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Paris bleibt der Drehpunkt, und der Staat fördert gezielt unabhängige Buchhandlungen: Laden in der Galerie Vivienne.

Buchmesse

Jeder Satz ein Schlag

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Bücher, die zur Sache kommen, unfranzösisch kurz und schnörkellos, angefüllt mit Gegenwart: Der Markt des Ehrengastes ist im Aufbruch und schaut von Paris aus in die frankophone Welt.

Die französische Literatur lebt auf; sie verjüngt und erneuert sich. Ist da ein Macron-Effekt am Werk? Nein, Frankreichs neuer Präsident ist selbst nur ein Teil des frischen Windes, der momentan durch die Nation des Esprits weht. Im abgelaufenen Jahrzehnt – politisch gesprochen: während der Sarkozy-Hollande-Depression – versanken die Schriftsteller von Saint-Germain-des-Prés in bloßer Selbstbespiegelung, von Christine Angot „autofiction“ genannt. Und die „nouveaux philosophes“ verloren ihren politischen Glaubwürdigkeitsanspruch, seit Bernard-Henri Lévy zum desaströsen Libyen-Krieg geblasen hat. Sie brächten heute auch inhaltlich „nichts Umwerfendes mehr“ zustande, klagte Macron unlängst.

Das übrige Frankreich hat sich verändert. Die Lebensbedingungen sind härter geworden – Stichworte Massenarbeitslosigkeit, Terroranschläge, Le Penismus, globale Bedrohungen. Der Niederschlag all dessen findet sich in der Literatur. Beispiel Leïla Slimani, Goncourt-Preisträgerin 2016, mit ihrem soeben auf Deutsch übersetzten Roman „Dann schlaf auch du“. Der doppelte Kindsmord durch eine Nanny ist so furcht- und unerklärbar wie die Bataclan-Anschläge von 2015; zwar ohne jeden Bezug dazu, aber ebenfalls aus dem Nichts gekommen, brutal in den Alltag durchschnittlicher Bürger und Familien eingebrochen.

Schnörkellos direkt zur Sache

„Es ist etwas im Gang in der französischen Gesellschaft“, meinte dazu der Verleger und Frankreich-Kenner Andreas Rötzer (Matthes und Seitz) im Deutschlandfunk. Aber was genau? „Die französische Gesellschaft hat der deutschen eine Erfahrung voraus, und wir können, wenn wir französische Literatur lesen, vielleicht etwas über unsere Zukunft erfahren“, sagt Rötzer. Auch wenn der Trend des neuen französischen Romans nicht einheitlich ist: Viele Autoren kommen heute direkt zur Sache, unfranzösisch kurz und schnörkellos, nicht mehr versponnen oder transzendierend, sondern im konkreten, durchwegs harten Alltag verhaftet. Jeder Satz ein Fakt, wenn nicht ein Schlag. Französisch bleibt die Stilsicherheit; ansonsten werden diese jungen Wilden, zunehmend auch junge Schwule, gerne krude und persönlich, obwohl sie doch politisch sein wollen.

Bei Mathieu Riboulet ist der Körper beides, Person und Politik; ebenso bei Didier Eribon, der mit der „Rückkehr nach Reims“ international eingeschlagen hat, oder bei Edouard Louis („Das Ende von Eddy“, „Im Herzen der Gewalt“). Ihre autobiographischen Berichte sind nicht autofiktiv, sie nähren sich sehr real aus der familiären oder sozialen, urbanen oder provinziellen Gewalt. Fast scheint es, als habe die staatliche Anerkennung der Ehe für alle auf diese Autoren wie ein Befreiungsschlag gewirkt. Wo Homophobie, ist auch Xenophobie, das macht Shumona Sinhas in „Erschlagt die Armen“ klar. Sich selbst nicht ausnehmend, blickt die Franko-Inderin gnadenlos in die Abgründe des absurden Asylprozesses, in dem kein Mensch eine Identität findet oder erhält, aber viele sie verlieren.

Noch konsequenter und unerbittlicher geht Virginie Despentes zur Sache. Der erste Band ihrer Trilogie „Vernon Subutex“ kommt wie ein Lavastrom schwarzer Galle aus den menschlichen Abgründen. In dem vordergründigen Krimi schildert die literarische Punkerin von einst („Baise-moi“) den unaufhaltsamen Abstieg eines Schallplattenhändlers im Internetzeitalter. „Nicht übertreiben“, sagt sich Vernon, als er an der Bushaltestelle eine Frau anmacht, „die Alte ist kein Knüller, nicht mehr sehr frisch, sie kann bestimmt ihre Einkäufe tätigen, ohne alle hundert Meter angemacht zu werden.“ Mit sarkastischem Mitgefühl für ihren absteigenden Titelhelden hält Despentes fest: „Jetzt vögelt Vernon weniger als ein Ehemann.“

Despentes’ eigener Sound – je verdorbener, desto verletzlicher letztlich – klingt nicht von ungefähr nach Boris Vian, dessen Name im Titelhelden Vernon aufscheint. „Meine Wut“, sagt sie, „ist die Wut der Besiegten“.

