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Cees Nooteboom, dessen deutsche Werkausgabe jetzt Band 10 erreicht hat.

Cees Nooteboom

In jedem Satz eine Welt

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Der 10. Band der Werkausgabe des zeitreisenden Erzählers Cees Nooteboom liegt vor.

Am 31. Juli wird Cees (recte: Cornelis Johannes Jacobus Maria) Nooteboom 84 Jahre alt werden. Gerade ist der schöne Band 10 seiner bei Suhrkamp herausgegebenen Gesammelten Werke erschienen. Vor ein paar Wochen gab es eine festliche Vorstellung des Bandes in der Niederländischen Botschaft in Berlin. Nooteboom stolperte beim Schritt auf das kleine Podium. Ein Raunen ging durch den Saal. Er drehte sich um, wandte sich zu seinem Publikum und sagte: „Das hätten Sie wohl gerne: Autor stürzt beim Anblick seiner Gesammelten Werke“. Der Saal lachte. Nooteboom hatte wieder alles und alle im Griff. Die Wahrheit ist natürlich, dass der Leser schon beim Anblick der zehn mal 900 Seiten in die Knie geht.

Da ist, man ist versucht zu sagen: wie nebenbei, ein riesiges Werk entstanden. Nooteboom war und ist, so kommt es dem Leser vor, immer auf Reisen. Sind die atemraubenden Romane „Rituale“, „Ein Lied von Schein und Sein“, „Die folgende Geschichte“ in Hotelzimmern entstanden, auf den Treppen buddhistischer Tempel, in fernen Wüsten, an einem kleinen Tisch vor dem Zwiebelfisch am Berliner Savignyplatz oder doch im Haus in Amsterdam oder im Garten seines Hauses auf der spanischen Mittelmeerinsel Menorca?

Wer über Letztere mehr erfahren möchte, wer den Geruch des Meeres liebt und wer – wenigstens lesend – das Reisen liebt, der wird in dem Band „Briefe an Poseidon“ lesen. Ein kluges Buch, in dem die ganze Welt steckt. Ihr Traurigstes und auch ihre Schönheit. Jede Vergangenheit – Samuel Beckett 1936 in Berlin, ein griechisches Relief aus dem 5. vorchristlichen Jahrhundert, Milliarden Lichtjahre entfernte Supernovä – wird darin zu einer den Leser bedrängenden, ihn faszinierenden Gegenwart. Keine Ferne bleibt unerkundet.

Niemand wird sich dem Zauber entziehen können, den der schon früh von Japan begeisterte Cees Nooteboom entfaltet in seinem Text „Saigoku. Auf Japans Pilgerweg der dreiunddreißig Tempel“. Faulenzer wie ich bewunderten schon die Energie, die physische Konstitution, mit der der Siebzigjährige Wege, Pfade und Treppen bewältigte. Aber großartig ist auch diesmal wieder, wie Nooteboom genaue Beobachtung mit Meditation und Reflexion verbindet und gleichzeitig gerade dadurch das flimmernd Atmosphärische, die doch durchsichtige, unsichtbare Luft, in der er und die anderen Pilger sich bewegen, gewissermaßen festhalten und plastisch uns vor Augen zu stellen vermag.

Er macht das mühelos. Es scheint das Selbstverständlichste. Ich würde gerne einmal einen Blick auf seine Manuskripte werfen und sehen, wie lang der Weg ist von der ersten Version bis zur gedruckten Fassung. Ich habe den Verdacht, dass Nooteboom nicht – wie unsere Lehrer es wollten – immer wieder neu korrigiert. Ich glaube, nein, ich wünsche mir, dass er so schreibt, wie ich ihn lese. Begeistert. Wort für Wort. Satz für Satz. Abschnitt nach Abschnitt. Alles ergibt sich aus einander. Wie notwendig. Als gebe es keine Alternative. Sprudeln soll es. Ein heiterer Quell auch für den Autor. Der unterbrochen, nein gefördert, ins Rauschen gebracht wird, von Steinen, die sich ihm in den Weg legen.

Nooteboom-Leser werden die meisten der Texte kennen. Sie werden sie, wie ich es tat, wieder und neu lesen. Es gibt auch bisher auf Deutsch Unveröffentlichtes darin. Ich kannte zum Beispiel nicht die kleine, traurige Rede, die Nooteboom im November 2009 bei der Verleihung des Prijs der Nederlandse letteren hielt. Sie heißt „Wir verstehen unsere eigene Kultur nicht“. Er beobachtet, wie eine oder gar schon mehrere Generationen, die nichts wissen von der christlichen Überlieferung, ahnungslos durch die Museen gehen, den großen Erzählungen der europäischen Literatur nicht zu folgen verstehen. Denn auch die Antike wird nicht mehr überliefert. Die Gegenwart hat den Krieg gegen die übrige Zeit gewonnen. Nichts hat neben ihr Bestand.

Ich kann Nootebooms Lamento verstehen, aber als einer seiner Leser sage ich ihm, dass er großen Erfolg hat bei seinem Versuch, dieser Entwicklung gegenzusteuern. Wie vielen seiner Anregungen bin ich nicht gefolgt! Er hat mir die Augen geöffnet für die Schönheit japanischer Teeschalen und für die des Zeremoniells, von dem sie ein Teil ist. Monteverdi habe ich durch ihn erst wirklich kennengelernt. Ich bewundere ihn für seine Arbeit an der gleichzeitigen Ent- und Verzauberung der Welt in „Paradies verloren“. In Wahrheit hat Nooteboom uns ein Vielfaches der Welt geschenkt, deren Verschwinden er jetzt beklagt.

Cees Nooteboom: Gesammelte Werke. Band 10. Prosa 2008–2015. Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. Suhrkamp, Berlin 2017. 911 Seiten, 58 Euro.

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