Februar 1970 in München. Beim Anschlag auf ein Altenheim der jüdischen Gemeinde kamen sieben Menschen ums Leben. Teile der westdeutschen Linken polemisierten daraufhin gegen Israel.
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Februar 1970 in München. Beim Anschlag auf ein Altenheim der jüdischen Gemeinde kamen sieben Menschen ums Leben. Teile der westdeutschen Linken polemisierten daraufhin gegen Israel.

Geschichte

Jeffrey Herf über radikale Linke: „Unerklärte Kriege gegen Israel“

  • vonAnja Reich
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Der amerikanische Historiker Jeffrey Herf hat ein Buch über die Israel-Feindlichkeit der DDR und der westdeutschen radikalen Linken geschrieben.

Im Juni 1967, kurz nach Ende des Sechstagekrieges, bekommt Albert Norden einen Auftrag vom Politbüro. Er soll „jüdische Bürger der DDR“ dazu bringen, die „Israel-Aggression und das Komplott Israel-Washington-Bonn zu verurteilen“. Norden, Direktor des Nationalrats der Nationalen Front, gehört zu den Juden, die sich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges für ein Leben in der DDR entschieden hatten. Sein Vater, ein Rabbiner, war im KZ Theresienstadt von den Nazis ermordet worden.

Norden hat Probleme, den Auftrag zu erfüllen. Jüdische Intellektuelle wie der Schriftsteller Arnold Zweig bitten den Politbüro-Vorsitzenden Willi Stoph in einem Telegramm, „der Diffamierung, ja, der Ausrottung der Opfer und ihrer jetzigen Landsleute in Israel entgegenzutreten“. Die KZ-Überlebende Lin Jaldati begründet ihre Weigerung mit der Drohung eines PLO-Führers, die Juden vernichten zu wollen. Helmut Aris, Präsident des Verbandes der Jüdischen Gemeinden in der DDR, schreibt: „Für uns ist es ein schwieriges Problem: Damals sind unsere Brüder und Schwestern in Deutschland ermordet worden und heute lassen sie wieder ihr Leben im Nahen Osten“.

Es ist bestürzend zu lesen, wie gerade einmal 20 Jahre nach dem Sieg der Alliierten über das Hitler-Regime jüdische Überlebende ihre Staatsführung an die Lehren der deutschen Geschichte erinnern – und damit scheitern: Willi Stoph ignoriert den Widerspruch. Albert Norden, der Rabbinersohn, findet andere Freiwillige, darunter Friedrich Karl Kaul, Lea Grundig, Gerry Wolff, Ernst Reifenberg. Ihre Erklärung erscheint am 9. Juni 1967 im „Neuen Deutschland“.

Jeffrey Herf, 73, US-amerikanischer Historiker, erzählt diese Begebenheit in seinem Buch „Unerklärte Kriege gegen Israel. Die DDR und die Westdeutsche radikale Linke 1967–1989.“. Er schreibt dazu: „Dieser Versuch war einer der wenigen Fälle, bei denen das Regime auf Widerstand stieß“. An Beispielen für die anderen Fälle fehlt es ihm nicht. Vier Jahre lang hat er in deutschen Archiven Akten des Politbüros, des Ministerrates, des Verteidigungsministeriums und des Ministeriums für Staatssicherheit gelesen. Was er darin fand, erzählt ein Kapitel DDR-Geschichte, über das bisher wenig bekannt ist: die feindliche Haltung gegenüber Israels und die Unterstützung von Israels Feinden durch „gigantische Waffenlieferungen und militärische Ausbildung“. Eine neue Art von Judenhass, die Jeffrey Herf zu der Frage veranlasst, ob die DDR womöglich die „zweite antisemitische Diktatur im Deutschland des 20. Jahrhunderts“ war.

Das Buch

Jeffrey Herf: Unerklärte Kriege gegen Israel. Die DDR und die Westdeutsche radikale Linke 1967-1989. Aus dem Engl. von Norbert Juraschitz. Wallstein Verlag, Göttingen 2019. 518 Seiten, 39 Euro.

