+
HR-Produktion „Verstand und Gefühl“: Birte Schnöink spricht die Elinor Dashwood:  

Hörbuch

Janes Austens „Verstand und Gefühl“ als HR-Hörspiel: Kultivierter kalkulieren

  • schließen

Dem HR glückt zu Weihnachten das Hörspiel „Verstand und Gefühl“.

Während in „Stolz und Vorurteil“ Jane Austens harter Realismus von den Reizen des Mr. Darcy überdeckt wird, zeigt sich der Vorgängerroman „Verstand und Gefühl“ (1811) nüchterner und ernüchternder. Die sympathischen Schwestern Dashwood, finanziell nicht gesegnet und durch den schlappen Halbbruder, dessen penetrante Frau und das englische Erbrecht aus ihrem Heim getrieben, werden mit bescheideneren Lösungen vorlieb nehmen müssen.

Es ist herrlich, dass andauernd von Liebe die Rede ist und Jane Austen gemeinhin als Expertin romantischer Verwicklungen gehandelt wird, ihre Geschichten aber eigentlich von den unerbittlichen Bedingungen des Heiratsmarktes handeln: von Geld, Kalkül, Dünkel und sinnvollen Arrangements. Von übelsten Abhängigkeiten, die nicht nur sämtliche Frauen betreffen, sondern auch das Heer der berufslosen Männer, so ihr Erbe nicht reicht oder noch bei einer Tante deponiert ist.

Zur Sache

Im Internet ist das Hörspiel für die nächsten vier Monate über die ARD Audiothek-App und hr2.de verfügbar.

Im Radio laufen Teil 2 und 3 am 25. und 26. Dezember, 14.04 Uhr, auf hr2-kultur.

Als Hörbuch (3 CDs, ca. 4 Stunden) erscheint die Aufnahme Ende April im Hörverlag, 20 Euro.

Die Umstände sind also unerquicklich, die Umgangsformen hingegen kultiviert. Während man rechnet und bangt, soll man auch noch geistreich plaudern, gut Klavier spielen und ausgeglichen dreinschauen. Auf eine verblüffend treffende, wenn auch zunächst irritierend milde Weise findet das Über-Weihnachten-Hörspiel des Hessischen Rundfunks hierfür den richtigen Ton: exquisit und inniglich, dabei ohne Exaltationen. Es wird lediglich gelegentlich geweint. Vor allem Marianne Dashwood weint, Leonie Rainer, während die ältere, Elinor, die glasklar gestimmte Birte Schnöink, fast bis zum Schluss die Nerven bewahrt. Wenn Elinors Stimme zu zittern beginnt, dann hat sie gute Gründe. Mariannes Gründe sind: so lala. Der Mann, um nicht zu sagen: das Windei, dem sie ihr Herz geschenkt hat, wird von Stefan Konarske grandios zwischen Leichtsinn, leichter Borniertheit und anrollendem Jammerlappentum geführt. Dieses hat Patrick Güldenberg als schüchterner Edward noch weiter ausgebaut. Ulrich Noethen als Oberst Brandon (schon Mitte 30!) ist hingegen die Integrität in Person. Marianne würde sagen: die Langeweile in Person.

Drei Männer mit Nachteilen, zwei großartige Frauen. Und nun? Regisseur Alexander Schuhmacher hat den Text selbst bearbeitet und glücklich in Dialoge und Minimonologe geformt. Man findet sich zurecht, aber Schuhmacher geht nicht davon aus, dass wir schwer von Kapee sind. Die Musik von Instant Music Factory (Claudio Puntin, Oliver Potratz, Jo Ambros) ist unerwartet unlieblich. Sie trägt zur aufmerksamen Kühle bei.

Sollten Sie sich über den mehrfach erwähnten Dichter „Kauper“ wundern, können Sie die Suche an dieser Stelle überspringen. Es geht um William Cowper, den man unlogischerweise Kuper spricht. Natürlich haben die Engländer nicht alle Tassen im Schrank, wie wir inzwischen wissen. Jane Austens Bücher und dieses Hörspiel sind ein Gegenmittel gegen den Verdruss, ja die Verzweiflung darüber.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion