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Lewis, Insel der Äußeren Hebriden.

Rebecca Wait

Ein Tag wie jeder, hätte sie gesagt

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Rebecca Waits behutsamer Roman über einen Mann, der seine Familie auslöscht.

Diese Geschichte von damals“, so sprechen die Leute auf der Hebriden-Insel heute darüber, verlegen, ausweichend, andeutend. Der Gesprächspartner, sofern er auf der Insel lebt, weiß dann schon, wovon die Rede ist. Von dieser schrecklichen, blutigen Geschichte nämlich: Ein Mann namens John Baird hat, rund 25 Jahre ist es her, seine Frau Katrina mit einer Schrotflinte erschossen, die einjährige Beth, den zehnjährigen Nicky, zuletzt sich selbst – aber im Kleiderschrank der Eltern findet die Polizei den kleinen Tommy, acht, er sitzt dort in einer Urinpfütze.

Die Britin Rebecca Wait, die die schottischen Hebriden seit ihrer Kindheit kennt, lässt ihren Roman um einen tyrannischen, dann plötzlich mörderischen Familienvater – in den Medien taucht das in der Regel als „Familiendrama“ auf – dort spielen, wo jeder jeden kennt und die soziale Kontrolle hoch ist. Trotzdem kann sich angeblich nachher keiner der Insel-Bewohner erklären, was in John Baird gefahren ist, der doch einer der Ihren war. Dies und das hat man wohl schon mitbekommen, dass Baird zum Beispiel immer mal „einen schlechten Tag“ hatte. Aber was hieß das schon in einer Zeit, in der es normal war, Kinder (in Maßen) zu schlagen und außerdem fast normal, die Hand gegen Frau oder Freundin zu heben, wenn diese „provozierte“. Die jung verheiratete Katrina widerspricht ihrem Mann noch, dann lernt sie, es nicht zu tun. „Mit dir macht man vielleicht was mit“, sagt John, wenn er unzufrieden ist. Katrina weist ihn nicht darauf hin, dass, wenn hier einer „etwas mitmacht“, sie es ist.

Rebecca Wait lässt ihren Roman mit dem Satz beginnen, der gleich ins Zentrum der Geschichte führt: „Hätte Katrina überlebt, hätte sie hinterher gesagt, was Menschen in solchen Fällen immer sagen: dass es ein Tag gewesen sei wie jeder andere.“ Zu den Tagen gehörte freilich seit langem eine Angespanntheit, nicht nur Katrinas, auch der beiden Jungs.

Der jüngere, Tom, ist längst erwachsen, als Wait ihn zurückkehren lässt auf die Insel. Ein paar Tage will er bei seinem Onkel Malcolm bleiben. Es werden ein paar Tage mehr und die Einwohner macht es nervös. Man begegnet sich freundlich, aber es ist eine falsche Freundlichkeit. Der Vorwurf steht im Raum, dass die Nachbarn der Bairds etwas hätten unternehmen können, ohne dass Tom ihn zu erheben braucht. Einige machen sich den Vorwurf selbst.

„Das Vermächtnis unsrer Väter“ ist behutsam, manchmal etwas behäbig in seinen Beschreibungen. Das Grauen passiert sozusagen im Off, es spiegelt sich in den Personen, die als erste das Haus betreten. Rebecca Wait vermeidet zudem jede Küchenpsychologie, urteilt ihre Figuren nicht ab, streut Andeutungen, belässt es weitgehend bei diesen Andeutungen, die nur zum Teil erklären, warum einige Inselbewohner ein schlechtes Gewissen Tom gegenüber haben.

„Das Vermächtnis unsrer Väter“ ist ein ungewöhnlich, überzeugend zarter Roman über ein schreckliches Ereignis, wie es fast alltäglich passiert.

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