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Die Berliner Autorin Jenny Erpenbeck ist mit "Gehen, ging, gegangen" für den Deutschen Buchpreis 2015 nominiert.

Buchpreis Shortlist

Jedermann und die Afrikaner

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Die Perspektivlosen: Jenny Erpenbecks Roman „Gehen, ging, gegangen“ erzählt ungemütlich und schonungslos von Flüchtlingen und Einheimischen in Deutschland. Logischerweise steht sie damit auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2015.

Das neue Buch von Jenny Erpenbeck liest sich angesichts des deutschen Spätsommers 2015 als Roman der Stunde. Geradezu zwangsläufig befindet es sich seit Mittwoch auch unter den letzten sechs Nominierten für den Deutschen Buchpreis.Während im Land die Gesellschaft und der Einzelne nach einer Haltung im Umgang mit verzweifelten Flüchtlingen sucht (oder nicht danach sucht, was bereits eine Haltung ist), schickt die Autorin einen unausgefüllten älteren Ostberliner unter die Asylsuchenden, die den Oranienplatz besetzt haben. Dessen Räumung steht kurz bevor, den Asylsuchenden werden aber Zusicherungen gemacht. Die meisten von ihnen akzeptieren die sogenannte Oranienplatz-Vereinbarung und ziehen freiwillig in diverse Einrichtungen um. Später ist von der Vereinbarung nicht mehr viel übrig.

Dass es angesichts der Machtlosigkeit der Asylsuchenden seltsam ist, wenn die Stadt ihre Gegenwehr eine Erpressung nennt, fällt dem gar nicht mehr unausgefüllten älteren Ostberliner inzwischen auf. Wir sind im Jahr 2014 und in einer also praktisch in der Gegenwart spielenden Geschichte, die darauf aufmerksam macht, wie es Asylsuchenden in Deutschland gemeinhin ergeht. Nicht gut. Das machen die Gesetze und die Menschen im Verein.

Richard hat bisher nicht viel darüber nachgedacht. Seit fünf Jahren ist er Witwer, jetzt ist er außerdem Professor em., obwohl er gerne noch weitergearbeitet hätte. Auch er fällt unter das Regelwerk. Als Altphilologe verbindet er ein quälendes Herumirren durch die Welt eher mit der „Odyssee“, als wackerer Bürger schreibt er sich ordentliche Einkaufszettel und kocht sich bescheidene Mahlzeiten, wobei er kürzlich im Fernsehen gesehen hat, wie man Zwiebeln schneidet, ohne dass sie wegrutschen. Gleich wendet er das an.

Im See, den er von seinem Haus aus sehen kann, ist vor Wochen ein Mann ertrunken, seine Leiche ist noch nicht gefunden. Darum schwimmt, rudert, angelt in diesem Sommer niemand hier.

Vielleicht kann man sagen – Erpenbeck gestaltet das subtil –, dass die Nähe einer fremden privaten Tragödie Richard durchlässiger macht. Ohnehin hat er viel Zeit, sehr viel Zeit. Erstens fällt ihm dadurch bei einer Fahrt in die Innenstadt das Camp am Oranienplatz erstmals ins Auge. Zweitens ist ihm bewusster als den Vorübereilenden, dass auch die Flüchtlinge viel Zeit haben, sehr viel Zeit. Das interessiert ihn. Ihm fallen Fragen zum Leben in Afrika ein, er fängt an, Bücher zu lesen.

Er liest und bekommt nicht mit, was um ihn herum passiert

„An einem der Tage, die Richard am Schreibtisch und in seinem Lesesessel verbringt, werden die Zelte und Behausungen auf dem Oranienplatz niedergerissen ... Er erfährt davon nichts, denn er beschäftigt sich an diesem Tag gerade mit der Landnahme an der Südwestküste Afrikas durch den Händler Lüderitz.“ Das war 1883. Richard liest sich aber weiter vorwärts, und als er merkt, dass er auf dem Oranienplatz niemandem mehr seine Fragen stellen kann, begibt er sich nicht übereilt, aber bald in das ihm genannte ehemalige Altenheim, zwanzig Minuten Fußweg von ihm aus. Richard ist langsam, aber kontinuierlich, eine Schnecke, bei der man sich auch später darüber wundert, dass sie doch ganz schön vorangekommen ist.

Im Heim findet Richard vielleicht gerade deshalb Zugang, weil er nicht vorgesehen ist. Sein Personalausweis und sein akademischer Titel sind natürlich von Vorteil. Er klopft an Türen, findet Gesprächswillige. Das Fragen funktioniert nur manchmal, das Zuhören schon eher. „Wie alt bist du? – Achtzehn – Und seit wie viel Jahren in Europa unterwegs – Seit drei Jahren – Denkst du manchmal an deine Zukunft? – Zukunft?“ Einige Flüchtlinge lernt er näher kennen. Ihre Geschichten überrumpeln ihn in ihrer Wucht. Der Zufall, der sie rettet, weil sie im kenternden Boot günstig platziert sind (aber was ist günstig, jeder Platz kann fatal sein, jede falsche Bewegung). Gewalt und Armut, Menschenabschlachtungen und Sklavenarbeit in einem Ausmaß, das der Homer-Leser Richard offenbar bisher nicht im Blick hatte. „Ich setzte mich an den Rand des Feldes und weinte. Es ist so, viele Menschen in Ghana sind sehr verzweifelt. Manche hängen sich auf. Andere nehmen DDT, sie trinken Wasser nach, dann gehen sie ins Haus, machen die Tür hinter sich zu – und sterben.“

