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Jammerlappens Sicht auf die Dinge

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Wilhelm Genazino als Beobachter.
Wilhelm Genazino als Beobachter. © Christoph Boeckheler

Wilhelm Genazino liest im Frankfurter Literaturhaus aus seinem jüngsten Roman „Bei Regen im Saal“. Und gibt Auskunft, aber nicht über alles.

In öffentlichen Gesprächen mit Wilhelm Genazino fällt immer wieder auf, wie höflich und doch bestimmt der seit Januar 71 Jahre alte Schriftsteller seine Wege verfolgt. Wege, sagen wir einmal, an denen sich auch genug findet für den, der es bemerkt.

Im Literaturhaus Frankfurt fragte Moderatorin Insa Wilke am Montagabend beispielsweise ganz reizend kompliziert und wohldurchdacht nach der Rolle des Beobachters Genazino. Ob er sich eher als Voyeur oder eher als Zeuge sehe, in der Tat die klassischen Pole des Dabeistehens und Zuschauens. Und Genazinos Figuren tun ja nichts häufiger als das, und wenn man Genazino glaubt, tut auch er nichts häufiger als das.

Genazino aber ließ sich auf solche Fragen eigentlich überhaupt nicht ein. Er erklärte noch einmal, dass er viel beobachte, auch einmal stehenbleibe und sich etwas in Ruhe anschaue. Wenn ihn aber einer frage, was es denn da zu sehen gebe, dann könne er nur sagen: Da müssen Sie schon selber gucken.

Der „Überwinder“

Seine Leser haben es bekanntlich bequemer, denen er in einem fast hundertprozentig verlässlichem Zwei-Jahres-Takt ein neues Buch mit den Ergebnissen dieser Beobachtungen bietet. Zuletzt „Bei Regen im Saal“, der Lebensausschnittsgeschichte eines nicht mehr ganz jungen, selbstverständlich Frankfurter Philosophen, Provinzzeitungsmitarbeiters (im Taunus) und professionellen „Überwinders“.

Das, berichtete er nun auch im Literaturhaus zur Freude des Publikums, sei zeitweilig seine Haupttätigkeit. Menschen, die an ihrer Ehe oder auch an „Kultursucht“ laborieren, lassen sich von dem Erzähler beraten.

Man glaubt es nicht. Denn der Erzähler selbst ist erwartungsgemäß ein sagenhaft passiver, dazu mutter-, busen- und mutterbusenfixierter Jammerlappen – und dabei war von der ausführlichsten Jammerei, nämlich der über den Redaktionsdienst bei der Provinzzeitung (im Taunus), an diesem Abend gar nicht die Rede.

In ihrem ganzen Ausmaß zeigt sich eine Genazino-Figur, wenn Genazino selbst vorliest. Obwohl er nichts dafür zu tun scheint, ist er ein glänzender Vorleser. Anscheinend ist er ganz unbeteiligt, aber die Larmoyanz und das generelle Beleidigtsein des Erzählers schwingen fein und unüberhörbar mit. Es wurde zunehmend gelacht, aber Genazino, der Profi, lachte natürlich nicht mit.

Die Mutter

Im Gespräch kam es ebenfalls noch einmal auf die besondere Rolle der (verstorbenen) Mutter im Roman, die der Erzähler in seiner Friseurin wie in seiner Freundin gerne entdeckt. Genazino berichtete vom gut- und sanftmütigen Muttertyp der fünfziger Jahre, völlig geprägt vom Davongekommensein, zumal, so Genazino, wenn auch der Mann den Krieg überlebt habe.

Soziologisch wirkt das irgendwie unhaltbar, aber wer weiß.

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