1. Startseite
  2. Kultur
  3. Literatur

Javier Marías: „Tomás Nevínson“: Der lebende Text

Erstellt:

Von: Arno Widmann

Kommentare

Javier Marías an seinem Schreibtisch.
Javier Marías an seinem Schreibtisch. © El Mundo/Imago

Über „Tomás Nevínson“, den letzten Roman des spanischen Autors Javier Marías.

Er nimmt sich Zeit. Nein, er nahm sich Zeit. Der spanische Autor Javier Marias starb am 11. September – geschwächt von einer Corona-Infektion – an einer Lungenentzündung.

Seine Bücher haben nicht einen, sie haben viele Plots. Sein letzter Roman, „Tomás Nevínson“, erschien in Spanien im März des vergangenen Jahres. Dessen erster Satz lautet in der deutschen Übersetzung von Susanne Lange „Ich wurde nach alter Schule erzogen und hätte nie gedacht, dass man mir eines Tages auftragen würde, eine Frau umzubringen.“ Das ist in der mikroskopischen Winzigkeit eines einzigen Satzes fast schon der ganze Marías. Ein echter Thriller hätte begonnen mit: „Eine Frau zu töten, war mein Auftrag.“ Dann würde folgen, dass er dafür nicht erzogen worden war.

Niemals aber würde ein echter Thriller so weitergehen wie Marías fortfährt. Es folgen seitenlange Erörterungen über das Töten im Allgemeinen und über das Töten von Frauen im Besonderen. Und natürlich auch über die auffällige Diskrepanz zwischen dem großen Wert, der bei der Erziehung von Männern auf die Achtung der Frau gelegt wird – man öffnet ihr die Tür, man flucht nicht in ihrer Gegenwart –, und der Völker und Kulturen übergreifenden Selbstverständlichkeit, mit der Frauen erniedrigt, verstümmelt, vergewaltigt, getötet und schon als Neugeborene umgebracht werden. Es ist ein kleiner Essay, aber er wird erzählt. Von wem, weiß man nicht. Es wird kaum das Ich des ersten Satzes sein. Ganz gewiss nicht über die ganze Strecke. Die Stimme des Erzählers klingt langsam immer deutlicher durch. Sie kommt auf wie ein zweites Thema in einer Symphonie.

Die Schönheit der Perioden Javier Marías’ kommt aus der Musik. Aus einer Epoche, die lange Spannungsbögen liebte, in der der Ehrgeiz des Komponisten darin bestand, möglichst wenig passieren zu lassen und doch dafür zu sorgen, dass das Publikum atemlos diesem Nichts folgte. Dieses Nichts ist der Tod. Von ihm lässt Marías auf keiner Seite ab. Er verfolgt ihn durchs üppigste Leben hindurch und durch die erzählerischen Wüsteneien dessen, was wir in der Schule „Erörterung“ nannten.

Für Javier Marías, den Sohn des berühmten spanischen Philosophen Julián Marías Aguilera, gehörte es zu den Hauptreizen des Romans, dass darin Platz ist für den Diskurs. Marías war stolz darauf, die Handlung immer wieder zurückdrängen zu können. Marías Genie lag im Timing. Er wusste wohl immer genau, wann das erste Thema wieder angespielt, wann die Handlung vorangetrieben werden musste. Er war ein Meister des Hinauszögerns. Er ließ sein Publikum der Auflösung entgegenfiebern. Er scheute sich nicht, Listen einzuschieben, zum Beispiel eine Aufstellung aller ihm bekannten Namen von Menschen, die einem terroristischen Attentat zum Opfer fielen.

Das klingt ein wenig anstrengend. Aber das liegt an mir. Marías gewann seit dem Riesenerfolg von „Mein Herz so weiß“ 1992 mit jedem seiner Bücher ein immer größeres weltweites Millionenpublikum. Es las und liest ihn nicht, weil es sich beim Lesen gerne anstrengt.

Marías zeigt, dass Denken nicht nur traurig, sondern auch Spaß machen kann. Das Traurige selbst hat seine lustige Seite. Er spielt das gerne durch. Jeder seiner Sätze ist klar. Unklar aber ist das Ganze. Das Ganze dieser Welt. Aber auch das jeder Person darin. Und also auch jede Aktion.

Tomás Nevinsón zum Beispiel ist ein Spion außer Diensten, der wieder angeworben wird, um einen IRA-Terroristen zu beobachten. Nevinsón hatte in den 20 Jahren seiner Tätigkeit für MI5 und MI6 viele Identitäten, unter anderem ist er auch tot gewesen. Für Javier Marías ist Tomás Nevinsón ein gewaltiges Instrument. Ein Mann mit so vielen Namen, dass er selbst sie nicht mehr alle weiß, ein Mann, der in zahlreichen Sprachen und vielen ihrer Dialekte Zuhause ist. Ein Mann, der es versteht, sich wechselnden Umgebungen anzupassen. Einer aber auch, der aufhörte, weil er sich verloren gegangen sah.

