feu_island1_250920
+
Manchmal ist Kalli nicht in Stimmung fürs Nordlicht. Dem Nordlicht ist das wohl egal.

Island-Krimi

Im Kopf viel mehr als Fischsuppe

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
    schließen

Joachim B. Schmidts eigenwilliger Island-Krimi „Kalmann“.

Im Jahr 2007 ist Joachim Beat Schmidt, geboren 1981 in eine Schweizer Bauernfamilie, nach Island ausgewandert, hat weder winterliche Dunkelheit noch Eis und Schnee gescheut. Er hat sich dort als Journalist und Reiseführer durchgeschlagen, vor rund zehn Jahren begann er außerdem zu schreiben. Sein inzwischen vierter Roman „Kalmann“ – nennen wir ihn ruhig einen Kriminalroman, obwohl die Krimihandlung nicht gerade im Vordergrund steht – besticht sogleich durch einen eigenwilligen, eigenwillig lakonischen, manchmal herzhaften Erzählton: Es ist der der Titelfigur Kalmann Óðinsson, „Kalli“ und bisweilen wegen seiner Behinderung „Downser“ gerufen. Doch (fast) jeder in Raufarhöfn (ein Ort, den es im Nordosten Islands tatsächlich gibt) mag Kalli – und dies nicht nur, weil er ein guter Haifischer ist und den zweitbesten Gammelhai Islands herstellt. Sie haben richtig gelesen: Es handelt sich um vergammelten Fisch. Man muss wohl Isländer sein, um das zu würdigen.

Großvater hätte Rat gewusst

Das Buch:

Joachim B. Schmidt: Kalmann. Roman. Diogenes, Zürich 2020. 352 Seiten, 22 Euro.

Kalmanns Abenteuer fängt mit einer Blutlache im Schnee an. Sein Großvater hätte dort, vor der Lache, erstmal eine Pfeife geraucht, vielleicht tröstend gesagt, dass ein IQ nichts als eine Zahl ist, er hätte auch gewusst, was bei Blutlachen im Schnee zu tun ist, aber jetzt lebt er im Heim und vergisst schon alles. Darum: So verunsichert, wie Kalli ist, rückt er nur scheibchenweise damit heraus, dass er auf der Jagd war und eine Blutlache entdeckt hat. Da wird Róbert McKenzie schon eine Weile vermisst, der weit und breit der einzige ist, der Geld hat. Raufarhöfn gehört ihm praktisch.

Kalmann guckt viel fern, Serien, auch Krimis, „CSI“ und so, er weiß (und gibt der Leserin gleich einen Tipp): „Der Mörder ist meistens derjenige, den man am allerwenigsten verdächtigt.“ Er hat einen nerdigen Internet-Kumpel, Nói sitzt dauernd vor dem Computer und beschafft Kalli die geheimsten Informationen. Zwei Detektive also, dazu: Kalmanns Mutter kommt immer zum Aufräumen, nimmt die Wäsche mit, bringt frische. Die dicke Magga fährt ihn jeden Samstag zum Opa ins Heim, obwohl Autofahren nicht ihre Stärke ist. Dann gibt es noch die sehr hübsche Nadja aus Litauen, sie arbeitet im Hotel; Kalmann ist weitgehend Realist, er glaubt eigentlich nicht, dass sie sich für ihn interessiert.

Die Blutlache, sie bringt Kalmanns ruhiges Leben durcheinander und sogar eine Spezialeinheit nach Raufarhöfn. Denn Islands Polizisten tragen für gewöhnlich keine Schusswaffen, also auch die nette, erstmal allein ermittelnde Birna nicht; Kalli findet sie einerseits cool, andererseits mag er ihre vielen Fragen nicht. Und dann fischt Siggi auch noch ein verdächtiges Fass aus der Bucht. Alle glotzen bang. Alles wird schlimmer. Es kommt ein veritabler Eisbär hinzu, obwohl Kalli das mit dem Bären – dass Róbert McKenzie vielleicht von einem gefressen wurde – eigentlich nur so dahingesagt hat.

Aber nein, keine Angst, richtig harte Action gibt es in „Kalmann“ trotz Blutlache nicht. Vielmehr die Welt, wie sie Kalmann Óðinsson sieht, nämlich nicht nur etwas schräg, sondern auch ziemlich clever und abgeklärt. Leute mögen sagen, dass in Kallis Kopf „nur Fischsuppe“ ist, dass seine „Leitungen falsch verbunden“ sind. „Oder dass ich den IQ eines Schafes habe. Dabei können Schafe gar keinen IQ-Test machen.“ Es gibt im Grunde nicht viel, was Kalli nicht weiß.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare