die Novelle „Wilhelm Tell für die Schule“. Jetzt hat sich der Schweizer Autor Joachim B. Schmidt der Geschichte angenommen.

Schmidt lebt seit einigen Jahren in Island, wo auch sein erfolgreicher Krimi „Kalmann“ spielt. Mit „Tell“ kehrt er – literarisch – in das Land seiner Geburt zurück. Schon „Kalmann“ beweist sein erzählerisches Potenzial, in „Tell“ läuft er nun zur Höchstform auf. Erzählt wird die Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven, aufgeteilt in zehn Kapitel, die wiederum in viele einzelne, mitunter nur eine Seite umfassende Sequenzen gegliedert sind.

Da kommen Tells Frau Hedwig zu Wort, sein Sohn Walter, seine Mutter, die Schwiegermutter, der Pfarrer, Reichsvogt Hermann Gessler und dessen brutaler Gefolgsmann Harras. Vom Schiller-Stoff ist wenig mehr geblieben als die Rahmenhandlung: Tell wird von Gessler gedemütigt und rächt sich. Bei Schmidt bezahlt er dafür mit dem Leben. Hoch oben in den Bergen stirbt er einen einsamen Tod. „Hier will ich sitzen bleiben, will mich ausruhen. Der Wind bläst mir den Schnee ins Gesicht. Wenn ich mich nicht rühre, bin ich bald zugeschneit. Dann ist Stille, dann habe ich Ruhe.“ Seine Leiche wird nie gefunden.

Das Buch

Joachim B. Schmidt: Tell. Roman. Diogenes, Zürich 2022. 284 Seiten, 23 Euro.

Schmidts Tell ist ein Getriebener, belastet von Schuldgefühlen und dem Wissen, den Tod seines Bruders verursacht zu haben. Inzwischen hat er dessen Stelle in der Familie eingenommen und teilt das Bett mit der Witwe Hedwig – eine Zweckgemeinschaft, aus der zwei Kinder hervorgegangen sind. Keiner mag den schweigsamen Mann, der niemandem in die Augen sehen kann. Sein Neffe und Ziehsohn Walter fürchtet Tells Unberechenbarkeit, und er fragt sich mitunter, „ob es mich überhaupt gibt. Ob er sich wünscht, dass es mich nicht gäbe“.

Eindringlich schildert Schmidt den Daseinskampf der Menschen in einer menschenfeindlichen Umgebung und die Erniedrigungen, denen sie unter der Herrschaft der Habsburger ausgesetzt sind. Tell sichert das Überleben seiner Familie durch Wilderei und gerät dadurch in den Fokus Gesslers. Als er bei einem Marktbesuch den Hut des Landvogts nicht grüßt – eine Schusseligkeit – erregt er erneut dessen Unwillen und wird von ihm gezwungen, Walter einen Apfel vom Kopf zu schießen. Erst jetzt spürt er, wie sehr er dieses Kind liebt.

Kranke Seele, alte Schuld

Joachim B. Schmidts Verdienst ist es, Tell als einen Mann mit ambivalenten Gefühlen, mit Ängsten und mit einer Vergangenheit zu schildern, die seine Seele krank gemacht hat. Nein, ein strahlender Held ist dieser Tell nicht, und genau das macht dieses Buch so lesenswert. Hier wird eine völlig neue, eine moderne Geschichte erzählt über einen Menschen, der sich einer alten Schuld stellen muss – und der dann eher nebenbei das Land von einem Tyrannen befreit.

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