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Wirklich wie ein Thriller: US-Präsident Barack Obama (2. v. l.) und sein Sicherheitsstab angesichts der Operation „Geronimo“.
Wirklich wie ein Thriller: US-Präsident Barack Obama (2. v. l.) und sein Sicherheitsstab angesichts der Operation „Geronimo“. © White House/Pete Souza/rtr

Er kann uns fast alles erzählen, weil er weiß, wie man das macht: In Leon de Winters aufwendigem Politthriller „Geronimo“ wird Osama bin Laden lebendig gefasst.

Von Cornelia Geissler

Es könnte alles auch so gewesen sein. Wer weiß denn wirklich, wie der Al-Kaida-Führer und Hauptverantwortliche für die Anschläge vom 11. September 2001 Osama bin Laden zu Tode kam? Die offiziellen Bilder, die von den USA aus in die Welt gingen, könnten doch auch manipuliert worden sein? Schließlich leben wir im Jahrhundert der Verschwörungstheorien. Hinzu kommt die militärische Geheimhaltung.

In Leon de Winters neuestem Roman, dessen Titel das Codewort der Navy Seals für die Ergreifung Bin Ladens ist, „Geronimo“, wird der Al-Kaida-Führer lebend gefasst, weil er vor Gericht gestellt werden soll. Er heißt hier minimal verändert Usama bin Laden, kurz: UBL.

Das Buch im Gewand eines knallharten Politthrillers erscheint pünktlich zum Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse, der der niederländischen und flämischen Literatur gewidmet ist. Doch regional ist nur die Sprache der Entstehung.

Die Handlung springt zwischen den USA, Pakistan, Afghanistan, Deutschland, Israel und Großbritannien. Amsterdam ist nicht viel mehr als eine Fußnote, Ort eines harmlosen Treffens. Leon de Winter verwebt auf dramatische Weise die Geschichte des US-Soldaten und späteren Spezialisten im Dienste der CIA, Tom Johnson, und eines afghanischen Mädchens mit der internationalen Politik, mit Spionage und dem Kampf gegen den Terrorismus.

Doppelt verwundet

Tom, Nachkomme musikalisch gebildeter russisch-jüdischer Auswanderer, gehörte in den USA lange „zur Elite derer, die dieses Land verteidigten“. Inzwischen wurde er schwer verwundet – seelisch, weil seine kleine Tochter an den Folgen der Bombenattentate von Madrid 2004 gestorben war, körperlich durch einen Angriff in Afghanistan.

Äußerlich wiederhergestellt, hält er Kontakt zu seinen alten Kameraden. Die sollen ihm helfen, das Mädchen wiederzufinden, das er in Afghanistan mit klassischer Musik begeistert hatte. Man könnte auch sagen: infiziert.

Bachs „Goldberg-Variationen“ erschienen der elfjährigen Apana, als sie im Camp auf ihren Vater wartete, den als Dolmetscher für die Amerikaner arbeitete, wie die Stimme Gottes. Eigentlich passten Frauen auf sie auf, ein Stabsfeldwebel und drei Ärztinnen in Diensten der Army. Tom legte in seinem Container nebenan die CD in den Player, und dann kam Apana, „mit offenem Mund, die großen blauen Augen aufgerissen“.

Leon de Winter versucht also mit diesem Buch, das von Gewalt durchzogen ist, auch das Geheimnis der Überwältigung durch Musik zu beschreiben. Sein Held wuchs mit Bach auf; Tom fühlt sich von den Tönen in seinem Innersten berührt.

Die spezielle Wirkung von Musik lässt sich schwer in Worte fassen. Der Autor schrammt an der Grenze zum Kitsch entlang, fängt sich aber auf der Seite der Kunst, wenn er über das Glenn Gould hörende Mädchen schreibt: „Sie wusste von dem Moment an, dass Schönheit schmerzte, weil ihre Erfahrung endlich war.“

Tom, der nach dem Willen seiner Eltern hätte Pianist werden sollen, wird Apanas Lehrer, besorgt ihr ein Keyboard, vergleicht mit ihr Aufnahmen, zeigt ihr Partituren im Internet. Apanas Begabung muss der Leser einfach glauben, auch die Menge an Freizeit, über die der Soldat verfügt.

Mühelos gelingt de Winter ein besonderes Kunststück: Er beschreibt den unsichtbaren Draht, der sich zwischen Tom und Apana bildet, nachfühlbar. Er besteht für Tom aus dem Verlust der eigenen Tochter, dem Versagen als Vater, der Verantwortung für das andere Leben und eben der Liebe zur Musik.

Leon de Winter wartet mit einem Knaller auf

Die Taliban bestrafen das Mädchen hart für ihre Liebe zur Musik. Tom erfährt, dass er nach einer Verstümmelten suchen muss. Leon de Winter wartet nun mit einem Knaller auf. Ausgerechnet an ihr lässt er die Verkörperung des Bösen seine Menschlichkeit beweisen. Usama bin Laden nimmt sich des Mädchens an, als er es bettelnd neben einer Kirche findet. Er, der international Gesuchte, ist nachts verkleidet in Abbottabad in Pakistan unterwegs.

Der Roman springt über die Kontinente und in den Zeiten, manchmal muss man zurückblättern, wenn man den Anschluss verloren hat. Leon de Winter spannt ein vielgliedriges Netz mit Wendepunkten und Überraschungen. Er greift einmal angefangene Geschichten zuverlässig später wieder auf, manchmal schaut er dabei auch voraus. Oft weiß der Leser mehr als die Figuren, weil der Autor so schlüssig erzählt.

Doch das entscheidende Geheimnis, womit Bin Laden glaubt, den amerikanischen Präsidenten in der Hand zu haben, womit die Sicht der demokratischen Welt auf ihn eine andere wäre, enthüllt er lange Zeit nicht. Und so aufregend die Jagd nach und die Entführung von Bin Laden auch sein mag, die Geschichte um Tom und Apana erscheint meist noch aufregender – bis der Autor beide Stränge zu einer explosiven Gemengelage verknüpft. So trifft das Menschliche, Emotionale, auf die kühlen Berechnungen der Geheimdienste und die verächtlichen Pläne der Terroristen.

Leon de Winter, einer der erfolgreichsten niederländischen Autoren, verfängt in „Geronimo“ mit einem weltumspannenden Thema und liefert jede Menge Gesprächsstoff. Sein erzählerisches Mosaik aus Privatem und Politischem ist ein starker Roman für die Gegenwart.

Leon de Winter: Geronimo. Roman. Aus dem Niederländ. von Hanni Ehlers. Diogenes, Zürich 2016. 448 S., 24 Euro.

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