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Jeder Vers ist eine Tätlichkeit

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Die Dichtung des Expressionisten, vormals Reichstags-Stenografen, Ferdinand Hardekopf. Er starb verarmt vor fünfzig Jahren

Von JÜRGEN VERDOFSKY

Ein Ostfriese wird "der einzig echte Dekadent, den Deutschland hervorgebracht hat". Meint Walter Benjamin über Ferdinand Hardekopf. Der 1876 in Varel am Jadebusen Geborene zeigt sich früh als Lichtgestalt des Expressionismus. Er ist ein sparsamer Dichter, der nur schreibt, wenn ihn eine Reizung dazu zwingt. Selbst unter Expressionisten gilt er als Minimalist, aber als einer von Rang. Um 1900 kommt er nach Berlin, die dampfende Metropole der wilhelminischen Belle Époque. "Schnell rette ich mich ins Café. Dort erwuchs einigen der erwünschte Zustand der décadence: unsere beste Beute." Das Café, die Bühne der Boheme, wird sein Zuhause, hier schreibt, debattiert und flirtet er.

Doch der scharfzüngige Wortgeber unterscheidet sich von den meisten décadents - er hat einen bürgerlichen Beruf. Hardekopf ist Reichstags-Stenograf, bis es ihm 1916 mit den Debatten um die Kriegskredite zuviel wird. Schon Jahre zuvor flieht er vor der Parlaments-Monotonie in ein Doppelleben als Feuilletonist. Er schreibt Theater- und Kabarett-Kritiken, später unter Pseudonym auch Leitartikel. Seine Gedichte verstreuen die Flaggschiffe des Expressionismus Die Aktion und Der Sturm. Franz Pfemfert und Herwarth Walden bleiben seine Mittelsmänner. Hardekopf teilt die anfängliche Begeisterung vieler Expressionisten für den Ersten Weltkrieg nachdrücklich nicht, seine Dichtung gehört zur "schlachtfernsten dieser Jahre" (Ludwig Rubiner).

Mitten im Krieg veröffentlicht er ein Künstler-Programm: "Unsere Bücher werden für euch unfasslich sein, Bürger. Nicht für euch haben wir Alpen durchfressen von Monstrosität Delicatesse Neurose Luxus Orgie. Tiefstprivat sind wir gegangen durch alle Bücher alle Bilder alle Frauen. Durchwühlt haben wir die Eingeweide der Millionenstädte und phosphorisierenden Seelen." Im Frühjahr 1916 geht er nach Zürich, damals die Hauptstadt der pazifistischen Emigration. Hier schlägt die Stunde der Dadaisten um Tristan Tzara. Hardekopf hält zu ihnen Abstand wie zu allen Richtungen. Später wird er die "Hundeschnäufigkeit und Gelangweiltheit der Herren Dadaisten gegenüber jeder politischen Gefahr, in die andere geraten, ziemlich widerlich" finden.

Am Nachkriegs-Expressionismus stören ihn dann Jargon und Pose. Hardekopf wird auch nicht in den Dienst der Revolution treten wie andere Dichter. Er sieht in ihnen "Revolutionäre, deren einzige Bürgerpflicht geworden war: gelegentlich sehr diplomatische Wendungen oppositioneller Eleganz auf irgendeine ungefährdete Tribüne zu tragen." Aber er ist auch kein selbstbezogener Bohemien, sondern veröffentlicht radikaldemokratische Kommentare zur Zeit. Er polemisiert gegen die "Bluthunde Ebert-Scheidemann-Noske", sieht bei der Niederschlagung der Münchener Räterepublik ein "Halunkenkreis Germanien" am Werk.

1922 verlässt ein den "deutschen Dingen überdrüssiger" Hardekopf unwiderruflich Deutschland und lebt fortan mit der Schauspielerin Sita Straub in Paris oder an der Riviera. Lange Jahre bleibt er selbst für Freunde unerreichbar. Er nennt es, "mehr Verheimlichung als Veröffentlichung" üben. Aber er wird als Übersetzer zum Mittler der französischen Moderne: Gide, Cocteau, Malraux, Duhamel, Laforgue, Giono, aber auch Prevost, Baudelaire, Mérimée, France. Mit dem Machtantritt der Nazis zeigt er sich wieder als Journalist, schreibt in den Emigrantenzeitungen Pariser Tageblatt und Neues Tagebuch. Nach der von Gide durchgesetzten Freilassung aus französischer Internierung zu Beginn des Zweiten Weltkrieges verbirgt er sich in Nizza und in der Ardèche. In den Wirren geht sein Koffer mit Manuskripten verloren, darunter sein Hauptwerk Die Dekadenz der deutschen Sprache.

