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Jeder stirbt für sich allein

Die "Stimmen aus Buchenwald" kennen viele Wahrheiten

Von Jürgen Verdofsky

Wo Goethe seine Ausfahrten mit Eckermann machte, errichtet der nationalsozialistische Vernichtungswille 1937 eines der großen Konzentrationslager: "Buchenwald" auf dem Ettersberg bei Weimar. Eine "Goethe-Eiche" wird von den Rodungen verschont und höhnt als Lagermittelpunkt. Eugen Kogon sah hier die Gefühlsentfaltung der Nazi-Seele im Kleinen: "Sentimentalität und Brutalität, Kulturromantik und Barbarei." Ein Totem mitten in der Welt der Vernichtung durch Arbeit. Zwölf Stunden Sklavenarbeit plus zwei bis vier Stunden Appell und Marsch heißt das Lagerleben vom ersten bis zum letzten Tag. Schläge immer und überall. Fleckfieber, Bauchtyphus und Ruhr sind die Geißel. Der Rauch des Krematoriums, der Geruch des Todes, wird selbst die Waldvögel vertreiben. Hunger und Kälte, Mangel an Schlaf und bedrückende Enge heißen die anderen Plagen. Flüche und Todesgebete in allen Sprachen.

Die höchste Belegung der Vorkriegszeit erreicht das Lager mit 18 000 Häftlingen nach der Pogromnacht im November 1938. Im Februar 1945 werden es 86 000 sein. Insgesamt machen fast eine Viertelmillion Menschen aus ganz Europa diese Hölle durch. Die Opferzahlen schwanken, die niedrigste spricht von 33 500. Nicht nur Hunger, Erschöpfung und Seuchen bringen den Tod. Auch wenn Buchenwald nicht als Vernichtungs-Lager eingerichtet ist, kommt es zu Massenexekutionen, besonders an russischen Kriegsgefangenen. Prominente politische oder alliierte Häftlinge werden auf Berliner Weisung ermordet. Der Lagerarzt Ding-Schuler wird zum Mörder von Pfarrer Paul Schneider und führt Menschenversuche mit Erregerkulturen durch. Und wie man die Todesfalle "auf der Flucht erschossen" für eine Prämie stellt, weiß auch der dümmste SS-Gemeine. Die amerikanischen Befreier finden 21 000 Überlebende vor. Kurz zuvor hat nach der Flucht der SS-Schergen das illegale Komitee der Häftlinge die Kontrolle über das Lager gewonnen.

Den "vorläufigen Bericht" der 12. US-Armeegruppe eröffnet ein Satz, der immer noch gilt: "Die volle Wahrheit über Buchenwald wird niemals bekannt werden." Die Herausgeber der Anthologie Stimmen aus Buchenwald, der Lyriker Wulf Kirsten und der Historiker Holm Kirsten, können von diesem Befund nicht abrücken. Aus gut zweihundert Büchern über Buchenwald haben sie sechzig Stimmen ausgewählt: Erlebnisberichte, die mit der Fassung ringen, Romanauszüge, in denen die Sprache wieder gefunden werden muss, Gedichte, deren Form zerbirst. Die Herausgeber arbeiten mit seltener Umsicht und Genauigkeit. Manches Fundstück ist nur einmal im Abseits der unmittelbaren Nachkriegszeit gedruckt. Einige Gedichte französischer Deportierter erscheinen erstmals auf Deutsch als Nachdichtung von Wulf Kirsten. Literarische Kriterien können für diese Auswahl nicht zählen, wie auch keine geschlossene Dokumentation entstehen soll. Das Gedächtnis gibt Szenen wieder, keine Daten.

Alle schreiben an einer Zeugenschaft, mit der sie nicht fertig werden. "Es gibt keine ?Wahrheit' über das ?Unmenschliche', so gut wie es keine Wahrheit über den Tod gibt", weiß Jacques Lusseyran, der als blinder Widerstandskämpfer überlebt. Die entfesselten Erinnerungen bedrohen die Schreiber. Den endlosen Tagen und Nächten in Buchenwald gilt ein ganzes Leben. Viele haben erst nach langem Schweigen für die Ausfallzeit der Zivilisation eine literarische Form gefunden. Es sind durch das Dunkel des Vergessens getragene Zeichen der Davongekommenen. Jeder, der Zeugnis gibt, spricht für die Toten mit.

Auch abweichende Stimmen werden von den Herausgebern aufgerufen, vergessene und bekannte, um den politisch grundierten Legenden entgegenzuwirken. Ja, große Namen treten sogar zurück. Jorge Semprun hat seit seinem Roman Die große Reise vier weitere Bücher über Buchenwald geschrieben, aber in dieser Auswahl finden sich nur drei Seiten von ihm aus Leben oder Schreiben.

