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Jenny Erpenbeck, 1967 in Ostberlin geboren. Foto: Katharina Behling
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Jenny Erpenbeck, 1967 in Ostberlin geboren.

Jenny Erpenbeck

Jenny Erpenbeck: „Kairos“ – Das Ende einer Liebe und eines Landes

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Jenny Erpenbecks „Kairos“ ist ein großer Roman zur Zeitgeschichte.

Muss denn alles zu Ende gehen? Es muss wohl, das Kleine wie das Große. Und weil also beides zu Ende geht, aber die Menschen, die es diesmal erleben, noch nicht sterben – erst viele Jahre später, und wenn sie nicht gestorben sind ... –, ist das Ende automatisch auch ein sogenannter Neuanfang. Ein neues, ein anderes Weitermachen, für einige ein Gewurschtel, ein Mist, für andere nichts davon. Es ist quälend, dass man sich nicht aussuchen kann, wann und wie alles zu Ende geht. Und was danach kommt.

Erstens bricht die DDR, „der alte, müde Staat“, zusammen, es geht nicht anders. Der Schriftsteller und überzeugte Sozialist Hans, Mitte 50, der nun nichts mehr zu arbeiten hat, denkt: „Während der Nazizeit haben von Bertolt Brecht bis Thomas Mann unzählige Schriftsteller ihre Heimat verlassen. Jetzt ist es umgekehrt: die Heimat verlässt ihn, während er sich nicht von der Stelle rührt.“ Die Studentin Katharina, Anfang 20, die von ihrer allerersten Venedig-Reise zurückkehrt, denkt: „Sie ist nach Berlin zurückgekehrt, aber Berlin ist jetzt eine andere Stadt.“

Zweitens endet die Liebe von Hans und Katharina. Auch das ist ein komplizierter Fall. Die Autorin und Konstrukteurin spielt das Kleine (die Liebe, und wenn sie noch so groß ist) und das Große (das Land, und wenn es noch so marode ist) nicht gegeneinander aus. Sie führt ihrer beider Ende auch nicht aufdringlich als Parallelaktion vor. Es passiert einfach in denselben Jahren. Es zieht sich einfach beides hin. Hans und Katharina erleben einfach beides, und beides ist für sie wichtig, lebenswichtig.

In ihrem Roman „Kairos“, der am heutigen Montag erscheint und dessen Nichtauftauchen auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis verstörend ist, unternimmt die Schriftstellerin Jenny Erpenbeck Naheliegendes und Imposantes. Aus zwei Kartons, die ein Verstorbener – Hans – hinterlässt und die seine ehemalige Geliebte – Katharina – nun in einer anderen Zeit, einem anderem Leben sichtet, lässt sie anscheinend die Vergangenheit wiederaufleben.

Die Vergangenheit lebt aber nicht aus den Kisten wieder auf, sondern allein dadurch, dass die Schriftstellerin sie aufschreibt. Eine Geschichte, die, wie sie hinten im Band klarstellt, Fiktion ist. Wie in jeder guten, wirklich lebenden Geschichte ist das fast unglaublich. Nicht nur, weil auch Menschen vorkommen, die eindeutig existiert haben, Heiner Müller Katharina wohlwollend zunickt; nicht nur, weil beispielsweise der Nazi-Vater von Hans schlimme Zeilen geschrieben hat, die man leicht wiederfindet, und dann sind sie von dem Historiker Reinhard Wittram (der allerdings im Nachkriegswesten gut zurechtkam). Vor allem gelingt es Erpenbeck erneut, den Ton zu finden – kühle Intensität, Distanz zu den Figuren, in die sie doch erfolgreicher hineinkriecht, als es einem Spion je gelingen könnte. „Wahrheit“, sagt nachher ein Bühnenbildner zu Katharina, die am Theater anfängt, „muss sehr gut gemacht sein, damit man sie erkennt.“

Das kommende Ende des Landes spielt zunächst kaum eine Rolle, wer hätte es 1986 auch vorausgesagt. Das Ende der Liebe ist, wie immer, wenn es um Liebe geht, nicht absehbar, obwohl Erpenbeck eine Liebe stiftet, die keine Zukunft hat. Wie das Land. Es ist zunächst einmal der 11. Juni 1986, der verheiratete Vater und erfahrene Fremdgänger Hans und die lebensfrohe Abiturientin Katharina lernen sich in einem Ostberliner Bus kennen. Reiner Zufall, dass sie beide die 57 genommen/bekommen haben, reiner, aber glücklicher Zufall, jener günstige Zeitpunkt aus der griechischen Mythologie, der Kairos heißt und den man an einer Haarlocke erwischen muss, sonst ist er schon wieder fort.

Das Buch

Jenny Erpenbeck: Kairos. Roman. Penguin Verlag, München 2021. 382 Seiten, 22 Euro.