1947 hatte der sowjetische Außenminister Andrej Gromyko in der UN-Vollversammlung noch „das Bestreben der Juden, einen eigenen Staat zu gründen“, verteidigt. Aber schon zwei Jahre später sah alles anders aus. Der Kalte Krieg hatte begonnen, und Israel stand als Verbündeter der westlichen Welt und der Amerikaner nun auf der „falschen Seite“, war Feind, Imperialist, Aggressor. In der Sowjetunion kam es zu „antikosmopolitischen“ Säuberungen und Scheinprozessen gegen Kommunisten, darunter viele Juden. In Prag wurde den Angeklagten des Slansky-Prozesses vorgeworfen, Teil einer zionistischen Verschwörung zu sein. In Ost-Berlin musste Paul Merker für zwei Jahre ins Gefängnis Hohenschönhausen. Er hatte sich für Wiedergutmachungszahlungen an jüdische Holocaust-Überlebende und die Unterstützung Israels eingesetzt. „Spätestens im Herbst 1952“, schreibt Herf, „war es im gesamten Ostblock unmöglich geworden, Israel öffentlich zu unterstützen.“

Die DDR beteiligte sich nicht an Wiedergutmachungszahlungen an Israel, unterhielt als einziger Staat des Warschauer Paktes nie diplomatische Beziehungen zu Israel, eröffnete aber 1973 eine PLO-Vertretung in ihrer Hauptstadt. Auch das war einzigartig. PLO-Führer Jassir Arafat kam oft und gerne in die DDR. Die SED-Führung unterstützte nationale Befreiungsbewegungen, und zu diesen Befreiungsbewegungen zählten auch arabische Staaten, die Israel das Existenzrecht verweigerten, sowie palästinensische Terrororganisationen, die Anschläge auf Juden verübten.

Nach dem Sechstagekrieg, den Israel gewann, schickte die DDR Jagdflugzeuge, Panzer, Scharfschützengewehre, Panzerabwehrgeschütze, Granatwerfer, Kalaschnikows, Tretminen nach Ägypten und Syrien. Zur gleichen Zeit hielt Walter Ulbricht in Leipzig eine Rede, in der er Israel mit Nazideutschland verglich. Jeffrey Herf hat diese Rede das erste Mal in den Achtzigern im Archiv der Universität Harvard gelesen und war fassungslos, wie Ulbricht, der selbst als Kommunist gegen die Nazis gekämpft hatte, so geschichtsvergessen sein konnte.

Jeffrey Herf: Unerklärte Kriege gegen Israel. Die DDR und die Westdeutsche radikale Linke 1967-1989. 

Als der Historiker in der Bundesstiftung für Aufarbeitung der SED-Diktatur sein Buch vorstellt, merkt man ihm die Fassungslosigkeit immer noch an, scheint ihn die Wucht seiner Erkenntnisse erst richtig zu erreichen, hier, mitten in Berlin, wo alles geschah. „Das war nur ein Vierteljahrhundert her gewesen“, ruft er, „nur ein Vierteljahrhundert!“ Mit offenem Jackett steht er auf der Bühne, ein großer, hagerer Mann, der Deutsch mit amerikanischem Akzent spricht und versucht, seine Recherchen in einen einstündigen Vortrag zu packen, damit das Publikum deren Ungeheuerlichkeit begreift.

Es geht nicht nur um die DDR, sondern auch um die radikale westdeutsche Linke, die nicht weniger israelfeindlich war. Bei der Flugzeugentführung 1976 in Entebbe sortierten die Deutschen Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann die Passagiere nach Juden und Nichtjuden. Und wenige Tage nach dem Brandanschlag auf ein jüdisches Gemeindezentrum in München im Februar 1970, bei dem sieben Menschen ums Leben kamen, fragte Dieter Kunzelmann, der vielen vor allem als West-Berliner Politclown in Erinnerung ist, seine Genossen: „Wann endlich beginnt bei euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?“ Der Anschlag ist bis heute nicht aufgeklärt.

„Unerklärte Kriege gegen Israel“ ist eine Sammlung bislang unbekannter Zeitdokumente, ein wichtiges Werk zur Aufarbeitung deutscher Geschichte, aber auch eine Chance, blinde Flecken zu füllen und sich zu fragen, warum die Reaktionen auf Israel bis heute oft so reflexhaft sind. Im April und August 1990 verabschiedete die letzte DDR-Volkskammer zwei Resolutionen, in denen sie sich „für die Heuchelei und Feindseligkeit der offiziellen DDR-Politik gegenüber dem Staat Israel“ und „für die Verfolgung und Entwürdigung jüdischer Mitbürger auch nach 1945 in unserem Lande“ entschuldigte. Aber dann kam die Wiedervereinigung, das Thema war vom Tisch. Dass es jetzt ausgerechnet von einem Nichtdeutschen wiederbelebt wird, ist sicher kein Zufall.

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