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Jeremy Adler „Goethe“: Beste Goethe-Propaganda

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Aus „Zur Farbenlehre“, von Johann Wolfgang von Goethe.
Aus „Zur Farbenlehre“, von Johann Wolfgang von Goethe. © Imago/Heritage Images

Jeremy Adlers begeisterte Biographie des Dichters. Von Malte Osterloh

Jeremy Adlers Goethe-Biographie ist zum Glück keine. Anstatt die hunderttausendste Lebensdarstellung des größten deutschen Dichters zu liefern – Adler ließe vermutlich „Dichters“ weg, ja wahrscheinlich sogar „deutschen“ –, hat sich Adler vorgenommen, „eine neue Art von Buch (zu) schreiben, die Goethe in seinen vielfältigen Verbindungen zu Vorgängern wie auch Nachfolgern zeigt.“ Ob man es nun wirklich mit einer „neuen Art von Buch“ zu tun hat und ob es überhaupt sinnvoll ist, bei Schriftstellern, Künstlern allgemein von Vorgängern und Nachfolgern zu sprechen, darf man zwar bezweifeln (ein Nachfolger Schillers ist ebenso schwer zu finden wie ein Vorgänger Goethes; gemeint sind ja keine Stadtschreiberposten); erfrischend ist Adlers Idee allemal: sich zu konzentrieren auf die zahlreichen Einflüsse, denen Goethe ausgesetzt war, und der breiten Wirkung, die sein Schaffen entfaltete.

In Adlers Darstellung gibt es kaum ein Gebiet, das Goethe nicht berührte und das er nicht prägte – wenn auch manchmal mit über einem oder zwei Jahrhunderten Verzögerung: Philosophie, Geschichtsschreibung, Soziologie, Ökonomie, Biologie, Physik; die Literaturgeschichte kommt dabei glatt etwas kurz, wobei Adler selbst jedoch Goethes Werke immer wieder elegant und originell interpretiert.

Adler scheint sich in vielen dieser Bereiche besser auszukennen als die meisten Germanisten und Germanistinnen – auf jeden Fall als der Rezensent. Die „Farbenlehre2, eine Kampfschrift gegen Newtons „Opticks“, hielt Goethe selbst für seine größte Leistung und viele Literaturwissenschaftler für seine größte Versponnenheit. Bei Adler erhält dieses selten gelesene Werk besondere Meriten, stehe es doch am Anfang der „modernen Physik im Sinne Einsteins“. Das nimmt man bewundernd, aber auch erstaunt zur Kenntnis, ebenso wie die Schussfolgerung: „In Zukunft wird es deshalb notwendig sein, Goethe eine führende Rolle in der Entwicklung der modernen Physik zuzugestehen.“

Vielleicht übertreibt es Adler ab und zu, und nicht jeder Wissenschaftler, der ein bekennender Goethe-Leser ist, verdankt dem Dichter wesentliche Einblicke in das eigene Fach; und vielleicht überschätzt er hie und da die Goethe-Rezeption: „Auch im heutigen Diskurs über Themen wie Nachhaltigkeit findet Goethe ganz unmittelbar einen Platz. Der ‚grüne Goethe‘ ist zu einer festen Redewendung geworden.“ Fridays for Future mit der „Metamorphose der Pflanzen“ im Rucksack? Wohl eher nicht.

Ein das ganze Buch durchziehendes Thema ist Goethes Liberalismus, ja es scheint Adler ein drängendes Anliegen zu sein, Goethe zum Liberalen zu erheben. Erheben, denn „liberal“ ist hier ein Ehrentitel, allerdings ein unscharfer. Dass es sich dabei um einen historischen Wandlungen unterworfenen Begriff handelt, bleibt unberücksichtigt. Man glaubt zu verstehen, was Adler ungefähr meint, aber gerade dafür ist die textliche Grundlage doch eher dünn, wenn nicht glatt widersprechend.

Das Buch:

Jeremy Adler: Goethe. Die Erfindung der Moderne. Eine Biographie. A. d. Engl. v. Michael Bischoff. C. H, Beck 2022. 656 S., 34 Euro.

Denn ist das liberal, jeden einzelnen Menschen „nur als Supplement aller übrigen zu betrachten“, wie Goethe es in der „Italienischen Reise“ formuliert? Und will man Adlers Diagnose, dass Goethe teilgehabt habe an dem „ausgesprochen modernen Humanismus, der nicht den Einzelnen, sondern die Vielen als wahren Maßstab anerkennt,“ als Argument für den Liberalismus des „Weimaraners“ betrachten? Modern kann das zwar schon sein, aber sicher nicht liberal, und der Position Goethes kommt es auch nicht unbedingt nah.

„Ganz wie ich da bin“

Etwas vernachlässigt wird bei Adler die „Entsagung“, eine der wichtigsten Denkfiguren des späten Goethe und in ihrer ambivalenten Stellung zur Moderne besonders interessant: Einerseits kann man die Moderne fördern, indem man allumfassenden Selbstverwirklichungsphantasien entsagt, weil die modernetypische Arbeitsteilung Spezialisten und Spezialistinnen braucht; andererseits bedeutet diese Entsagung eine Abkehr vom großen Moderneversprechen eben der Selbstverwirklichung. Wilhelm Meisters Wunsch, „mich ganz wie ich da bin auszubilden“ aus den Lehrjahren, reduziert sich in der modernen Welt der Wanderjahre de facto auf „mich auszubilden“; das Ganze ist in der fragmentierten Moderne das Unpraktische.

Goethes Melancholie und sein Fremdheitsgefühl gegenüber der eigenen Zeit spielen bei Adler quasi keine Rolle. Zwar lehnt er die These vom Glückskind zurecht ab, Goethe soll aber ein Optimist sein. Dafür gibt es auch einige Argumente. Aber es gibt eben auch Zitate wie dieses: „Ich bin, mit meinem Zustande in Rom verglichen, eigentlich nachher nie wieder froh geworden.“ So Goethe gegenüber Eckermann. Und danach kamen unter anderem eine durchaus glückliche Ehe, nicht unbedingt misslungene Werke und bereits zu Lebzeiten der Status als prägende Figur eines Zeitalters.

Goethe ist in dieser Darstellung eventuell etwas zu modernefreudig, etwas zu erfinderisch, etwas zu groß. Adler berauscht sich mitunter an der eigenen Goethe-Begeisterung. Aber alles in allem ist es ein wunderbares, unterhaltsames Buch geworden, Goethe-Propaganda im besten Sinne.

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