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Roman „In diesen Sommern“

„Janina Hecht „In diesen Sommern“: Es geht immer um ihn

  • Sophie Vorgrimler
    VonSophie Vorgrimler
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Janina Hechts Roman „In diesen Sommern“.

Es ist drückend heiß in diesen Sommern. Schwül steht die Luft in der anekdotenhaft erzählten Familiengeschichte „In diesen Sommern“ von Janina Hecht zwischen den Protagonistinnen und Protagonisten.

Es ist ja so: Als Kind wächst man in der Welt auf, in die man hineingeboren wird und beginnt sie zu begreifen – dann später begreift man seinen Mikrokosmos Familie noch einmal ganz anders, wenn man merkt, dass es anderswo ganz anders ist. So geht es auch der Ich-Erzählerin Teresa, die man vom Grundschulalter bis in die junge Erwachsenenzeit begleitet – und Teresa ist eine genaue Beobachterin ihrer Familie und vor allem der Dinge, die von außen unsichtbar sind. Das Mädchen beobachtet ihren kleinen Bruder, der Kinderdingen nachgeht – er scheint nichts von dem zu bemerken, was sie wahrnimmt. Sie erzählt von ihren Eltern, die oft auf eine sonderbare Art mit sich selbst beschäftigt sind.

Sie beschreibt ihre Mutter, die eine fröhliche, gutmütige Frau zu sein scheint, die nur manchmal seltsam angespannt ist. Am genauesten versucht Teresa ihren Vater zu verstehen und versteht ihn doch am wenigsten. Ihr Vater, der manchmal mit Kellnerinnen flirtet, der immer Kaugummi kaut und so rasant das Auto lenkt, dass eine traumatische Autofahrt einen Schatten über eine Italienreise legt. Ihr Vater, der oft wütend wird, der ihr das Radfahren beibringt und heldenhaft einen Jungen aus einem Pool rettet.

Selten stehen am Ende der oft kurzen Kapitel kleine Absätze, in denen die Ich-Erzählerin reflektiert. Der Großteil des Romans wird aus Sicht der kleinen Teresa erzählt: Wie ihr Vater sie immerzu auf Baustellen mitnimmt, weshalb Teresa sich in Handwerkssachen gut auskennt – aber auch überlegt, wie man aus Kabelhüllen eine Perlenkette basteln könnte. Oft fragt das Mädchen: Wo ist er, oder wann kommt er wieder - und immer ist klar, wer Er ist, denn um ihn, ihren Vater, dreht sich alles. Mit ihm steht und fällt die Stimmung in der Familie.

Das Buch:

Janina Hecht: In diesen Sommern. Roman. C. H. Beck, München 2021. 175 S., 20 Euro.

Schon nach wenigen Seiten verrät die Erzählerin, dass ihr Vater im Heute abwesend ist: „Manchmal würde ich gerne einer Version meines Vaters vertrauen. Eine Antwort auf die Frage, wer er war“, heißt es. Wo er ist, erahnen die Leserinnen und Leser erst nach und nach. Ebenso, warum die Stimmung oft so angespannt ist.

Die Kulisse dieser Einblicke sind Urlaube am Meer oder auf dem Bauernhof, im Biergarten und immer wieder am Wasser - „Wasser“ heißt auch das erste Kapitel; „Schwimmen“ das letzte.

Die kleine Teresa - sympathisch, sensibel und gleichzeitig beeindruckend abgeklärt - hat ein feines Gespür entwickelt. Sie behält immer den Überblick. Die Sprache des Romans sowie die Sprache und das Verhalten des Kindes bleiben immer klar und nüchtern beobachtend, zurückhaltend. Aus ihrem Versteck im Baumhaus, das sie „unsichtbar“ macht, erkennt sie ihren Vater aus der Entfernung und „weiß sofort, es wird kein guter Abend.“ Ihr Unbehagen zeigt sich körperlich, verkrampfte Hände, Bauchschmerzen. Selten mischt sie sich ein, wenn, dann aber mit dem Mut einer Erwachsenen: Sie lässt sich von einem Baum fallen, um einen Streit zu beenden oder sagt, der Vater solle „sie endlich in Ruhe lassen“, als dieser mitten in der Nacht ein Küchenmesser in der Hand hält.

Es dauert, bis der Mut steigt und Mitleid hinzukommt. Es braucht eine Art Coming-Out, was das Verhältnis zum Vater betrifft. Und viele Jahre, um über den Dingen zu schwimmen, trotz oder wegen der Erkenntnis, dass die Wahrheit eben doch in der Mitte liegt.

Janina Hecht erzählt die Geschichte dieser Frau so intensiv, dass die Frage nach autobiografischen Bezügen naheliegt. Und die Anekdoten aus dem Sommeralltag einer ziemlich normalen Familie sind so exemplarisch, dass man nicht selbst erlebt haben muss, was es bedeutet, mit einem alkoholkranken, gewalttätigen Vater aufzuwachsen und man sich ausmalen kann, wie erst die Winter sind, wenn schon die warme Zeit von eisiger Kälte durchzogen ist.

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