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Ein Totenkopfäffchen lehrt den Tsantsa, was das Empfinden ist.
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Ein Totenkopfäffchen lehrt den Tsantsa, was das Empfinden ist.

Jan Koneffke

Was braucht es, um ein menschliches Wesen zu sein?

  • vonSusanne Lenz
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„Die Tsantsa-Memoiren“: Jan Koneffke schickt einen außergewöhnlichen Romanhelden durch 200 Jahren heilloser europäischer Geschichte.

Der Held dieses Romans ist ein Schrumpfkopf. Das ist eine Trophäe, die aus der Kopfhaut eines getöteten Feindes angefertigt wird, eine Sitte, an der einige südamerikanische Völker bis in das 19. Jahrhundert hinein festhielten. Der Begriff Tsantsa für Schrumpfkopf kommt aus der Indianersprache der Jivaro. Für die Kopfjäger waren die Tsantsa rituelle Gegenstände, sie glaubten, die Kraft des Gegners ginge mit ihrer Hilfe auf sie über. Schrumpfköpfe übten auch auf Europäer Faszination aus, bald wurden sie ein beliebtes Mitbringsel aus Südamerika. Die Nachfrage stieg, Menschen wurden gejagt, um Schrumpfkopfmaterial zu erbeuten. Der Held dieses Romans ist also ein Gewaltprodukt.

Überhaupt klingt die Idee, einen Schrumpfkopf in den Mittelpunkt eines Romans zu stellen, ziemlich irre. Ist es aber eigentlich nicht. Sein Schöpfer Jan Koneffke brauchte eine Figur, die ihn in die Lage versetzt, 200 Jahre Geschichte zu erzählen. Ein Menschenleben reicht da nicht. Man braucht einen, der unsterblich ist. Einen Schrumpfkopf, der denken und fühlen kann.

Ein Papagei als Sprachlehrer

Im Jahr 1780 erwacht der Tsantsa allmählich aus einem Zustand der Willens- und Bewusstlosigkeit. Da setzt die Handlung ein. Er lebt im Haus von Don Francisco in Caracas, sein Besitzer ist ein spanischer Kolonialherr. Aber die beiden Wesen, die ihn das Wesentliche lehren – die Sprache und das Empfinden – sind ein Totenkopfäffchen und ein Papagei. Ein Papagei, der ein totes Indianeridiom spricht, was verhindert, dass er sich mit seinem spanischen Besitzer verständigen kann. Kaum erlebt er Sprache, macht der Tsantsa also schon die Urerfahrung, dass es unmöglich ist, einander zu verstehen. Er erfährt aber auch am eigenen Leib – oder besser am eigenen Kopf –, dass Sprache auch Macht bedeutet oder wenigstens bedeuten kann.

Als ihm sein in Zorn geratener Besitzer eines Tages mit einer Machete den Schädel spalten will, sagt er die Worte, mit denen die weiblichen Sklavinnen flehen, kurz bevor ihr Herr sie wieder einmal vergewaltigt: „No lo haga – tun Sie es nicht.“ Und Don Francisco tut es tatsächlich nicht, denn er erleidet vor Schreck einen Herzinfarkt. Der Tsantsa aber kann nun denken, fühlen und sprechen, und er möchte am Leben bleiben. Was braucht es mehr, um ein menschliches Wesen zu sein?

Das Buch:

Jan Koneffke: Die Tsantsa-Memoiren. Roman. Galiani Berlin 2020. 560 Seiten, 24 Euro.

Er braucht und hat Humor

Und was braucht es mehr, um Geschichte nicht nur zu erzählen, sondern darin involviert zu sein? Denn Schrumpfis Augen sind keine Kamera, die sich auf das Geschehen richtet. Apropos Schrumpfi. Das ist der Name, den ihm sein letzter Besitzer verleiht. Ein Name, der einem sagt, dass der Tsantsa nahbar ist. Mehr noch, er ist ein Zeitgenosse, den man selbst gerne zum Freund hätte, sein Schöpfer Jan Koneffke hat ihn zudem mit Humor ausgestattet. Auch in heillosen Zeitläuften können Einzelne lachen und sogar glücklich sein.

Schrumpfi, Pewee, Zodellkopp, Tato oder wie auch immer ihn die zwölf Besitzer nennen, durch deren Hände der Schrumpfkopf geht, ist die kürzeste Zeit in Caracas. Denn anders als man vielleicht erwartet, sind es 200 Jahre europäischer Geschichte, die einem hier in ausgewählten Passagen erzählt werden. Und anders, als vielleicht gerade der Berliner Leser denkt, in dessen Stadt die Schädel kolonisierter Afrikaner im Museum liegen, geht es nicht um das dunkle europäische Kolonialerbe. Gestreift wird das Thema schon, aber es steht nicht im Mittelpunkt. Denn Schrumpfi ist kein Indianer. Wie er zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit Hilfe eines Psychoanalytikers in Wien herausfindet, ist sein Vor-Ich ein Augsburger, der als Kolonisator in Südamerika sein Unwesen trieb.

Was aber dann? Das ist nicht leicht zu sagen. Jan Koneffkes Buch ist zunächst einmal das Werk eines großen Fabulierers, an dessen überbordender Fantasie man sich erfreuen kann. Was erlebt man nicht alles mit Schrumpfi! In Rom muss er für seinen Besitzer zwei junge Frauen ausspionieren, in der Frankfurter Paulskirche hält er im Namen und durch den Mund seines Besitzers revolutionäre Reden, er zieht mit einer Gruppe Schausteller durch die Lande, wird von einem Wissenschaftler in Paris aufgeschnitten, langweilt sich zu Tode, wenn er mal wieder in einem Keller gelagert wird, und findet in Wien endlich eine Familie, bis er auch dieser verloren geht. Selbst bei der Stasi ist er kurz, gegen Ende lebt er im Prenzlauer Berg.

Doch in diesem mitreißenden Fabulier-Wirbel klingen große Fragen an das Wesen der Zeitläufte an. Schon Schrumpfis Entstehungsgeschichte ist ein Sinnbild für Gewalterfahrung, seine Körperlosigkeit bedeutet existenzielles Ausgeliefertsein. Das Fortschreiten der Geschichte bringt kein Heil, auch die europäische Geschichte ist keine Geschichte zum Besseren hin. Und der Mensch versagt immer wieder aufs Neue vor seinem Anspruch an Humanität.

Menschheitsgeschichte ist Gewaltgeschichte. Und so bekommt der Berliner SS-Mann, in dessen Schrumpfkopfsammlung Schrumpfi während der Nazi-Zeit gerät, eines Tages zwei weitere Schrumpfköpfe geschenkt, den eines Mannes und den einer Frau. Sie sind frisch verfertigt, wie Schrumpfi bemerkt. „Beide sind Juden, die ich mir aus Sachsenhausen bestellt habe“, sagt Lothar zu Lohenfeld-Meyenberg zu seinen Gästen, die die Neuzugänge mit großem Hallo begrüßen. „Was der Indianer beherrscht, kann der Arier besser.“ Derart kann deutsche Selbstreflexion klingen.

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