Fast liebenswürdig scheinen dagegen die Stars des veritablen französischen Krimis, Fred Vargas und Dominique Manotti. Aber das ist natürlich auch nur Schein: Die Damen scheuen weder bluttriefende Gewalt noch hochbrisante Themen von Nazi-Kollaboration bis Algerienkrieg; und gerade weil sie darüber nicht politisch theoretisieren, sondern diese verdrängte Vergangenheiten in ihrer gelebten Banalität des Bösen angehen, bleibt alles ausgesprochen politisch und packend. Noch härter geht Joseph Andras mit den sehr realen Kolonial- und Folterpraktiken Frankreichs im Algerienkrieg ins Gericht. Das niedergehende Guillotine-Beil lässt den kurzatmigen Roman über einen hingerichteten Kriegsgegner mit einem Komma enden – Zeichen auch, dass dieses Geschichtskapitel in Frankreich bis heute unaufgelöst bleibt.

Verkaufserfolge weniger „französisch“, vielmehr „frankophon“

Oder die grausam gepflegten Essays von Eric Vuillard. In „Kongo“ schreibt der auch als Filmer tätige Franzose, Afrika habe nichts Geheimnisvolles – exotisch sei einzig das Verhalten der Europäer an der Kongo-Konferenz von 1884 gewesen. Um in dem Kolonialabenteuer keine Munition zu vergeuden, geben die belgischen Gummisammler die Weisung heraus: Wer einen Schuss abgibt, muss die rechte Hand des Getroffenen als Beleg ins Hauptquartier bringen. „Es heißt, man habe Fiévez einmal an einem einzigen Tag 1308 Hände gebracht“, hält Vuillard lapidar fest. „1308 rechte Hände. 1308 Menschenhände. Das musste komisch sein, dieser Haufen Hände.“

Und wer sind – natürlich neben Michel Houellebecq und seinem Longseller „Unterwerfung“ – die Blockbuster der neuen französischen Literatur? In der Sparte Lowcost, früher „Bahnhofroman“ genannt, liefern sich die siamesischen Zwillinge Guillaume Musso und Mark Levy ein Duell um die meisten Nullen ihrer Produktionsziffern. Ein anderes Tandem sahnt im Bereich Comics ab: Die neuen Asterix-Autoren Jean-Yves Ferri und Didier Conrad sorgen dafür, dass die Sesterzen auch nach dem Ende der Goscinny-Uderzo-Ära rollen. Dahinter zeugen aber auch Zeichner wie Riad Sattouf („Der Araber von morgen“) von der Kreativität und Bandbreite des französischen Comics. Auch die französischen Kinder- und Jugendbücher, angefangen vom „Petit Prince“ oder dem „Petit Nicolas“, verkaufen sich heute containerweise in die ganze Welt.

Diese Verkaufserfolge sind indessen, wenn man genauer hinschaut, weniger „französisch“ als vielmehr „frankophon“. Französischsprachige Nachbarn wie die Belgierin Amélie Nothomb oder der Westschweizer Joël Dicker treiben die Gesamtauflage von Übersetzungen aus dem Französischen ebenso hoch wie die ungarisch-iranische Dramatikern Yasmina Reza, die in Deutschland derzeit mit dem Roman „Babylon“ Furore macht. Pariser Großverlage wie Gallimard, Grasset oder Seuil setzen heute immer mehr auf Exilautoren aus den ehemaligen Kolonien wie Marokko oder Algerien – Yasmina Khadra etwa, oder eben Leïla Slimani.

Oder auf weit entfernte Autoren wie Boualem Sansal, der weiterhin in der Nähe von Algier und damit in ständiger Lebensgefahr lebt. In „2084“ schildert der 67-jährige Alleinkämpfer den orwellschen Alltag in einer religiösen Diktatur. Seine Chronik aus dem fiktiven und so lebensfeindlichen Gottestaat Abistan hat gewiss nicht den Drive von Houellebecqs „Unterwerfung“, berührt aber gerade deswegen viel nachhaltiger.

Das vitale, tragikomische, geradezu derbe Gegenprogramm ist Alain Mabanckou mit Titeln wie „Stachelschweins Memoiren“. Der Kongolese bringt eine neue stilistische Dimension in die „frankophone“ Literatur, die er heute selber an der kalifornischen Universität UCLA lehrt. „Die französische Sprache ist größer als Frankreich“, meint Mabanckou. Vielleicht denkt er dabei auch an die paragraphenlangen Sätze von Marie Ndiayes, neu zu goutieren in „Die Chefin“. In diesem „Roman einer Köchin“ erzählt die Franko-Senegalesin von einem sehr französischen Thema, aber eben auf ihre ureigene Weise, leise und virtuos.

Im Pariser Hauptgeschäft des Freizeitanbieters Fnac stapeln sich die frankophonen Bestseller bis an die Decke. Und dort, wo die größte Abteilung früher dem „französischen Roman“ gewidmet war, laufen heute Balzac, Flaubert wie auch Proust in der Sparte „roman francophone“. Das ist nichts weniger als eine Revolution für Pariser Verleger und Literaten, die in der Frankophonie kürzlich noch ein Anhängsel der hehren französischen Kultur sahen. Jetzt sorgt sie für ihr literarisches Überleben.

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