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Jens Balzer: „Schmalz und Rebellion“ – Spiel noch einmal für mich, Habanero

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„I was born in XIXAX“: Nina Hagen, hier bei einem Auftritt 2010.
„I was born in XIXAX“: Nina Hagen, hier bei einem Auftritt 2010. © © epd-bild / Gustavo Alabiso

Jens Balzer untersucht den deutschen Pop und seine Sprache. Von Jens Buchholz

Der Kulturjournalist Jens Balzer entwickelt sich langsam, aber sicher zum Genealogen der deutschen Popkultur. Mit seinem Buch „Pop“ knipste er eine Momentaufnahme der Popmusik des Jahres 2015. Mit „Pop und Populismus“ untersuchte er rechte Tendenzen in der Popkultur. Und mit seinen beiden großartigen Büchern über die 70er und 80er Jahre zeichnete er ein differenziertes Bild der Popkultur dieser beiden Jahrzehnte nach. Sein neues Buch „Schmalz und Rebellion. Der deutsche Pop und seine Sprache“ ist eine prägnante Genealogie der deutschen Popmusik von den 50ern bis in die Gegenwart. Da Popkultur ein transnationales Phänomen ist, liegt es nahe, den Fokus auf die Texte zu legen: Wie wurde in Deutschland die Popkultur lokalisiert?

„Im Pop soll das Fremde zu etwas Eigenem gemacht werden“, so Balzers These. Die Popkultur dreht sich um Identität. Die Popmusik spielt mit ihr. Sie erfindet neue Formen der Identität, variiert und modernisiert Traditionen und wird so zum Lifestylevorbild. Darum sind Popidentitäten immer konstruiert. Die deutsche Popidentität entsteht laut Balzer durch ein dialektisches Verhältnis von Heimat und Ferne, Heimweh und Fernweh, Eigenem und Fremdem.

In den Nachkriegsjahren bis Anfang der 60er war der Schlager dominant. Es wurde auf Deutsch gesungen. Aber dieses Deutsch war durchsetzt „... von nichtdeutschen Wörtern, Sätzen, Redewendungen und fremdländischen Akzenten ...“. Die Wirtschaftswunderdeutschen sehnten sich mit den Schlagern fort aus ihrem zerstörten Land, weg von ihrer Nazivergangenheit. Am liebsten nach Italien ans Meer oder nach Frankreich. Der Schlager entfaltete Urlaubsfantasien und Exotismen. Als Paradebeispiele für diese Art des Schlagers führt Balzer die Hits von Caterina Valente an. „Ganz Paris träumt von der Liebe“ war ihr größter Hit, den sie in „kokettem französischen Akzent“ sang. „Spiel noch einmal für mich, Habanero“ dagegen hat spanische Anklänge und „Tipitipitipso“ führte sogar nach Mexiko. Andererseits erzielte Freddy Quinn mit Songs, die von Heimweh handeln, riesige Erfolge.

Der andere Sehnsuchtsort des deutschen Schlagers waren die USA. Bill Ramsey etwa sang mit starkem Akzent, dass Mimi ohne Krimi nie ins Bett gehe. Und ganz langsam schlich sich hier mit Peter Kraus’ biederen Songs der Rock’n’Roll im Schlagergewand in die deutsche Popkultur ein. Den Kindern der Kriegsgeneration kam er gerade recht.

Sie wandten sich von ihren restaurativ und repressiv agierenden Eltern ab. Und das Mittel der Rebellion war Pop. Nicht die Eltern und nicht die deutschen Schlagerstars waren die Vorbilder, sondern Elvis, die Beatles und die Rolling Stones. Deutsche Bands wie The Rattles oder The Lords übernahmen den Habitus ihrer Vorbilder und versuchten, alles Deutsche abzulegen.

Dabei imitierten diese Bands nicht nur die Kleidung, die Bewegungen und den Sound, sondern auch die englische Sprache. Die Texte der Beatband-Hits „Poor Boy“ von den Lords oder „Come On and Sing“ von den Rattles sind eher englisch klingende Lautmalereien. Eine Texttradition, die man bis in die 80er bei Modern Talking oder Sandra verfolgen kann. „In der englischsprachigen Beatmusik entstand also zum ersten Mal in Deutschland überhaupt so etwas wie eine eigenständige Popkultur, weil etwas Eigenes im Pop nur aus der (Fehl-)Aneignung von etwas Fremdem entstehen kann“, schreibt Balzer.

Das Buch

Jens Balzer: Schmalz und Rebellion. Der deutsche Pop und seine Sprache. Duden Verlag 2022.

224 S., 20 Euro.

In der Beatszene der DDR war der Widerstand mehr als eine Pose. Englisch singende Bands wie The Butlers verschwanden 1965 mit dem Verbot der Beatmusik. Aber schon ab 1967 wurde die Kulturpolitik wieder lockerer. Aus der ehemaligen Beatszene entwickelten sich Bands wie die „Klaus Renft Combo“, die jetzt auf Deutsch sang. Es entwickelte sich eine ausdifferenzierte Popmusikszene, aus der etwa Nina Hagen hervorging, deren Aneignung der Punkmusik auch den westdeutschen Pop stark beeinflusste.