Doch die gewählte Szene trifft einen Kern, der sich durch viele Bücher Sempruns zieht. Es ist der tägliche Kampf gegen das geistige Erlöschen. Selbst am verlorensten Ort im Lager, neben Quarantäne-Baracken und Gemeinschafts-Latrine, helfen die Verse der Dichter. Auch Heines Loreley. Viele Lager-Szenen, die bei Semprun zur großen literarischen Form gefunden haben, finden auch in anderen Stimmen ihre Wahrheit. So trifft der Identitätstausch mit einem Sterbenden, den Stéphane Hessel als Form der Lebensrettung beschreibt, in Sempruns letztem Roman Der Tote mit meinem Namen auf seine Spiegelung.

H. G. Adler berichtet in Heimlichen Aufzeichnungen, welchen Anfechtungen der Überlebenswille ausgesetzt bleibt. "Er möchte Zeugenschaft für das Dasein der Verlorenen ablegen; gleichzeitig aber verlässt ihn auch das Wissen, warum er, und warum gerade er es überleben sollte." Imre Kertész wird als Fünfzehnjähriger erst nach Auschwitz deportiert, dann nach Buchenwald. Sein Erschrecken bleibt; drei Monate genügen, ein verschrumpelter Greis zu werden. Noch jünger ist der Sinti Karl Stojka - dreizehn. "Um zu überleben, musste man besonders als Kind böse und brutal werden, denn, dass du ein Kind warst, hat dort nichts gezählt."

Bruno Apitz hat in seinem Roman Nackt unter Wölfen anderes erzählt und zu den Buchenwald-Legenden beigetragen. Unmittelbar nach der Befreiung gibt er einen Erlebnisbericht, der nicht zu dem später geprägten Heldenbild passt. Apitz beschreibt das Kleine Lager von Buchenwald, einen berüchtigten Ort des Siechtums und des Sterbens. Hier wird die unterste Stufe in der Hierarchie der Häftlinge separiert, die Klasse derjenigen, die sich durch Zwangsarbeit, Entbehrung, Demütigung seelisch und körperlich aufgegeben haben. Im Rotwelsch der Lagerwelt werden sie "Muselmänner" genannt und von den Mithäftlingen gemieden, weil ihre fehlende Willenskraft die allgemeine Zuversicht des Überlebens schwächt.

Der sechzehnjährige Elie Wiesel drückt die Scham nieder, seinem sterbenden Vater nicht beistehen zu können. Der Blockälteste sagt ihm: "Hier muss jeder für sich kämpfen und darf nicht an die anderen denken. Nicht einmal an seinen eigenen Vater. Hier lebt und stirbt jeder für sich." Dabei steht alles unter einem unerbittlichen Gesetz: Nicht die individuelle Moral zählt, sondern das zwingende Verhalten der Gruppe. Was das bedeutet, beschreibt am konkreten Beispiel Bruno Bettelheim.

Beeindruckend ist das Netz der illegalen kommunistischen Organisation, die wirkungsvoll im Binnenleben des Lagers agiert, Formen des kollektiven Widerstands entwickelt, die besonders in den letzten Tagen des Lagers Schlimmeres verhindern. Viele Leben werden gerettet. Aber es kommt über lange Jahre auch zu rigorosen politischen Entscheidungen. Die Zuweisungen der Posten in der Häftlingsverwaltung, die das Überleben erleichtern, gehen vornehmlich an die eigenen Genossen. Unliebsame Mithäftlinge können in harte Arbeitskommandos abgeschoben werden oder geraten gar auf die Transportlisten.

Auch die Dogmen der Parteidisziplin ordnen die Chancen des Überlebens. Die Gleichheit, das unersättliche Ideal, gilt selbst im Binnenleben der Häftlinge nicht. Alles bleibt nach politischer oder nationaler Zugehörigkeit abgestuft. Diese dunkle Seite des Lagerlebens wird in der Auswahl kaum berührt. Bei Semprun hätten die Herausgeber fündig werden können. Das ist der einzige Einwand gegen diese beeindruckende Sammlung mit Texten über Buchenwald, diesen "Begriff des Schreckens für alle Menschen, die deutsche Verhältnisse kennen" (Erich Altmann).

Wer von der Vernichtungswelt der Konzentrationslager spricht, setzt häufig vieles voraus. Man meint, die Menschen wüssten. Die Erfahrung der Überlebenden aber war: "Niemand von draußen kann das verstehen." Dieses Buch über die Verlorenen des 20. Jahrhunderts schont den Leser nicht, aber es wird gebraucht. Die Stimmen aus Buchenwald gehören neben den Buchenwald-Report von 1945 und Eugen Kogons SS-Staat.

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