Seit 1946 lebt Hardekopf wieder in der Schweiz, einen deutschen Pass lehnt er ab, Nazi-Gräuel vor Augen. Als Dichter steht er mit leeren Händen da. Er sieht sich als "zerfetzter, verhetzter, zersetzter Literat". Vor fünfzig Jahren, am 24. März 1954, stirbt Ferdinand Hardekopf in einer dieser Anstalten, die verarmten, vergessenen und verzweifelten Dichtern bleiben.

Das von ihm veröffentlichte Werk umfasst hundertzwanzig Seiten, schmale Bändchen aus der Hochzeit des Expressionismus: Der Abend. Ein kleines Gespräch, 1913 bei Kurt Wolff, Lesestücke, 1916 bei Pfemfert, Privatgedichte, 1921 bei Wolff. Vor vierzig Jahren hat sie Emmy Moor-Wittenbach zu dem Band Wir Gespenster zusammengefasst. Der Arche Verlag hat diese Sammlung mit einem umsichtigen Nachwort von Wilfried F. Schoeller jetzt neu herausgegeben.

Tucholsky sah in diesen Gedichten mit Erstaunen, was einer "aus der deutschen Sprache herausgeholt hat, Elemente, die tief verborgen in ihr liegen, und die man ihr sonst nicht glaubt". Das gilt. Jeder Vers ist hier eine Tätlichkeit, doch gleichsam auch eine behutsame Fühlung des Lebens. Diese Gedichte sind nervlich. Großstadtvisionen werden scharf gegeneinander geschnitten wie im film noir. "Die Kammer dehnte sich verbrecherhell./ Der Mond, ein Dotterball, schien kriminell./ Da stieg die Dame Angst (-Berlin) reell / Auf ihr imaginäres Caroussell."

Für Hardekopf ist Kunst gebotene Verkürzung. So hält er es nicht nur mit seinen Gedichten, sondern auch mit der szenischen Prosa. Wenn es frappant werden soll, ist die Phrase verboten, sie hält auf. Verdichtung wird gesucht. Hardekopf sieht die Welt nicht nur in ihren pointierten Teilen, sondern auch als Kombination aus Mustern, Widersprüchen und Groteskem. "Man kehrt überallhin zurück, sogar an die Stätte seines größten Verbrechens: seiner Geburt. Deshalb sollte man seine Biographie, anstatt chronologisch, vielleicht lieber (...) topologisch empfinden, nach Städten, Gärten, Korbsesseln."

Der Blick ist elementar. Der Dichter als Anatom. Er seziert Erfahrungen und stellt sie aus. Das Wort baut die erlebte Entladung wieder zusammen. Der verführerische Experimentator mit dem eigenen und geborgten Erleben, vor dem sich andere Bohemiens wie niedergelassene Akademiker ausnehmen. "Wir haben all unsere Lüste vergessen,/ In Cinémas suchen wir Grauen zu fresssen;/ Erleuchtete Tore locken uns sehr,/ Doch die Angst ist gering - wir brauchen viel mehr." Raffiniert, doch ohne Vorsatz, alles hinter sich lassend, was Absicht sein kann, will Hardekopf sein Publikum beunruhigen, verstören, verhöhnen. Das ist ihm wichtiger als Erfolg.

Aus seinem Bilder- und Chiffrenfundus werden später andere sich bedienen. Asphalt, Séparé und Drogen, Femme fatale und John, der Frauenmörder. Orgie, Konvulsion und Delirium, Menschenkälte und Geräusche der Angst. "Weiß nicht, ob Weib ich, ob ich Knabe bin!/ Sie steigern sich in überhitzten Listen.// Der Dame liegt die letzte Nacht im Sinn./ Dem John, dem Dunkelsten der Morphinisten,/ Dem Welt-Abbé dem Décandence-Artisten,/ Hält sie die gleiche Stirne hin." Auch zeigt sich eine selbstironisierende Hingabe an die Wunder des Eros, aber kein liebesäugiges Schwärmen, kein verzehrendes Leiden. Der Dichter gibt sich als Tantalos vor den Frauen. Walter Benjamin hat ihn erkannt, den Baudelaire-Übersetzer: Hardekopf hat in der Ode vom seligen Morgen, die er vor vielen Jahren Emmy Hennings schenkte, dem Träumer für die sonnigen Tage die besten Schutzmaßregeln anvertraut. Es erinnere ihn an die "Pariser Nebel, die Baudelaire so teuer gewesen seien". "Aus den Revuen knistern blaue Lust-Zungen./ Links in mir sammelt sich eine entzückende Angst./ Liebe Gifte heizen, hetzen./ O ihr guten Droguen: ich bete euch sehr an."

Diese Gedichte sind nicht gealtert, das ist selten bei Expressionisten. Endlich ist das Wenige, aber Kostbare von Ferdinand Hardekopf wieder zu lesen.

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