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Jhumpa Lahiri.

Roman

Jhumpa Lahiri: „Wo ich mich finde“: Die Frau, die allein ist

  • vonKatharina Granzin
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Die Pulitzerpreisträgerin Jhumpa Lahiri hat zum ersten mal einen Roman auf Italienisch geschrieben: „Wo ich mich finde“ erkundet ein gefasstes Fremdsein in der Welt.

Die Autorin Jhumpa Lahiri, 1967 in London geboren, hat einen langen Weg hinter sich. Aufgewachsen in den USA mit Bengali als Mutter-, dann Englisch als Bildungssprache, wurde sie in ihrer Zweitsprache zur bekannten, ja gefeierten Autorin. Gleich für ihren ersten Band mit Kurzgeschichten (auf Deutsch „Melancholie der Ankunft“) bekam sie im Jahr 2000 den Pulitzerpreis.

Die genaue Beobachtung von Alltagssituationen, das Ahnbarmachen von dahinter verborgenen Bedeutungen, und das alles in einer klaren, poetisch genauen Sprache: Das ist die Kunst dieser Autorin, die in fast allen ihrer Bücher – Kurzgeschichtenbände und Romane – aus dem Leben von in den USA lebenden bengalischstämmigen Menschen erzählt. Das Gefühl, überall irgendwie fremd zu sein, steht dabei im Zentrum, ist womöglich gar der Erzählimpuls.

Seit einigen Jahren ist Jhumpa Lahiri dabei, sich eine weitere sprachliche Behausung zu schaffen: im Italienischen. In ihrem sehr persönlichen Essayband „Mit anderen Worten“ (2017 auf Deutsch herausgekommen), ihrem ersten auf Italienisch verfassten Buch, beschrieb sie den langen, mühsamen Prozess des Sich-Aneignens der italienischen Sprache und Kultur.

Und nun hat sie sogar ihren ersten Roman auf Italienisch geschrieben. Leider ist die Übersetzung mitunter allzu sorglos. Mal macht ein Austrizismus auf sich aufmerksam – „Kassa“ statt „Kasse“, „niedere“ statt „niedrige“ –, mal ein völlig unnötiger Italianismus – warum steht da „ein Signore“ und nicht „ein Herr“? –, mal stutzt man ob eines anderen nicht ganz passenden Wortes. Schade bei einer so skrupulös arbeitenden Autorin! Lahiris schlicht-schöner Sprachrhythmus ist aber erhalten geblieben.

„Wo ich mich finde“ ist die Geschichte einer Frau, die allein in einer italienischen Universitätsstadt lebt. Diesmal gibt es kein Fremdsein zwischen Kulturen; es ist eher ein Fremdsein in der Welt, das die namenlos bleibende Ich-Erzählerin kennzeichnet. Sie ist eine Frau um die vierzig, Dozentin für Literaturwissenschaft, gebildet, wohlsituiert, attraktiv und alleinstehend. Obwohl es eigentlich viele Menschen in ihrem Leben gibt – Studierende, Kolleginnen und Kollegen, Freundinnen, Freunde, eine Mutter, einen Liebhaber –, obwohl sie in ihrem Viertel bei allen Verkäufern bekannt und beliebt ist, ändern die vielen sozialen Begegnungen doch nichts an einem tief gefühlten – und selbst gewählten – Alleinsein. Sie zieht es vor, allein zum Mittagessen zu gehen, sie geht allein schwimmen, allein ins Theater, verbringt ein Wochenende allein im Landhaus von Freunden. Treffen mit anderen Men-schen, ob angenehm oder nicht, bleiben flüchtig.

Lahiri erzählt vom Leben dieser Frau in Szenen, Kapiteln, die höchstens wenige Seiten lang sind. Das Episodenhafte ist wenig romanhaft, es verweigert sich jeder epischen Entwicklung. Letztlich spiegelt sich darin wohl auch das Leben selbst – jedes Leben –, das in der außerliterarischen Realität ja auch nicht in narrativ-dramatischer Abfolge, sondern eher episodenhaft fortschreitet.

Dennoch ist die Lektüre fesselnd, und es lässt sich gar nicht so leicht sagen, warum. Eine Teilantwort liegt in Lahiris Beobachtungsgabe, ihrer Fähigkeit, Alltagsdetails mit hingebungsvoller Genauigkeit zu schildern. Diese Zugewandtheit zum Kleinen, die sie ihrer Ich-Erzählerin leiht, bewirkt, dass die Protagonistin trotz der Einsamkeit, zu der ihr Alleinsein mitunter wird, als mit der Welt verbunden erscheint. Diese Frau scheint nicht unglücklich zu sein. Sie ist aber auch nicht glücklich, sondern lässt vielleicht weder das eine noch das andere zu.

Das andere Geheimnis von Lahiris Schreiben liegt wohl hinter dem Text, in dem, was sich nur andeutet. Die Geschichte einer unglücklichen Kindheit wird bruchstückhaft sichtbar, die Beziehung zu den Eltern scheint unzureichend aufgearbeitet. Eine mögliche, aber nicht ausgelebte, Liebesbeziehung mit dem Mann einer Freundin wird wiederholt thematisiert, Begegnungen aufgeladen mit nicht eingelöster Bedeutung. Eine Person mit dem Titel „Liebhaber“ aber bleibt eine blasse Randfigur am Telefon.

Als die Frau den Entschluss fasst, ein Stipendium ins Ausland anzunehmen, ist auch das keineswegs verbunden mit hochfliegenden Erwartungen. Stattdessen: „Ein ganzes Jahr lang (...) muss ich nicht einkaufen, weder kochen noch Geschirr spülen. Ich werde an keinem einzigen Abend allein essen müssen.“ Die bevorstehende Auslandserfahrung ver-bindet sich nicht mit der Vorfreude auf neue Horizonte, sondern primär mit der Aussicht auf ein Aufgehobensein in ritualisierter Gemeinschaft. Und das hat nun doch etwas von einer Flucht aus dem eigenen Leben.

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