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Jerusalem sehen zur Mittagszeit

Der Historiker Walter Lacquer schreibt die Geschichte einer vielfältigen, umkämpften, verehrten alten Stadt

Von ALEXANDER KLUY

"Dies ist ein Erinnerungsbuch voller Eindrücke und Reflexionen über Juden und Araber sowie den Konflikt zwischen ihnen, über Nationalismus und Religion, über Zionismus und Postzionismus, …, über Krieg und Frieden und die Ungewissheiten der Zukunft, über Menschen, die ich im Laufe der Jahre kennen gelernt habe." Walter Laqueur hat sich nichts Geringes vorgenommen. Doch wer außer diesem heute 85-jährigen anglo-jüdischen Publizisten deutscher Herkunft kann auf 65 Jahre intime Kenntnis dieser Stadt zurückschauen, wer kennt derart lange Jerusalem aus eigener Anschauung und kann ihre politische, kulturelle und religiöse Gegenwart wie Zukunft so kundig analysieren?

Walter Laqueur hat nie eine reguläre akademische Ausbildung genossen und ist doch ein hoch produktiver Historiker. Von 1964 bis 1991 leitete er das Londoner Institute of Contemporary History, seit Ende der sechziger Jahre ist er Mitarbeiter des Center of Strategic and International Studies in Washington DC. Als Kenner der politischen wie der intellektuellen Geschichte Europas, Amerikas und Russlands durch zahlreiche gewichtige Publikationen ausgewiesen, entstammen seiner Feder aber auch wichtige Bücher über den zeitgenössischen Terrorismus und die Geschichte des Zionismus. "Jerusalem sah ich zum ersten Mal am 15. November 1938 zur Mittagszeit, und manchmal scheint es mir, als wäre es erst gestern gewesen." Laqueur war 17 Jahre alt, als er den Boden Palästinas betrat - allein. Auf "legalem" Weg hatte er Deutschland verlassen; kurz vor der so genannten Reichspogromnacht konnte er via Triest fliehen. Seine Eltern und viele seiner Verwandten, denen die Ausreise aus Nazideutschland nicht mehr gelang, kamen im KZ um. Laqueur blieb achtzehn Jahre in Palästina, dem heutigen Israel, und siedelte 1956 nach Europa um, später dann in die Vereinigten Staaten.

Visionäre, Träumer und Anarchisten

Doch seine Gefühle waren von Anbeginn an zwiespältig. Zionist war er nie, religiös genauso wenig. Im Spätherbst 1938 erschien ihm Jerusalem grau, hässlich, abweisend und arm. Er schlug sich als Landarbeiter und Kibbuznik, später, in Jerusalem, als Journalist durch und lernte viele Menschen kennen, die er in diesem Erinnerungsbuch mit kräftigem Strich skizziert. Darunter sind Emigranten wie der deutsche Geschichtsprofessor Richard Koebner, aber auch überzeugte Zionisten, junge politische Talente, etwa die spätere Ministerpräsidentin Golda Meir von der Mapei, der israelischen Arbeiterpartei, wie Professoren, Gelehrte und Koryphäen der Hebräischen Universität wie beispielsweise Gershom Scholem.

Andere waren Visionäre, Träumer, Anarchisten und Marxisten, Baumeister und Aktivisten, deren Namen heute keiner mehr kennt. Etwa jenen des ein Konzept friedlicher Binationalität verfechtenden Verleger Gabriel Stern, der einer Gruppe namens Ichud, Union, angehörte, die Ideen konträr zum Mainstream nicht nur der vierziger und fünfziger Jahre verfocht und deren Konzepte zwangsläufig scheitern mussten. Genau so aufschlussreich geraten aber Laqueur auch die Porträts führender arabischer Familien und wohlhabender Handelsdynastien aus der im westlichen Ausland ausgebildeten politisch moderaten Palästinensergeneration vor Arafat und Abu Nidal.

Es sind gerade diese pittoresken Schilderungen brillianter, verschrobener, erfolgreicher und scheiternder Figuren der vierziger Jahre, die in kaum einer offiziellen Geschichte Berücksichtigung gefunden haben und die dieses so lesenswerte, viele über Jerusalem verbreitete Mythen und Gemeinplätze konterkarierende Buch zu weitaus mehr als einem Stadtporträt machen. Wer weiß etwa schon Näheres über Mordechai Shenhabi, der mehr als zehn Jahre für seine große Idee einer nationalen Gedenkstätte focht und tatsächlich noch erlebte, wie Yad Vashem Formen annahm; wer kennt den Archäologen Eliezer Sukenik oder Menashe Eliachar, der einer sephardischen Kaufmannsfamilie angehörte und lebenslang für eine israelisch-arabische Versöhnung eintrat.

Biografischer Spaziergang

Laqueurs Ausgangspunkte und Gedächtnisstützen sind dabei nicht Tagebuchaufzeichnungen oder alte Briefe, nicht die Bibel oder Zeitungsarchive, sondern das Jerusalemer Telefonbuch von 1946 und das Who's Who von 1947. Jedes Kapitel nimmt seinen anschaulichen Ausgang bei einem persönlichen, biographischen Spaziergang durch die Straßen eines Jerusalemer Stadtteils, durch Rehavia, früher ein europäisch geprägtes Akademikerviertel, heute nationalreligiös geprägt, oder Mea Sharim, einem Bezirk, der nun fest in ultraorthodoxer Hand ist und Laqueur fatal an die bitterarmen atavistischen shtetl Osteuropas erinnert. Daran knüpfen sich dann gelegentlich allzu ab- und ausschweifende Reflexionen und kritische, teils harsche Analysen des Gegenwartsisraels.

Eine Autobiographie ist dieses Buch aber nicht. Dafür schreibt Laqueur zu sachlich, dafür ist sein Ton zu nüchtern. Sentimentales findet man bei ihm nie, Privates nur ganz am Rande. Laqueur ist distanzierter Beobachter Jerusalems, dieses kulturell-religiösen Symbols zweier Weltreligionen. Gerade an dieser übergroßen symbolischen Aufladung wird sich laut Laqueur Jerusalems Zukunft entscheiden. Wird es wie so häufig entscheidender Stolperstein auf dem Weg zum Frieden sein?

Heute steht Jerusalem zusehends unter dem Einfluss ultraorthodoxer Strömungen, auch der derzeitige Bürgermeister Uri Lupolianski zählt zu dieser Gruppierung. Diese lehnen den Staat Israel und dessen geistiges Fundament, den Zionismus, rigoros ab, überleben andererseits aber nur auf Grund finanzieller Unterstützung seitens ebendieses Staates. Laqueur spart weder an Kritik an dieser Bewegung noch an anderen, die geistige Existenz der Stadt gefährdenden Entwicklungen.

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