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Jeder Generation ihre Katastrophen

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Die gestaute Zeit: Gregor Hens erzählt die Geschichte von Karsten Matta, dem plötzlich die Decke auf den Kopf fällt

Der Jüngste der ganzen Kompanie, zuständig für die Fotodokumentation des Einsatzes, kniet an der Leitplanke, er übergibt sich. So etwas hat er noch nicht gesehen. Überall Blut. Die Straße glänzt. Es regnet leicht. Man hatte den jungen Mann vorgewarnt: "Dekapitation" - die vollständige oder teilweise Trennung des Kopfes vom Körper, das komme bei solchen Unfällen häufig vor. Und jetzt ging es genau darum. Doch vielleicht war es dieses Mal gar nicht ganz so schlimm. Der Verunglückte lebte schließlich noch. Ein starkes Ende.

Und ein starker Anfang, mit einer starken Metapher: Der Minutenzeiger der Wanduhr hängt. In Karatschi ist es "ziemlich genau 18 Uhr 38", während Karsten Matta, der Held dieser Geschichte, in der pakistanischen Botschaft in Deutschland sitzt, wartet und wartet, stundenlang, und sich versichern lässt: "Sie kommen als Erster dran." Und denkt: "Arschloch. Als Erster? Ich bin der Einzige hier." Die ganze Zeit kämpft die Wanduhr, leise, aber hörbar, mit sich selbst. "Der Minutenzeiger hängt fest." Im Inneren der Uhr spielt sich ein Vorgang ab, der sich in der Folge im Protagonisten wiederholen wird und dabei schon etwas von jener zerstörerischen Energie erkennen lässt, die den Ablauf der Handlung steuert. Die Zeit wird gestaut. Ungleichzeitigkeiten entstehen. Was in der Ökonomie Globalisierung genannt wird, wiederholt sich hier im Kleinen, ein systemischer Kreislauf.

"Er wartete noch einmal zwei Stunden, starrte die blassgrünen Wände an, bis ihm beinahe schlecht wurde, er las die Kommentare auf der Meinungsseite, die Fernsehkritiken, sogar das Horoskop in einer ausliegenden Zeitschrift". Und die Wanduhr kämpft weiter mit sich selbst. "Karsten Matta, vierzig Jahre alt, Reisender seit fünfzehn Jahren für einen kleinen, hocheffizienten think tank, der von einem Londoner Vorort aus geleitet wurde und Global Players belieferte und Anlagefonds, Ölmultis, Ämter, Regierungen und ihre Geheimdienste". Matta steht auf und geht, empört, stinksauer, laut schimpfend.

Er verzichtet auf das Visum. Er verzichtet auf die Fortsetzung seiner internationalen Karriere als Gutachter für die Krisenregionen dieser Welt. Er geht nach Hause und schreibt an seine Firma: "ich fahre nicht mehr in Kriegsgebiete, ich fahre nicht mehr, weder in den Kaukasus, noch auf den Balkan. Ich lasse mich nicht mehr bescheißen und warte nicht mehr in überheizten Warteräumen von Visumstellen auf lächerliche Wertmarken." Er schreibt und schreibt, er schreibt "sich den ganzen Rest von der Seele. Alles. Ruanda. Goma. Alles. Das Abgründige, das Abscheuliche, das Ungeheuerliche." Dann macht er sich auf die Socken. Verlässt Frau und Kinder. Fährt nach Hamburg, um sich mit einer anderen Frau zu treffen. Offenbar eine Midlife-Crisis. Vielleicht auch etwas mehr. Gestaute Zeit.

Kleist lässt grüßen

Der schmale Roman Matta verlässt seine Kinder, eher noch eine Etüde, ist nach Himmelssturz (2002) und der Erzählungssammlung Tranfer Lounge (2003) das dritte Buch von Gregor Hens, der 1965 in Köln geboren wurde und jetzt in den USA lebt, wo er an der University of Ohio in Columbus Germanistik lehrt. Man darf Hens eine gewisse Gelehrsamkeit nachsagen. Nur geht er äußerst unaufdringlich damit um. Die Grundkonstellation seines ersten Romans, Himmelssturz, war noch Goethes Wahlverwandtschaften entlehnt und in die amerikanische Provinz übertragen worden. Die Geschichten der Transfer Lounge spielen unter anderem mit Kleist'schen Motiven und dem Guten Gott von Manhattan. Das heißt: Hens entwickelt aus den literarischen Vorgaben seine jeweils gegenwärtigen Problemlagen. In der kleinen Geschichte "Der Schweißer" besteht ein junger Amerikaner seine Probe dadurch, dass er aus sechs oder sieben Schrottkarren ein neues Cabriolet zusammenschweißt. Der Chef geht langsam um die Karosserie, fährt mit der Hand über das Blech, legt seinen Arm um die Schultern des jungen Mannes und sagt: "mein Sohn, das ist ein starkes Stück." Dieses Paradigma wird in dem neuem Roman durch den hängenden Uhrzeiger beschrieben.