Es gibt lange Erörterungen darüber, dass man aus Geheimdiensten nicht wirklich hinaustreten kann. Man bleibt immer unter Beobachtung, und wenn man womöglich wieder gebraucht werden könnte, melden sie sich. Die einzige Möglichkeit, dem Geheimdienst zu entkommen, ist der wirkliche Tod. Spätestens an dieser Stelle wird man auch das eigene Leben mit anderen Augen betrachten, denen eines Geheimdienstes.

Das Buch

Javier Mariás: Tomás Nevinson. Roman. A. d. Span. v. Susanne Lange. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2022. 736 S., 32 Euro.

Marías hat uns durch viele Geschichten geführt, uns – wie sich das für einen richtigen Geschichtenerzähler gehört – um viele Menschen bangen lassen, die er eigens zu diesem Zweck erfunden zu haben scheint. Irgendwann mitten in den Kantilenen seiner Perioden oder aber beim Lesen einer seiner Listen erschrickt man und begreift, dass es um einen selbst geht. Dass man sich während der Lektüre immer gehäutet hat, Metamorphosen durchmachte und doch das Gefühl nicht los werden kann, immer noch derselbe zu sein.

Nach dem richtigen Buch ist das alte Ich zerstört und das neue einem noch unbekannt. Es erscheint einem vielleicht gar als feindlich. So kann es einem gehen bei der Lektüre von „Thomás Nevisón“. Javier Marías verfügte über den wunderbaren und zugleich verhängnisvollen Zauberklang. „Das hat mit ihrem Singen die Loreley getan“, schrieb Heinrich Heine und wusste, dass er selbst die Loreley war, die die Menschen einer unfassbaren Schönheit aussetzte und sie dadurch unfähig machte, weiter zu leben wie zuvor.

„Javier Marías verfügte“ – das stimmt allerdings nicht. In einem auf Youtube zu findenden Gespräch mit dem italienischen Autor Claudio Magris erklärt Marías, dass es ihn amüsiere, wenn er höre, wie wunderbar alles zusammenpasse in seinen Romanen, wie souverän seine Planung sei. „Wenn ich mit einem Roman beginne“, sagt er etwa, „weiß ich nicht, was in ihm passieren wird. Ich weiß manchmal noch nicht einmal, wie der Abschnitt enden wird, an dem ich gerade schreibe.“ Und: „Autoren ändern, wenn sie auf Seite 200 merken, dass ihnen auf Seite 2 etwas nicht passt. Ich mache das nicht. Ich gehe mit dem Romanschreiben nicht anders um als mit dem Leben. Man kann die Vergangenheit nicht ändern. Man muss sie hinnehmen, mit ihr umgehen. Wenn die Seite 2 mir auf Seite 200 Schwierigkeiten macht, muss ich mit diesen Schwierigkeiten fertig werden.“

Diese Offenheit für das Unvorhergesehene ist ein wichtiges Element der Kunst Javier Marías’. die Spannung, in die er Leserinnen und Leser versetzt, ist nichts als die Spannung, in der er selbst beim Schreiben lebte. Er verfügt nicht über sie, sondern sie verfügt über ihn und damit über uns. So bildet er Leben nicht nur ab, sondern der Text selbst lebt.

Begeistert war ich vom Schluss des Romans. Das letzte Wort ist „vielleicht“. Genial angesichts der in „Tomás Nevínsson“ alle Bereiche des Seins ergreifenden allgemeinen Verunsicherung. Im spanischen Text steht allerdings nicht „quizás“. Die bewundernswerte Übersetzung von Susanne Lange hört so auf: „Mag sein. Vielleicht. Oktober 2020“. Bei Marías steht: „Eso puede ser. Podría ser. Octubre de 2020“. Also „Das kann sein. Könnte sein.“

Das „vielleicht“ ist großartig. Aber natürlich ist es hochinteressant, dass der letzte Roman des Philosophen Marías mit dem Wort „sein“ endet, nachdem er jede Zeile dafür aufgewendet hat, gerade das in Frage zu stellen.

Sieht man noch einmal auf das Ende und übersieht einen kleinen Punkt, dann wird deutlich, dass Marías sein Spiel mit Sein und Schein bis zuletzt trieb: „Podría ser Octubre de 2020“. Ich liebe das, aber das hat Susanne Lange wunderbar übersetzt mit ihrem „Vielleicht Oktober 2020“.

Mit Carl Loewe möchte ich Javier Marías zurufen: „Komm wieder, Nöck, du singst so schön.“

Auch interessant

Kommentare