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Jan Faktor: „Trottel“ – Der Junge, der aussah wie ein Engel

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Von: Katharina Granzin

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Jan Faktor an seinem Arbeitsplatz.
Jan Faktor an seinem Arbeitsplatz. © Joachim Gern/dpa

Auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis: In „Trottel“ erzählt Jan Faktor kunstvoll abschweifend von der Vorwende-Bohème in Berlin und von einem großen persönlichen Trauma.

So lang der Titel von Jan Faktors vorigem Roman war (so lang, dass er hier nicht unbedingt wiederholt werden muss), so kurz ist der Titel des jetzigen, der soeben auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises gelangt ist. Aber warum „Trottel“? Ein Trottel ist ein Narr, und ein Narr ist ein Schelm, und kommt nicht Narr von Narration, oder ist es vielleicht auch umgekehrt? Eine rechte Narrenprosa jedenfalls ist es, die Jan Faktor spinnt und die sich in Wortspielereien und Erzählspiralen, diskursiven Umwegen und Abschweifungen ergeht, dass es nur so eine Art hat.

Für die deutsche Gegenwartsliteratur ist diese Art zu schreiben reichlich untypisch. Faktor erweist sich damit als Erbe einer tschechischen Erzähltradition, in der scheinbar dahingeplauderte Uneigentlichkeiten oft auf ein unausgesprochenes Größeres verweisen, oder in der das Surreale der Erzählung die Unzulänglichkeiten der Realität verzerrt, aber um so stärker hervortreten lässt. Bohumil Hrabal und Jáchym Topol, die für diese Erzählweisen stehen, sind sicher nicht zufällig die beiden einzigen tschechischen Autoren, deren Namen Jan Faktor im Laufe von „Trottel“ nebenbei fallen lässt. Das sehr Besondere ist, dass Faktor diese tschechische Kunst des weiten erzählerischen Schweifens nicht nur in die deutsche Literatur migriert hat, sondern die Detailverliebtheit zu eben dieser deutschen Sprache zusätzlich in dieses Verfahren integriert. (Man ist schließlich nicht umsonst Lyriker.)

Einen Trottel nennt der Erzähler sich selbst, und einen Trottel nennt er seinen Sohn, und um beider Trottel-Leben geht es in diesem Roman, der so in etwa – wenngleich in den persönlichen Details natürlich viel erfundene Narretei steckt – das Erwachsenendasein des Autors seit seinen späten Zwanzigern schildert (der Vorgängerroman mit dem langen Titel hatte sich auf die Zeit davor bezogen).

Jan Faktor, 1951 in eine jüdische Prager Familie hineingeboren und von Auschwitzüberlebenden großgezogen, hatte als Kind erlebt, wie Mutter, Tante und Großmutter das durchlittene Leid einfach wegzulachen wussten, wie er in einem Interview erzählte. Diese Art der Traumaverarbeitung hat den Roman sicherlich mindestens ebenso inspiriert wie jeder literarische Einfluss. Denn unter all seinen erzählerischen Abschweifungen und lustigen Sprachspielereien liegt ein großes Trauma, das immer wieder vom Strom der Narration an die Oberfläche geschwemmt wird. Dieses Trauma ist das Undenkbare, der ultimative Horror: der Tod des eigenen Kindes.

Der Sohn des Erzählers ist gestorben, das erfahren wir ziemlich zu Beginn des Romans; wie genau es passierte, lesen wir erst am Ende. Daraus ergibt sich der Spannungsbogen des Romans, der ohne dieses Trauma eine ganz andere Struktur hätte; denn die Geschichte des Sohnes, die sich in regelmäßigen Abständen an die Oberfläche arbeitet, gliedert die scheinbar mäandernde (aber an sich durchaus chronologisch organisierte) Erzählung auf zwanglose Weise. Und so wortreich witzelnd, derb formulierend, arabeskenartig plaudernd der Erzähler sich sonst gibt, hinter welchen Erzählmasken auch immer er sich also verstecken mag, so klar, besonnen und nachdenklich wird sein Tonfall, sobald es um dieses ziemlich außergewöhnliche Kind geht, das der Sohn gewesen sein muss.

Durch das Erzählen selbst wird im Nachhinein wohl vieles zum Zeichen, das einst vielleicht nur etwas eigenartig gewirkt haben mag: Die Tendenz des Kleinkinds, sich im Schlaf unmäßig zu erhitzen. Die auffällige Intensität, mit der das etwas größere Kind Interessen und Freundschaften auslebt. Der Mann auf der Straße in Paris, der den Jungen anspricht, weil er aussehe wie ein Engel.

Das Buch

Jan Faktor: Trottel. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2022. 400 S., 24 Euro.

Dass es viele Konflikte gab zwischen Vater Trottel und Sohn Trottel, spart der erzählende Vater nicht aus, auch wenn unklar bleibt, woran diese sich zu entzünden pflegten. Er schiebt die heftigen Auftritte auf beider Trottelhaftigkeit und entschuldigt sich bei seiner Frau gleichsam dafür, dass der Sohn ihm, trotz allem, wohl näher gewesen sei als ihr; ein Trottel dem anderen eben. Doch: „Unser Sohn“ nennt er den Sohn den gesamten Roman hindurch. Als Elternteil denkt er sich stets nur zusammen mit der Mutter des Kindes.

Wenn man den Textanteil der Lebens- und Sterbensgeschichte des Sohnes am Gesamtroman auszählte, käme man wohl auf etwa ein Drittel. Doch dieses Drittel ist es, das vom Roman vor allem hängenbleibt. All das andere, die Anekdoten aus dem Leben der Bohème vom Prenzlauer Berg, die Passagen über das Leben zwischen Prag und Berlin, das der Erzähler lange Zeit führte, die wortreichen Abschweifungen über Literatur, Sprache und tausend andere Dinge, nimmt man mit dem Bewusstsein der großen Tragik im Hintergrund als einigermaßen aufwändiges Schellengeläut wahr, als Ablenkungsmanöver des Narren, der weiter seine Possen reißen muss, auch wenn ihm das Herz bricht.

Er habe viel recherchiert, hatte Jan Faktor im Radiointerview auch gesagt, um ein möglichst detailreiches Bild des Ostberliner Lebens der Vorwendezeit zeichnen zu können. Keine Frage, dass ihm das atmosphärisch gelingt. Der ernsthafte dokumentarische Anspruch einer solchen Recherche geht allerdings etwas unter in einem Roman, dessen Narrator die Narrenkappe nur dann abzunehmen pflegt, wenn es an die darunterliegende Familientragik geht. Was historischer Realität entspricht und was nicht, können wir ohnehin nicht unterscheiden, wenn wir nicht dabei gewesen sind.

So ist „Trottel“ weniger ein Roman als vielmehr zwei Romane in einem. Aber ohne die schützende narrative Ummantelung des einen durch den anderen wäre es vielleicht nicht möglich gewesen, auch nur einen von beiden zu schreiben.

Auch Jan Faktor stellt sein Buch bei der großen Shortlist-Lesung mit allen sechs Nominierten im Schauspiel Frankfurt vor: am 9. Oktober, 11 Uhr. www.schauspielfrankfurt.de

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