Jessica Andrews.
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Jessica Andrews.

Jessica Andrews

Niemand ist je weit weg

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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„Und jetzt bin ich hier“, ein unsentimentaler, lebensvoller autobiografischer Roman von Jessica Andrews.

In Großbritannien wurde im vergangenen Jahr der Roman „Saltwater“ der jungen Jessica Andrews vor allem dafür gefeiert, dass er erzählt werde von einer selbstbewussten Stimme aus der Arbeiterklasse. In Interviews hat Andrews die starken autobiografischen Anteile nicht bestritten: das Aufwachsen im nordostenglischen Sunderland in einer Familie, die gerade so über die Runden kam; der taube, jähzornige Bruder; das Studium in London und Jobben als Kellnerin; nach dem Uni-Abschluss der Umzug ins irische Donegal, als die Ich-Erzählerin/die Autorin am Rand der Welt das Cottage ihres Großvaters erbt. Sie kommt zur Ruhe, schreibt mit Mitte zwanzig das Buch, das auf Deutsch in einer feinen Übersetzung Anke Caroline Burgers unter dem Titel „Und jetzt bin ich hier“ erschienen ist. Trotz aller offensichtlichen Parallelen zu ihrer Biografie verweist Jessica Andrews im Interview auf die gestalterische Freiheit im Detail, die ihr das Label „Roman“ gegeben habe.

Vor allem aber hat sie die Entscheidung getroffen, die unterschiedlichen Erzählstränge in viele Kapitelchen zu fragmentieren – dies ist wortwörtlich zu verstehen und geschah mittels Papierausdrucken und Schere –, zu vermischen und Zeitsprünge zuzulassen. Der Roman funktioniert dadurch ähnlich dem menschlichen Gedächtnis. Ist aber wohl doch etwas besser sortiert, denn man verliert nie den Faden bzw. kann ihn nach einigen Kapiteln immer wieder aufnehmen.

Die Erzählerin namens Lucy erinnert sich an Washington (England), wo sie zur Schule ging, an einen schrecklichen Klotz von Einkaufszentrum, in dem „Mütter in samtigen Jogginganzügen ihre Sportwägen schoben“, an die dortigen Nissan-Autowerke und die Mitschüler, die wissen, „dass ihre Zukunft in der Fabrik nur darauf wartete, dass sie in ihre Blaumänner hineinwuchsen“. Die Erzählerin erinnert sich an ihre Großmutter, wie diese morgens drei Zigaretten raucht, starken Tee trinkt und sich schminkt, ehe sie zu ihrem Fischstand geht. Später erinnert sich Lucy an ihre Arbeit in Jays Pub – nie ohne dicken Lippenstift, den sie als Schutz empfindet –, einmal auch an eine Geburtstagsparty, zu der ein Mitstudent und saudi-arabischer Prinz in ganz großem Stil einlädt. Auf einer Marmortreppe gerät sie, alkoholisiert, auf hohen Absätzen, ins Stolpern und stürzt hinunter, verletzt sich aber nur leicht. Sie und ihre Freundin Carly wissen nicht, ob sie losprusten oder „sich zu Tode schämen“ sollen.

Das Buch

Jessica Andrews: Und jetzt bin ich hier. Roman. A. d. Engl. v. Anke Caroline Burger. Hoffmann und Campe 2020. 334 S., 23 Euro.

Lucy versteht sich schon eine Weile nicht mehr gut mit ihrer Mutter, die als Krankenschwester arbeitet. Immerhin sitzen sie in Donegal gemeinsam am großen Feuer, in dem sie die Sachen des Großvaters verbrennen – was anderes könne man damit nicht machen, findet die Mutter, denn die Möbel haben Holzwurmlöcher, in den Matratzen lebt Ungeziefer. Das Federbett, das Sofa, Socken und Unterhosen landen im Feuer. Lucy hat das Gefühl, „dass sich kleine Flöckchen der Kleider und Möbel meines Großvaters in meiner Lunge absetzten“. Nach der immerhin das Herz leichter machenden Aktion fliegt die Mutter wieder nach England, bleibt Lucy in Irland.

Es gibt auch einen Vater, blonde Locken, „groß und sanftmütig“ – und Alkoholiker. Alles kann er bauen, alles reparieren, nur sich selbst nicht. Regelmäßig verschwindet er für Tage, die Familie gewöhnt sich daran, doch in London geht Lucy doch einmal zur Polizei. (Dass ihre Mutter nicht kommt und nach ihrem Mann sucht, scheint Grund für den Bruch zu sein.) An Weihnachten, wenn bei Lucys Onkel, in dessen Haus mit Jacuzzi gefeiert wird, liegt ihr Vater sturzbetrunken im Wohnzimmer, „während die andern um ihn herumtanzten“.

Jessica Andrews hält ihren autobiographischen Roman frei von Sentimentalität, Selbstmitleid und Psychologisieren. Ihr Erzählton ist nüchtern, sachlich, ohne dass das zulasten der Anschaulich- oder Sinnlichkeit geht. Sie weiß ihre Worte so zu wählen und setzen, dass sie Licht werfen auf kleine alltägliche Szenen, dass Eindrücke und Bilder bleiben. Und das auch, wenn sie einen irischen Liebhaber/Freund distanziert nur „den Mann“ nennt: Man hat in seinem Leben Männer wie ihn kennengelernt, die lässig sind oder so tun, die mit 160 über Landstraßen brettern und dann zur Sache kommen wollen.

Die junge Frau – die Ich-Erzählerin, die Autorin – versucht, ihren Weg zu gehen, das klappt mal mehr, mal weniger gut; sie tut aber nicht so, als sei ihr Leben in irgendeiner Hinsicht bemerkenswert, beziehungsweise bemerkenswerter als das von anderen. Es klingt nur an, dass ihr Hintergrund – working-class, wir erinnern uns – es ihr etwas schwerer macht in London, an der Uni, bei den reichen Kindern. Dann beschreibt sie sich als eine, die bei ihren Mitstudentinnen auf jede Kleinigkeit achtet, auf die Klamotten natürlich, auf Schminke, Gesten. Lucy/Jessica möchte eintauchen in die Gemeinschaft, unsichtbar werden. Aber sie kann einfach nicht aufhören zu beobachten und bewerten.

Es strengt sie an. Und so packt sie ihre Sachen und zieht nach Donegal ins Steinhaus, das sie von Kindesbeinen an kennt, wo sie aufs Meer blicken und das Gefühl haben kann: „Hier ändert sich nie etwas.“ Sie weiß, dass das nicht stimmt, dass die Leute natürlich älter werden, dass sie sterben. Aber in der Erinnerung der Lebenden gilt: „Niemand geht verloren. (...) Niemand ist je weit weg.“ Das gilt umso mehr, wenn von Menschen und Dingen berichtet wird, wie Jessica Andrews von ihnen berichtet.

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