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Im 11. September 2001 sieht Autor Joachim Kalka das „Staub-Menetekel unserer Epoche“.

Staub

Joachim Kalka Essay über Staub: Die Aussagekraft des Winzigen

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Man bekommt ihn kaum zu packen: Joachim Kalka widmet dem Staub einen anregenden Essay.

Missmut und Seelenruhe, Panik und Trockenheit, Schlamperei und Akribie, Katastrophe und anhaltende Ereignislosigkeit begleiten sein Auftreten beziehungsweise lenken den Blick auf ihn. Denn er ist nicht nur der Anfang und das Ende, er ist immer da, wie Allergiker, Kriminaltechnikerinnen und Geistliche wissen. Dass der Schriftsteller und Übersetzer Joachim Kalka nach seinem aufsehenerregenden Buch über den kargen Mond einen Langessay (er: „Montage-Essay“) über den Staub geschrieben hat, erscheint dabei konsequent. Ist der Mond eine enorme Projektionsfläche, kommt der Staub in jeder Ritze vor, und auch er bedeutet stets etwas. Und: „Staub ist vollkommene Abwesenheit von Wasser“, und dass es Wasser auf dem Mond gibt, kann man noch so oft gesagt bekommen. Sehen wird man es noch lange nicht.

Die Konsistenz und die Ingredienzien seines Gegenstandes (ein Behelfswort) interessieren Kalka nur am Rande, können doch, wie ihm nicht entgangen ist, praktisch alle Dinge in pulverisierter Form auftreten. So dass sich Urnenasche und die Asche von Zigaretten in einem Kriminalroman von Margaret Millar aus den vierziger Jahren zwanglos mischen und sogar für eine entspannte Gesprächsatmosphäre sorgen. Ebenso wenig entgeht Kalka die sinistre Seite der „Alice im Wunderland“-Szene, in der Alice den in die Kaminasche gefallenen König abstaubt. Die Erinnerung an unser Ende vermengt sich hier mit emsiger Hausarbeit, an die im Zusammenhang mit Staub ohnehin stets zu denken ist. Die Anwesenheit von Staub wird selten – Goldstaub! – begrüßt.

Das Buch

Joachim Kalka: Staub. Ein Montage-Essay. Berenberg Verlag, Berlin 2019. 149 Seiten, 22 Euro.

Selbstverständlich begegnet man in „Staub“ darum dem Flederwisch, dem Staubwedel und dem Staubsauger, die bei Kalka in die kleinsten Ecken gelangen. In entsprechenden Szenen bei Charlie Chaplin und den Peanuts kann aus dem zärtlichen Abstauben (sofern Lucy zu Zärtlichkeit fähig ist) ein „kleines burleskes Liebesritual“ werden. Selbst wenn man sich manchmal nicht ganz sicher ist, ob Kalka mit haushaltsnaher Schärfe zwischen Flederwisch und Staubwedel unterscheidet, so bezaubert die Fülle der meist literarischen, aber auch filmischen Beispiele. Kalka hat immer noch mehr und mehr davon zur Hand, von Charles Dickens – „Der Staub gehört zu einigen großen Prunkszenen des Melodramas bei diesem Autor“ – bis zu den sinnlosen Staubfabriken in Hermann Kasacks „Stadt hinter dem Strom“. Das Exquisite der Beispiele, gewiss nicht im Straßenstaub vor der Nase aufgelesen, lässt zugleich erahnen, wie vieles im Laufe der Arbeit aussortiert wurde.

„Ich vertraue auf die Logik der Abschweifung“, erklärt Kalka eingangs, und dem „Prinzip der ungesuchten Entdeckung“ (für die es das feine englische Wort „serendipity“ gibt), der „fruchtbar werdenden Nichthierhergehörigkeit“. Aber natürlich gehört das meiste durchaus hierher: Große Bögen, aber auch tollkühne Assoziationsketten ziehen sich vom Staubsaugerverkäufer in „Unser Mann in Havanna“ zurück zu Kleists Friedrich von Homburg und dem in mehrfacher Hinsicht umwerfenden Satz „In Staub mit allen Feinden Brandenburgs“.

Joachim Kalka: Staub. Ein Montage-Essay. Berenberg Verlag, Berlin 2019. 149 Seiten, 22 Euro.

Manchmal ist es ein ganz kleiner Schritt: Georg Christoph Lichtenberg bringt nüchtern und untertrieben (denn das ist keine kleine Erkenntnis) auf den Punkt: „Was man so sehr prächtig Sonnenstäubchen nennt, sind doch eigentlich Dreckstäubchen“. Der Expressionismus kontert anderthalb Jahrhunderte später mit moderner Poesie: „Laternenschein rinnt wie ein zarter Staub“. Das findet Kalka 1915 bei Ernst Blass, denn Kalkas Lesefrüchte haben mit „serendipity“ so viel zu tun wie mit detektivischer Arbeit – auch diese natürlich ein Fall, bei dem Staub eine zentrale Rolle spielt. Hierfür würde das Anhören von Drei-Fragezeichen-Kassetten reichen, Kalka aber bemerkt auch – wie Hercule Poirot selbst – den „infinitesimal speck of dust“, jenes unendlich winzige Staubkörnchen auf dem Hut des Ermittlers, welches dieser hiermit wegwischt. Die „Aussagekraft des Winzigen“ darf kein Detektiv ignorieren, auch wenn er es in Amerika staubig mag. „Ich saß in meinem staubigen Büro in Minneapolis“, so beginnt Snoopy einen Detektivroman und, so Kalka, stellt damit seine Genre-Festigkeit unter Beweis.

Dem Staub der Hausarbeit und des schlappen Lebens stehen der Staub der Katastrophe – Kalka nennt den 11. September 2001 als „Staub-Menetekel unserer Epoche“ – und der Staub des Todes nicht gegenüber. Es ist immer der gleiche Staub, selbst stets verschwiegen, mag es um ihn herum lärmen oder nicht. Das macht ihn affin für ironische Wendungen. „Schon alleene der Stoob is sehenswert“, kann der muntere Bürger beim Kaisermanöver erklären. Obwohl es dem Staub an Festigkeit mangelt, lauern in diesem Zeile um Zeile lohnenden Buch überall kleine Fallen.

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