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Eine Stadt, die Erschütterungen abfedert. Schnee in Montreal.

Prix Goncourt

Die Guten, die Bösen und die Möglichkeit, nichts als glücklich zu sein

  • vonMartin Oehlen
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Intensiv, aber entspannt im Ton: Jean-Paul Dubois’ Roman „Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise“.

Paul Hansen sitzt in Kanada hinter Gittern. Was ihn in diese missliche Lage gebracht hat? So schnell erfahren wir das nicht. Zwar gewinnt eine Vermutung mehr und mehr an Boden. Doch Gewissheit gibt es erst gegen Ende des tragikomischen, so anrührenden wie durchweg hinreißenden Romans von Jean-Paul Dubois: „Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise“.

Paul – so heißen die meisten männlichen Helden im Werk des französischen Schriftstellers, der Soziologie studiert und als Journalist gearbeitet hat. Mehr als 20 Romane hat Dubois seit seinem Debüt im Jahre 1984 veröffentlicht. Er beginne seine Romane immer im März, hat er im Interview mit „Le Monde“ gesagt, und er schreibe schnell. Da kommt also einiges zusammen. Allerdings ist von alledem bislang nur sehr wenig auf Deutsch erschienen. Umso glücklicher kann sich der Deutsche Taschenbuch Verlag schätzen, dass er nun diesen im vergangenen Jahr mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Roman veröffentlichen kann.

Darin erzählt Paul Hansen aus seinem Leben zwischen Frankreich, Dänemark und Kanada. Dieses Leben begann am 20. Februar 1955 gegen 22 Uhr in einer Klinik in Toulouse: „In dem mir zugeteilten Zimmer betrachteten mich zwei Personen, die ich nie zuvor gesehen habe, beim Schlafen.“ Bei diesen Personen handelte es sich um den dänischen Pastor Johanes Hansen und die französische Kino-Betreiberin Anne Margerit.

Bemerkenswert an diesen Eltern ist, dass Anne nichts mit der Kirche zu tun haben will, für die Paul auf die Kanzel trat. Doch zum Bruch kommt es erst 1975: Anne ist entschlossen, der öffentlichen Empörung zu trotzen und den Pornofilm „Deep Throat“ in ihrem Programmkino zu zeigen. Das findet Johanes nicht mehr hinnehmbar. Er zieht auf und davon ins ferne Kanada – und der Sohn folgte ihm ein Jahr später.

Im Montreal der 80er Jahre wird Paul heimisch – in „einer der wenigen Städte auf der Welt, die einem vermitteln, die Stöße und Erschütterungen des Lebens abzufedern, das Unglück schlucken oder mildern zu können.“ Als Oberverwalter der komfortablen Wohnanlage „Excelsior“ ist er zuständig für Hausmeisterarbeiten aller Art. Darüber hinaus ist er jederzeit bereit, sich die privaten Sorgen der 63 Eigentümer anzuhören und zu helfen, wo es ihm möglich ist. Ein Kümmerer.

Das Buch

Jean-Paul Dubois: Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise. Roman. A. d. Französ. v. Nathalie Mälzer/Uta Rüenauver. dtv, München 2020. 256 S., 22 Euro.

Ja, ihm wächst dieses Soziotop ans Herz. Bis dann eines Tages ein neuer Vorsitzender der Eigentümer-Versammlung gewählt wird: Edouard Sedgwick. Ein Sparfuchs und Ekel. Der sagt: „Ihre Arbeit ist die Instandhaltung des Hauses und nicht die seiner Bewohner.“ Auch dürfe Pauls Ehefrau Winona nicht mehr den hauseigenen Swimmingpool benutzen, und der Hündin Nouk sei der Zutritt zum Garten verwehrt. All das ist demütigend. Doch den Schikanen zum Trotz wahrt Paul erst einmal die Ruhe.

Paul Hansens Ich-Erzählung ist auf zwei Ebenen angesiedelt. Regelmäßig wechselt er zwischen dem Jetzt im Gefängnis und dem Damals in Freiheit – dazu ein Epilog in Skagen, der Heimat seines Vaters. Was wir über das Gefängnis erfahren, ist kurioser als man meinen könnte. Denn dort lernen wir Patrick Horton kennen, Pauls imposanten Zellengenossen. Dieser Hüne ist ein loyales Mitglied der Hells Angels. Aber auch ein grober Klotz hat seine Schwachstellen. Für Patrick ist es eine Herausforderung auf Leben und Tod, wenn ihm die Haare geschnitten werden. Das konnte im Grunde nur seine Mutter. Aber auch Paul hat Talent. Als das Frisur-Projekt abgeschlossen ist, wird Patrick sentimental: „Ist bescheuert, aber das treibt mir die Tränen in die Augen.“

Paul hingegen wird es weich ums Herz, wenn er an seine Toten denkt. Zumal an Winona Mapechee, die Liebe seines Lebens. Die Frau - der Vater vom Stamme der Algonkin, die Mutter Irin – gehörte zu jenen, „die in jeder Sekunde in dem Bewusstsein leben, dass das Leben viel zu kurz und zu wertvoll ist, um es in den Warteschlangen zweitrangiger Probleme auszubremsen“. Nicht einmal eine klitzekleine Übellaunigkeit relativierte die Liebe der beiden. Das Paar war nichts als glücklich.

Dass Winona nicht mehr lebt, wird sofort verraten. Wie es dazu kam, können Dubois-Leser früh erahnen. Dubois hegt eine sympathische Treue zu Motiven und Protagonisten.

Ein intensiver Roman ist das, reich an Episoden und Korrespondenzen, mit einem schlüssigen Plot und einem entspannten Ton, eingebettet in die Welt zwischen den 68ern und Barack Obama und versehen mit einigen zeitkritischen Einlassungen. Und Dubois zeigt uns eine moralisch zersplitterte Gesellschaft. Wir entdecken die Guten und die Bösen. Auf der einen Seite gibt es den „Cost Killer“ ohne Mitgefühl oder den „Casuality Adjuster“, der für die Lebensversicherungen den Wert eines Lebens kleinrechnet. Auf der anderen Seite gibt es Menschen wie Paul und Winona und einige mehr, die hilfsbereit sind und den Anstand wahren – und damit ihr Gesicht.

Weshalb ein solcher Menschenfreund im Gefängnis landet, wird dann auch noch erzählt. Dass Pauls Tat, die er nicht bereut, in einem Rechtsstaat für eine Bestrafung infrage kommt, ist gewiss. Trotzdem hätte ihm sein Vater, wäre er noch am Leben, bei der Entlassung auf die Schulter geklopft. So wie damals, als Paul das Abitur trotz einiger Mühen machte und Johanes auf Dänisch sagte: „Min son, jeg er stolt af dig.“ Mein Sohn, ich bin stolz auf dich.

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