Was soll Richard unternehmen? Was unternimmt Richard? Er kauft der Mutter von Karon, dem dünnen Mann, der selbst DDT nehmen wollte, sich aber überreden ließ, es nicht zu tun, ein Stück Land in Ghana. Es kostet 3000 Euro. Das ist für Richard nicht wenig Geld, aber er kann es aufbringen. Er gibt Osarobo, dem 18-Jährigen, dem zum Thema Zukunft nichts einfällt, Klavierunterricht. Er begleitet einen Mann zum Anwalt. Als die Oranienplatz-Vereinbarung sich langsam in Luft auflöst, nimmt er Flüchtlinge in sein Haus auf. Einige seiner Freunde sind ebenfalls bereit dazu. Eine Menge Menschen können auf diese Weise vorerst untergebracht werden.

Sind das Zustände? Durchaus nicht. Jenny Erpenbeck ist in „Gehen, ging, gegangen“ weit davon entfernt, eine Utopie zu entwerfen. Der Titel bezieht sich natürlich auf den Sprachunterricht, er demonstriert aber auch perfekt, wie aus einem aktiven ein vergangener, erledigter Vorgang wird. Aber wenn die Menschen nicht gestorben sind, sind sie ja noch da. Was soll aus ihnen werden? „Wohin geht jemand, der nicht weiß, wo er hingehen soll?“ Zweimal lässt Erpenbeck diesen Satz drucken, zwei ansonsten leere Seiten gibt es im Buch allein für ihn. „Gehen, ging, gegangen“ erzählt nicht von einer Utopie, sondern von einem Provisorium und – etwa bei der letztlich lachhaften kleinen Weihnachtsfeier, die Richard in seinem Haus veranstaltet – auch von der Erbärmlichkeit des Improvisierens. Mehr hat Richard nicht zu bieten, Deutschland insgesamt nicht einmal das.

Erzählt wird das virtuoser, als es zunächst den Anschein hat. Gelungen ist die unterschiedliche Form, in der die Gespräche mit den Afrikanern wiedergegeben werden. Dialoge, Monologe, Erzählungen, wenn Richard längst wieder in seinem normalen Leben daheim ist und an die Geschichte denkt (sie quasi nur indirekt, widerkäuend aushält).

Die Wahl des Mannes, um dessen Perspektive es hier geht, ist auf den ersten Blick verfehlt, auf den zweiten genial. Richard ist seiner akademischen Ausbildung zum Trotz – die ihn übrigens auch auf seinem fachlichen Terrain nicht zu außergewöhnlichen Erkenntnissen bringt – schlecht informiert. Er tritt dem Leser fast etwas überdeutlich als Simpel entgegen. Dublin II, Aufenthaltstitel, solche Begriffe hat er noch nie gehört. Afrikanische Namen merkt er sich zuerst so schlecht, dass er lieber Klassiker dafür einsetzt, Tristan, Apoll, Hermes oder den Blitzeschleuderer nennt er die Männer. Karon heißt wirklich so, das gefällt ihm. „Richard hat Foucault gelesen und Baudrillard und auch Hegel und Nietzsche. Aber was man essen soll, wenn man kein Geld hat, um sich Essen zu kaufen, weiß er auch nicht.“ Er hat keine besonderen Vorurteile, aber er hat keine Ahnung.

Dass ihn das zu einem der meisten von uns macht, ist dann zugleich der erzählerische Vorteil. Zumal Erpenbeck ihn glücklicherweise weniger zur Belehrung nutzt, sondern für eine höfliche Bloßstellung, die dem braven, der Selbstironie nicht abholden Ex-Lehrenden selbst nicht entgeht. „Die längste Zeit seines Lebens hat er im hintersten Winkel seiner Seele gehofft, dass die Menschen aus Afrika weniger um ihre Toten trauern, weil das Sterben dort schon von jeher so massenhaft auftritt. Jetzt saß in diesem hintersten Winkel seiner Seele stattdessen die Scham darüber, dass er es sich die längste Zeit seines Lebens so leicht gemacht hatte.“

Manchmal, für ein paar Augenblicke, ein paar Sätze wechselt die Autorin die Perspektive und schlüpft in die Köpfe von Richards Umgebung. Wenn die Flüchtlinge dabei selbst zu Wort kommen, ist auf einmal Richard der seltsame, befremdliche Fremde. Der Abgrund tut sich von der anderen Seite auf. Eindringliche Momente. Man hätte gerne mehr davon. Aber Richard kann nicht zaubern und Erpenbeck hat sich gegen Zauberei und für einen auf seine Weise schonungslosen Realismus entschieden.

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