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Jarvis Cocker: „Good Pop, Bad Pop“ – Mit Jarvis Cocker den Dachboden aufräumen

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Er verändert nicht zuletzt unseren Blick auf ein Glas Marmite: Jarvis Cocker, hier im Konzert.
Er verändert nicht zuletzt unseren Blick auf ein Glas Marmite: Jarvis Cocker, hier im Konzert. © afp

Tja, was ist Wahrheit? Der Kopf der Band Pulp bietet das rare Vergnügen einer intelligenten Musikerautobiografie. Von Jens Buchholz

Jarvis Cocker ist der kreative Kopf der Band Pulp. Ein schmaler, dürrer Typ mit einer zu großen Brille, der immer ein bisschen verspult wirkt. 1995 hatte die Band den Höhepunkt ihrer Karriere erreicht. Mit dem Album „Different Class“ und den Hitsingles „Disco 2000“ und „Common People“ gehörten sie neben Oasis und Blur zu den internationalen Größen des Britpop. Mit „Good Pop, Bad Pop“ legt Jarvis Cocker jetzt eine Autobiografie vor. Aber das beschreibt dieses außergewöhnliche Buch nur unzureichend. Eigentlich beschreibt es die Ordnung der Dinge im Kosmos Cocker.

Der alte Haudegen will gemeinsam mit uns seinen Dachboden aufräumen. „Ich habe beschlossen, nicht einfach alles zu entsorgen, sondern mir jeden einzelnen Gegenstand anzuschauen & dann eine sachkundige Entscheidung zu treffen, ob ich ihn behalten soll oder nicht.“ Denn auf dem Dachboden liegt nicht irgendwelcher Sperrmüll. „Das hier sind eindeutige Beweise. Primärquellen. Originalartefakte. Alles hat Bedeutung“, erklärt Cocker. Warum? „Weil ich weiß, dass irgendwo da drin etwas Wichtiges steckt. So eine Art Lebensgeschichte, irgendeine Offenbarung – aber wir werden danach graben müssen. Ich verwende hier nicht den Pluralis Majestatis – ich möchte, dass ihr mir helft.“

Und damit nimmt Cocker seine Leser und Leserinnen an der Hand und beginnt mit einer Art autobiografischer Archäologie. Vom Jahr seiner Geburt 1963 bis zu seinem Fenstersturz 1985. Er und die, die das lesen, sichten Fotos, Schulhefte, Kaugummiverpackungen, Kassettenrekorder, Kassetten, Instrumente, alte Klamotten, Marmitegläser, Postkarten und Zeichnungen. Es entsteht ein taxonomischer Kosmos aus Dingen, die vernetzt werden, indem Cocker sie mit seinen Geschichten überschreibt und für sein fasziniertes Publikum vernetzt.

Der Kulturwissenschaftler Daniel Miller stellte in seinem Buch „Der Trost der Dinge“ fest, dass menschliche Subjekte Knotenpunkte in einem Netz aus Beziehungen seien, die sich über eine gemeinsame Ästhetik definierten, also über die Referenz auf bestimmte Dinge. Und es ist herzerwärmend, wie es Cocker gelingt, dieses Beziehungsnetz zu übertragen. Niemand wird nach der Lektüre je wieder ein Glas Marmite betrachten können, ohne an Cocker und seine merkwürdige Zwangsneurose mit den Deckeln dieser Gläser denken zu müssen. Natürlich sind alle Gegenstände in dem Buch farbig abgebildet. Und wie es sich im Pop gehört, bekommen wir für alles und jedes die Markennamen stets mitgeliefert.

Klar, dass Jarvis Cockers Autobiografie sich über das Sortieren von altem Kram entwickelt. „... dies wird nicht bloß der Katalog einer Haushaltsauflösung“, erklärt er, „sondern auch ein Buch über den kreativen Prozess – genauer gesagt meinen kreativen Prozess.“

Das BUch

Jarvis Cocker: Good Pop, Bad Pop. Die Dinge meines Lebens. A. d. Engl. v. Herzke/Fricke. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2022. 400 S., 28 Euro.

Und auch der definiert sich über Dinge. Über die erste Gitarre, die er von einem Tauchlehrer geschenkt bekam, den er auf Ibiza kennengelernt hatte. In alten Schulheften, die natürlich in dem Buch abgebildet sind, entwickelte der junge Cocker eine Ästhetik für seine Band. Und das noch bevor er Gitarre spielen konnte oder Bandmitglieder gefunden hatte. „Ich lernte etwas über die Welt, indem ich mir anschaute, was sie wegwarf. Was sie für ,wertlos‘ hielt. Das war der wahre Anfang der Pulp-Ästhetik.“ Und auch er selbst definiert sich in seinem Buch über das, was er wegwirft, und das, was er nicht wegwirft.

Immer wieder wird der Autor von alten Fotos und darauf abgebildeten Kleidungsstücken oder anderen Gegenständen darüber belehrt, dass er sich an bestimmte Vorgänge falsch erinnert und sich korrigieren muss. Und auch dazu hat Jarvis Cocker ein paar weise Worte bereit. „Wir erzählen uns Geschichten, die auf Beobachtungen basieren, die wir von der Welt haben. Wir stellen die Informationen in eine uns logisch erscheinende Ordnung & die wird dann zu dem Narrativ, an das wir glauben. Es wird Die Wahrheit.“ Tja. Was ist Wahrheit?

„Good Pop, Bad Pop“ wird so zu einer atmosphärisch dichten und trotzdem melancholisch-ironischen Beschreibung, wie sich die Band Pulp im Sheffield der Thatcherjahre zu einer kleinen Lokalgröße entwickelte. Aber vor allem ist es endlich eine intelligente Musikerautobiografie, die nicht so tut, als sei sie ein felsblockartiges Authentizitätsmassiv, oder noch schlimmer: eine grässliche Punkselbstfiktionalisierung, die daherkommt, als sei sie ein Beatnikroman.

Nein. Es ist nur Jarvis. Und wir räumen zusammen seinen Dachboden auf.

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