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Thriller-Grandseigneur und nüchterner Moralist: John Le Carré.
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Thriller-Grandseigneur und nüchterner Moralist: John Le Carré.

Bewegtes Leben

Der Jesus der Papierflieger

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Es gibt kein richtiges im falschen (Geheimdienst-)Leben: John Le Carrés neuer Spionageroman "Marionetten".

An diesem Morgen läuft im Radio etwas über "Memorial", eine 1988 in Russland gegründete Menschenrechtsorganisation. Mit halbem Ohr hört die Rezensentin etwas über die andauernden Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien. Über Vergewaltigung und Folter. Über Tschetschenen, die spurlos verschwinden. Später gibt es die Börsenkurse. Die allseits traurigen Nachrichten sind wie die Beglaubigung eines Buches, das keine Beglaubigung bräuchte: So plausibel macht es die Verwerfungen und bodenlosen Dummheiten im so genannten Kampf gegen den Terror zu seinem Thema. In einem Ton lakonischer Ironie, der das, was erzählt wird, beunruhigender erscheinen lässt, als es melodramatische Aufgeregtheit täte.

John Le Carrés neuester Roman ist dieser Tage erschienen, und der 1931 geborene, selbst einst für den britischen Geheimdienst MI 6 arbeitende Autor des "Spions, der aus der Kälte kam" lässt in seinem Genre immer noch die meisten Konkurrenten weit hinter sich - auch die, die wie er wissen, wovon sie reden. Sein Stil ist von mühelos wirkender Eleganz, in seinen Dialogen ficht er mit dem Florett. Seine Orts- und Sachkenntnis ist so profund wie seine Beherrschung des Handwerks. Und er schafft, anders als etwa John Grisham, Charaktere, die der Leser eben nicht in eine Schublade schieben und dort vergessen kann.

In "Marionetten" ist Issa eine solche Figur. Sohn einer Tschetschenin, deren Schönheit die Lust eines russischen Militärs weckte. Der vergewaltigte sie, sie wurde von ihrer Familie nach Geburt des Sohnes getötet, der Schande wegen. Der Junge, der sich Issa nennt (Arabisch für Jesus), gerät in die Foltermühlen der Russen, der Türken, kann schließlich nach Hamburg fliehen. Wo er aber keine Heilung und auch nicht das ersehnte Medizinstudium findet, sondern "A Most Wanted Man" - so der Titel des Originals - ist, im hässlichen Widerstreit der deutschen, britischen, amerikanischen Geheimdienste.

Eine junge Anwältin der Organisation "Fluchthafen Hamburg" versteckt Issa in ihrem Loft. Dort bastelt dieser seltsame Heilige Papierflieger (!) oder tanzt barfuß zu klassischer Musik. Ob er der reine Tor ist, für den ihn die Anwältin hält, oder der Schläfer, den manche der Geheimdienstler in ihm sehen (wollen) - Le Carré gibt keine abschließende Antwort.

Doch lässt er die Terroristenjäger gar nicht gut aussehen in diesem vor allem auch moralischen Streit, in dem es keine richtige Ermittlung in der falschen geben kann. Die Briten befördern das Waschen kommunistischen Geldes; eine Vermutung genügt den Amerikanern, um Menschen an einen Ort verschwinden zu lassen, an dem sie sie in Ruhe foltern können; und die Deutschen reiben sich in Kompetenzstreitigkeiten auf. Wie die meisten der Krimi- und Thriller-Autoren ist Le Carré ein Moralist, wie die wenigsten bietet er noch nicht mal das Fitzelchen eines Happyends an.

Alles läuft auf die Verantwortung des Einzelnen hinaus, und dessen Gewissen kann sich aus vielerlei Gründen melden. Tommy Brue etwa, Banker, möchte plötzlich Gutes tun, weil er in die Anwältin verliebt ist. Diese wiederum musste erleben, wie ein von ihr Betreuter abgeschoben und in seiner "Heimat" offenbar getötet wurde, und will es bei Issa besser machen.

In Interviews hat John Le Carré kürzlich erzählt, dass es ein Gespräch mit dem viereinhalb Jahre in Guantánamo festgehaltenen Murat Kurnaz war, das ihn anregte zur Figur des Issa. Aber auch ohne diese Information ist gewiss, dass er genau hingesehen, genau zugehört und dann ein ebenso herb desillusionierendes wie berührendes Buch geschrieben hat.

John Le Carré: Marionetten. Aus dem Englischen von Sabine Roth und Regina Rawlinson. Ullstein-Verlag 2008. 368 Seiten, 22,90 Euro.

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