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Jan Costin Wagner „Am roten Strand“: Die Täter schützen

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Von: Sylvia Staude

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Der Missbrauchs-Tatort in Münster.
Der Missbrauchs-Tatort in Münster. © AFP

„Am roten Strand“, Jan Costin Wagners zweiter Kriminalroman um den Ermittler Ben Neven.

Wie wird er von hier aus, mit dieser Polizistenfigur weitermachen: Das fragte die Kritikerin anlässlich Jan Costin Wagners erstem Kriminalroman mit dem pädophilen Ermittler Ben Neven, „Sommer bei Nacht“ (2020), in dem dieser ausgerechnet einen Pädophilen finden musste und einen verschwundenen, wohl entführten Jungen.

Jetzt liegt der zweite Roman der Reihe vor, „Am Roten Strand“, in dem es erneut um Missbrauch geht: In einer Kleingartenanlage kommt man einem IT-Experten auf die Spur; ein weiterer Tatort ist das „Seeblickcamping“ mit schmalem kupferfarbenem Strand, wo ein Wohnwagen steht, in dem ein anderer Täter haust. Im realen Missbrauchsfall Münster war es eine „Gartenlaube“, der Haupttäter ein IT-Techniker – die Parallelen zum Roman sind offensichtlich, auch in Bezug auf die kleine Gruppe von Tätern: Im Juli vergangenen Jahres wurden im Fall Münster vier Männer zu hohen Haftstrafen verurteilt.

Schon wieder also muss Ben Neven ausgerechnet in der einen Sache ermitteln, mit der er lieber nicht konfrontiert würde. Denn was die Polizei zum Beispiel an kinderpornographischem Material findet und sicherstellt, ist für ihn eine schreckliche Versuchung. Und schnell mal ist ein Daten-Stick eingesteckt.

Jan Costin Wagner, geboren 1972 in Langen nahe Frankfurt, gehörte mit einer sechsteiligen Reihe um den finnischen Kommissar Kimmo Joentaa zu den Stillen im Genre, zu jenen Autoren, die auf Action verzichten zugunsten schwermütig-dunkler Atmosphäre, zugunsten von Empathie für seelische Schmerzen. Joentaa trauerte um seine jung verstorbene Frau, die intrikate Schilderung seiner Gefühle schien Wagner wichtiger als eine stringente Krimihandlung.

Doch schon „Sommer bei Nacht“ verschob die Gewichte ein gutes Stück. Und in „Am roten Strand“ hat die Polizei es zusätzlich zum Missbrauch mit mysteriösen Morden zu tun – eines Hotelgasts in einem öffentlichen Park und am helllichten Tag etwa. Als eine Verbindung hergestellt wird, müssen sich Neven und seine Kolleginnen und Kollegen fragen, ob es ihre Pflicht ist, Missbrauchstäter zu schützen. Natürlich ist es das; aber wer auch immer an diesen Männern Rache nimmt, scheint dem Ermittlerteam immer einen Schritt voraus zu sein.

Das Buch:

Jan Costin Wagner: Am roten Strand. Roman. Galiani, Berlin 2022. 306 S., 22 Euro.

So weit, so gern verwendet im Krimi- und Thrillergenre, dessen Handlungskonventionen sich Jan Costin Wagner zunehmend zu beugen scheint. Was aber auch „Am roten Strand“ aus der Spannungsroman-Masse heraushebt, das ist die so nuancierte wie differenzierte Figurenzeichnung, die bei der des mit sich und seiner pädophilen Neigung kämpfenden Ben Neven noch lange nicht aufhört.

Da ist zum Beispiel ein junger Anwalt, schmal und am Anfang seiner Karriere bald wird er Vater werden, aber seine Freundin geht vielleicht zurück in die USA, ohne ihn. Sie sprechen nicht viel, schon gar nicht über ihre Arbeit, es fehlt einfach die Zeit. Sie weiß nicht viel mehr, als dass er Anwalt ist in einer Kanzlei für Strafsachen.

Und er wird ihr wohl auch nichts erzählen von diesem Mandanten, „den er vertritt, weil er wie alle anderen das Recht auf ein faires Verfahren (...) hat“. Wagner tritt seinen Figuren einerseits nicht zu nahe, versteht andererseits, sie mit wenigen Details plastisch werden zu lassen. Kapitelüberschriften wie „Ben“ oder „Torben“ (das ist der Anwalt), „Maren“ oder „Christian“ zeigen an, wessen Perspektive er jeweils einnimmt, ohne dass es sich dabei um Ich-Erzählungen handelt.

Und Ben Neven, der pädophile Polizist? Macht kleine Schritte in die falsche Richtung. Weiß genau, dass es Schritte in die falsche Richtung sind. Ringt mit sich. Gewinnt. Verliert.

Buchpremiere mit Jan Costin Wagner in der Frankfurter Romanfabrik: Am heutigen Dienstag, 20 Uhr.

www.romanfabrik.de

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