Karsten Matta hat also die Schnauze voll. Von seinem Job. Von seinen Kindern. Von der "offenen" Beziehung zu Rebecca, seiner Frau. "Sie haben auf einem anderen Planeten gelebt, Karsten, Rebecca und die Kinder, sie haben gedacht, sie wären die perfekte Familie und sie müssten es nicht so machen wie die anderen, von wegen Treue und Offenheit und Ansprüche aneinander, Hauptsache Respekt, haben sie gesagt, aber am Ende ist gar nichts mehr da, kein Respekt, kein gar nichts. Nur noch Hass." Seine Reise gleicht einem Amoklauf. In Hamburg ist er am Bahnhof mit Malin, einer Schwedin, verabredet, die er während eines Familienurlaubs in einem Museum in Kalmar kennen gelernt hatte. Malin ist, schon seit einiger Zeit, seine Geliebte. Die Kinder merken davon nichts, das wollen Rebecca und Karsten jedenfalls glauben. Malina bleibt hier skeptisch: "Und die Kinder?"

In drei Kapiteln von sehr unterschiedlicher Länge entwickelt sich die Malaise. Die gestaute Zeit explodiert. Das Ergebnis: eine Katastrophe. Hens verfügt über ein beachtliches Arsenal erzählerischer Mittel. Auf einer Bauernhochzeit, in die Karsten und Malin zufällig hineingeraten, eskaliert die Entwicklung. Noch bevor das Brautpaar eintrifft, endet das Fest in einem infernalischen Feuersturm. Damit wird das Finale eingeleitet, in dem dann alle Beteiligten (die Leser eingeschlossen) auf ihre Kosten kommen. Es geht richtig hoch her.

Und doch bleibt es die alte Geschichte. Man muss nur die Perspektive wechseln, das Geschehen zum Beispiel von 1968 her betrachten, als stinknormale Beziehungskiste. Das war die Zeit Jürgen Theobaldys. In seinem Lyrik-Band Blaue Flecken, Mitte der siebziger Jahre, erzählte er die Geschichte(n) dieser Generation, etwa von dem jungen Mann, der nachts nach Hause kommt, seine Frau mit einem "Genossen" vorfindet und vom bettlägerigen Pärchen gebeten wird, Kaffee zu kochen. Der Kragen platzt ihm erst, als er dann noch seine letzte Zigarette hergeben soll. Die Konsequenz dieser Entwicklung wird in Peter Handkes Erzählung Die linkshändige Frau beschrieben. "Die Frau sagte, mir ist eine seltsame Idee gekommen; eigentlich keine Idee, sondern eine Art Erleuchtung." Nämlich: Trennung. Eine Laune genügt, um das Heilige Sakrament der Ehe aufzuheben.

Das Ergebnis lässt sich jetzt, zwei Generationen später, bei Gregor Hens besichtigen. Auch sein Karsten Matta geht, einfach so, von einem Augenblick auf den anderen, verlässt Frau und beide Kinder. Bei Hens bedarf ein solcher Entschluss vermutlich einer - etwas hoch gegriffen - metaphysischen Begründung. Deshalb steht die starke Metapher der gestauten Zeit am Anfang. Und die blutige Katastrophe am Ende. Die Handke'sche Beiläufigkeit einerTrennung kann heute vielleicht doch nicht mehr so ohne weiteres hingenommen werden.

Schicksal, unvermeidbar

Mit der Weltlage lässt sich da nichts erklären. In die "gestaute Zeit" des Krisenexperten Karsten Matta passt zwar einiges von den gegenwärtigen Problemen. Das fast tragische Ende des armen Mannes, der zumindest einen Teil seiner Schädeldecke auf der Autobahn eingebüßt hat, bleibt - Schicksal. Zudem stellt sich die Frage, was ein solcher Amoklauf bedeuten könnte? Gregor Hens bewegt sich wieder in der Nähe seines alten katastrophensüchtigen Vorbilds Heinrich von Kleist. Auch bei Kleist tritt die Katastrophe bereits in jene Leerstelle ein, die eine mit dem Prozess der Modernisierung einhergehende Säkularisierung religiöser Gehalte erzeugt hatte.

Fazit also: ein alter Hut? Das mag durchaus sein. Nur muss, um bei dem Wort zu bleiben, dieser alte Hut tatsächlich von jeder neuen Generation neu entdeckt, neu erlebt und auch im Horizont der jeweils eigenen Erfahrungen neu beschrieben werden. Gregor Hens hat die Geschichte von Karsten Matta erzählt. Vermutlich so, wie sie von seiner Generation erlebt wird.

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