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James Bond für Kinder

Mächtig ausfabuliert, stark handlungsgetrieben, aber von allem ein bisschen zu viel

Von FRITZ WOLF

Charlie spricht Katz. Kann auch nicht jeder. Als kleiner Junge war er mit seinem ghanaischen Vater, einem Wissenschaftler, im Dschungel unterwegs. Dort trafen sie auf ein Leopardenbaby, das von einer Giftschlange gebissen worden war. Der Vater spritzte dem Baby ein Serum, das erschrak, schlug mit der Tatze, und auf Charlie tropfte etwas Leopardenblut. Seither spricht "Lionboy" Charlie die Sprache der Katzen, versteht Haustiger und Zirkuslöwen und kann sich mit ihnen unterhalten wie ein Nachfahre des berühmten Dr. Doolittle.

Lionboy erzählt ein rasantes Abenteuer. Als Charlie von der Schule nach Hause kommt, sind seine Eltern weg. Einfach entführt. Ein kleiner Abschiedsbrief der Mutter - er solle sich keine Sorgen machen -, und ein Papier mit einer rätselhaften Formel, geschrieben mit dem Blut der Mutter, das ist alles, was Charlie hat. Den wichtigen Hinweis, dass sie auf dem Weg nach Paris sind, gibt ihm die Nachbarskatze und so fährt der Held den Eltern hinterher.

Er schmuggelt sich auf ein Schiff, das sich als schwimmender Zirkus entpuppt, ein Zirkus mit allem Drum und Dran, mit bärtigen Damen und kühnen Seiltänzern, Clowns und Gummimenschen. Und Tieren. Charlie kann auf der "Circe" anheuern und freundet sich mit den Löwen an. Aber er muss entdecken, dass seine Eltern schon weiter auf dem Weg nach Venedig sind. Dort befreit er die Raubtiere aus ihrem Zirkusdasein, flüchtet durch das nächtliche Paris und reist mit ihnen im Orientexpress über die Alpen. Ob er seine Eltern findet und wie, das erfahren die Leser aus dem Buch nicht. Denn es ist konzipiert als erster Teil einer Trilogie und endet mit dem Hinweis, dass im Frühjahr 2005 der zweite Teil des Romans erscheint.

Geschrieben hat Lionboy ein Autorenpaar. Hinter dem Pseudonym Zizou Corder verbirgt sich die britische Journalistin Louisa Young und ihre zehnjährige Tochter Isabel, deren Vater aus Ghana kommt - so wie der Vater des Romanhelden Charlie. Gemeinsam hätten sie unentwegt fabuliert, so steht es in einem Interview, das der Verlag - ungewöhnlich für ein Kinderbuch - dem Roman voranstellt. Und so liest es sich auch: mächtig ausfabuliert, stark handlungsgetrieben, mit groß ausgemalten Szenen, und kurzweilig.

Die Story enthält freilich auch Ungereimtes. So siedelt das Mutter-Tochter-Autorenpaar den Roman in einer nahen Zukunft an, in der in London kaum noch Autos fahren und auch keine Flugzeuge mehr fliegen. Zu viele Kinder hatten von der Luftverschmutzung Asthma bekommen. Von dieser Science-fiction-Idee ist wenig später in Paris keine Rede mehr. Hier müssen die Löwen nachts über stark befahrene Schnellstraßen spurten und sich durch die Kanalisation der Stadt zum Gare de l'Est durchschlagen.

Fabulieren ist ja ganz schön, und man nimmt für das Erlebnis, sich in einer Geschichte zu verlieren, oft einiges in Kauf. In diesem Buch freilich verhält es sich wie mit einem Essen, bei dem von allem zu viel auf dem Teller liegt: Die Schauplätze werden präsentiert wie Locations in einem überdrehten Drehbuch, ausgesucht nicht nach der Logik der Geschichte, sondern nach dem potentiellen Schauwert: das U-Boot, in dem die Eltern entführt werden, das Zirkusschiff, die Kanalunterwelt von Paris, der Orientexpress mit dem bulgarischen König.

Und wie sich herausstellt, sind die Eltern, weil sie ein neues Asthmamittel erfunden haben, in die Hände eines kriminellen Professors geraten - James Bond für Kinder. Tatsächlich kündigt der Verlag im Buch auch gleich an, Steven Spielberg habe die Rechte für die Verfilmung gekauft. Deshalb also wirft das Autorenpaar so heftig mit der Wurst nach der Speckseite. Es mindert das Lesevergnügen beträchtlich, wenn man einmal die Rezeptur dieses Jugend-Romans verstanden hat: Er ist ein durchgerechnetes Marketing- und Zielgruppenprodukt.

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