In den 70er Jahren war es State of the Art für westdeutsche Popmusiker, englisch zu singen. Aber auch hier begann die Popkultur sich auszudifferenzieren. Linke Liedermacher wie Dieter Süverkrüp oder Hannes Wader sangen deutsch, um ihre Botschaften verständlich zu vermitteln. Gleichzeitig begann die Besinnung auf alte, traditionelle Musik. Bands wie Ougenweide sangen auf Mittelhochdeutsch. Achim Reichel sang auf Plattdeutsch. Mit dem Krautrock und Bands wie Neu!, Amon Düül II oder Can entwickelte sich eine Szene, die sich von jeder traditionellen Struktur befreien wollte. Texte gab es bei diesen Bands oft nur in einer Fantasiesprache.

„Es kam nicht mehr darauf an, was gesungen wurde“, schreibt Balzer, „sondern, auf welche Art gesungen wurde …“. Mit der Krautrockgruppe Kraftwerk kam das Deutsche als das Fremde und Exotische in die Popkultur zurück. Sie überspitzten das „typische Deutsche“ in ihrer Selbstinszenierung so sehr, dass es befremdlich wirkte und so aber auch wieder angeeignet werden konnte. Eine Linie, die direkt zu Rammstein führt, die dieses Konzept noch weiter überdrehten.

Musiker wie Udo Lindenberg oder Rio Reiser, als Texter der Band Ton Steine Scherben, schrieben dagegen deutsche Texte, die sich in ihrer flapsigen und jugendsprachlichen Ausdrucksweise eng an anglophone Vorbilder anlehnte. Bands wie BAP oder die Spider Murphy Gang verbanden internationale Rockmusik mit einem lokalem Dialekt und führten so vor, dass auch solche hybriden Konstrukte funktionieren. Und der Österreicher Falco vermischte seinen Wiener Dialekt mit dem Englischen und rappte seine Texte. Mit Falco, meint Balzer, „… war der Dialekt also gewissermaßen in der Postmoderne angekommen“.

Einem ähnlichen Prinzip folgte auch der türkische Gastarbeiter und Sänger Metin Türköz. Er machte in den 70ern traditionelle türkische Musik. In seinen Texten beschrieb er die Alltagsprobleme und das Heimweh der Gastarbeiter. Immer wieder sang Türköz seine Texte in einer Mischung aus Deutsch mit Akzent und Türkisch: „Guten Morgen Mayistero, auf Wiedersehen, Vormännero.“

Von hier verläuft ein roter Faden zu den Heidelberger Hiphoppern von Advanced Chemistry und ihrem megaeinflussreichen Rapszenen-Gründer-Track „Fremd im eignen Land“ im Jahr 1992. Und von dort aus geht es direkt zur heutigen, stark migrantisch geprägte Rapszene mit ihrem Sprachgemisch aus Arabisch, Kurdisch, Romanes, Englisch und den unterschiedlichsten Ethnolekten. Begriffe wie „Chabo“ oder „Babo“ sind längst in das Alltagsvokabular übergegangen und haben die deutsche Sprache verändert. Andererseits ist der Gangstarap oft misogyn, antisemitisch, Gewalt und Drogen verherrlichend und verbreitet Verschwörungsmythen.

Am Ende zieht Balzer mit dem 2021 erschienenen Track „Aus der Pussy“ der Rapperin Nashi44 ein Resümee. „Ohne Scham / fragt der Alman / woher ich kam“, rappt sie da. Ihre Antwort: „Ja, ich komme aus der Pussy ...“. Der Alman (also der Deutsche) solle seine auf die asiatisch aussehende Rapperin projizierten „Exotisierungspiele“ und „Urlaubsfantasien“ unterlassen, fordert sie. Das sei musikalisches Empowerment, meint Balzer, das die Zerrissenheit der eigenen Identität durch Zuschreibungen von außen zurückweise. Migrant oder Alman? Egal! Wir alle wurden irgendwo von unserer Mutter geboren, wir alle kommen „aus der Pussy!“. Nashi 44 beschreibt Identität als kontingentes und hybrides Konstrukt mit ein bisschen individuellem Selbstentwurf.

Popmusik ist Identitätspolitik. „Die schönste Popmusik, die man sich vorstellen kann“, meint Balzer am Ende, „ist eine, die so vielstimmig ist wie die Welt, aus der sie kommt.“

„Ganz Paris träumt von der Liebe“: Caterina Valente, hier in der TV-Musikshow „Bon soir, Kathrin ...“.
„Ganz Paris träumt von der Liebe“: Caterina Valente, hier in der TV-Musikshow „Bon soir, Kathrin ...“. © © epd-bild / Keystone

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