Hans und Katharina wissen im ersten Moment nicht, wie ihnen geschieht, aber schon am Ende des Tages wissen sie es. Zusammen kommen ihre Jahrgänge auf genau hundert Jahre, einiges spricht dafür, dass Katharina ihren mit der Autorin teilt, 1967, und Hans 1933 geboren worden ist. „Er denkt, solange sie will, kann es kein Fehler sein. Sie denkt, wenn er mir alles überlässt, wird er schon sehen, was Liebe ist.“ Die Heimlichtuerei stört sie zu keinem Zeitpunkt, dass Hans sadistische Züge hat, ebenso wenig. „Festbinden? sagt sie und lacht.“

Als Hans, der Verheiratete, herausfindet, dass Katharina ein Verhältnis mit einem jungen Mann ihres Alters angefangen hat, demütigt er sie, wie er nur kann. Das Kippen in eine toxische Beziehung (die noch lange nicht vorbei ist) schildert Erpenbeck so scharf und hart wie das nun für alle sichtbar werdende Straucheln des Staates.

Hans, der Überzeugte und Gebildete, gibt der Autorin die Möglichkeit, auf hohem Niveau zu reflektieren, ohne ins Theoretische zu gleiten. So sieht er, dass der „Abstand“, den Katharina „zu diesem Staat hat, enorm ist. Abstand, denn Widerstand ist es nicht, nur etwas wie Desinteresse, politische Müdigkeit, die zu ihrer Jugend in einem ihm nicht ganz geheuren Missverhältnis steht. So als wüsste sie nicht einmal mehr, wonach zu suchen sich lohnte. Er dagegen war bis zum Ende des Krieges ein glühender kleiner Nazi gewesen. Bei ihm war, für einen schlechten Zweck, die Manipulation wesentlich besser gelungen. Aber warum?“ Dabei begreift auch Katharina, wo sie lebt und warum. „Sie kann sich an keine Zeit ihres Lebens erinnern, in der sie nicht gewusst hätte, dass in Deutschland der Tod nicht das Ende, sondern der Anfang von allem ist. Sie weiß, nur eine sehr dünne Schicht von Erde ist hierzulande über die Knochen, über die Asche der Verbrannten hingestreut, andere Schritte als die über Schädel, Augen, Münder, Gebein kann ein Deutscher nie wieder gehen, jedes Vorwärts reicht in diese Tiefe, an der muss jeder Weg sich messen lassen, ob einer das will oder nicht.“

Die DDR, das untergegangene Land, ist in „Kairos“ nicht simpel der Ort, an dem man nicht alles kaufen kann. Obwohl man eindeutig nicht alles kaufen kann. Katharina darf einmal Verwandte in Köln besuchen. Und geht natürlich einkaufen.

Jenny Erpenbeck, die einer Westdeutschen ihres Jahrgangs von einem unbekannten Land erzählt, macht keine Politik. Sie macht es sich und uns auch nicht einfach. Außer Hans kann im Roman keiner mehr für die DDR eintreten, sein Sohn nicht, seine Frau nicht, Katharinas Mutter nicht, deren zweiter Mann nicht. Auch Katharina verlässt mit anderen den Hörsaal, als der Dozent von „Konterrevolution“ spricht. Jetzt denkt sie beim Ernteeinsatz an die Szene, während sie Blumenkohlköpfe abschneidet: „Sicher sind ihre Namen registriert worden. Noch eine halbe Stunde später hat sie einen Kloß im Hals gehabt – aus Rührung über ihr eigenes Empörtstein. Zack, wieder ein Kopf ab. Ist jeder Heldenmut eitel?“

Auch die Erzählerin Erpenbeck hält also Abstand. Den Abstand, den es braucht, um sehr genau hinzuschauen. „Alles zerfällt jetzt. Einiges ist kollabiert, einiges zerschlagen, anderes im Aufbruch. Hans erinnert sich an einen Blick durch Ingrids Mikroskop: erhitzte Moleküle in einer Versuchsanordnung, manche rasen, manche schweben, manche taumeln. Die Frage ist nur, sagt Ingrid, welche Form das Ganze annehmen wird, wenn es sich wieder zurückverwandelt in Feststoff.“ Auch Ingrid, Hans’ Frau, hat gegen die marode Regierung demonstriert. Nun verliert sie ihre Arbeit an der Akademie der Wissenschaften – 60 Institutionen und 24 000 Mitarbeiter, für die sich kein Land mehr zuständig fühlt. Auch Hans verliert seine Arbeit, „wie alle übrigen 13 000 Mitarbeiter des Fernsehens und des Rundfunks eines Staates, der nicht mehr existiert“.

Katharina schaut sich am Ende Hans’ Stasiakte an. Es geht in „Kairos“, einem großen Roman zur Zeitgeschichte, um Verstrickung, aber nicht um Schuldzuweisung. Wenn etwas gefordert wird, ist es das Eingeständnis von Komplexität und das Bemühen des Langzeitgedächtnisses. Während es auf allen Seiten fast schon verloren scheint, wie Erpenbeck in hundert Details deutlich macht.

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