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Moralische Instanz: Anna Maria Jokl.

Wiederentdeckung

Ein Jahrhundertmensch

Zum 100. Geburtstag der Schriftstellerin Anna Maria Jokl.

Von Carsten Hueck

Als Anna Maria Jokl 1995 den Hans-Erich-Nossack-Preis erhielt, würdigte nur die Frankfurter Rundschau das Werk der Autorin. Den Kollegen anderer überregionaler Tageszeitungen war es offensichtlich unbekannt, der FAZ selbst der Name der Ausgezeichneten. Inzwischen hat sich das geändert.
Nach ihrer Wiederentdeckung als Autorin wurde schnell klar, wie eigenständig Anna Maria Jokl gedacht und gearbeitet hat: Ausgebildet an der Piscator-Schule in Berlin, stand die Auseinandersetzung mit Sprache bereits am Beginn ihrer künstlerischen Arbeit. Sie experimentiert mit ihr zu Beginn der 1930er Jahre im Rundfunk. Bringt das schöpferische Moment direkt vor das Mikrofon, spricht als erste ohne Manuskript. Sie liest in Gefängnissen, schreibt Hörspiele, Aufsätze, Drehbücher. Béla Balázs ist ihr Lehrer, Johannes R. Becher ihre große Liebe. Nach 1933, im Prager Exil, arbeitet sie journalistisch und schreibt Kinderbücher. 1938 dann „Die Perlmutterfarbe – ein Kinderroman für fast alle Leute “ –, jenes Buch, das ihren Ruhm bis heute begründet. Entstanden aus den Erfahrungen des deutschen Totalitarismus, nimmt es allgemeingültige Erkenntnisse der Sozialwissenschaften und Psychologie vorweg.

Als die Wehrmacht in Prag einmarschiert, flieht Anna Maria Jokl nach London, leitet ein Kinderheim, schreibt Revuen für das tschechische Exil-Kabarett. „Sie sind ein geniales Weib“, begeistert sich Oskar Kokoschka. 1950 kehrt Jokl nach Berlin zurück, arbeitet als Psychotherapeutin und thematisiert als erste, Jahrzehnte vor dem israelischen Psychologen Dan Bar-On, die parallele Schädigung von Opfer- und Täterkindern durch den Nationalsozialismus. Sie übersetzt den Text „Jossel Rackower spricht zu Gott“ und macht die Geschichte seines Autors Zvi Kolitz öffentlich. Sie freundet sich mit Martin Buber an, der sie dazu bewegt, nach Israel zu kommen. 1965, Jokl ist 54 Jahre alt, wechselt sie noch einmal das Land, „in historischer Konsequenz“. Und lernt Hebräisch, was ihr, der Sprachbegabten, Herausforderung ist und schließlich glückliches Gelingen wird.

Als Anna Maria Jokl im Oktober 2001 neunzigjährig in Jerusalem stirbt, ist die Zahl der Nachrufe gewaltig. Heute sind ihre Bücher lieferbar, sie ist Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen, „Die Perlmutterfarbe“ kam 2009 als Film in die Kinos. Fast sechzig Jahre nachdem sie selbst im Auftrag der DEFA eine Drehbuchversion in Angriff genommen hatte. Das Filmprojekt damals wurde nicht realisiert, die Autorin nach nur zwei Monaten Arbeit aufgefordert, die DDR innerhalb von 24 Stunden zu verlassen. Gewaltsam verschattete Perspektive, erzwungene Veränderung, Erfordernis eines Neuanfangs – Leitmotive in Anna Maria Jokls Leben.

Eine ungewöhnliche Anhäufung krasser Veränderungen

Geboren wurde sie am 23. Januar 1911 in Wien. Und mit den weiteren Stationen Berlin, Prag, London, Zürich und Jerusalem hat Jokl „Sechs Leben an jeweiligen Brennpunkten unserer Epoche“ geführt. Das erste beginnt unter der Regentschaft des Kaisers Franz Joseph, das letzte endet unter der Regierung von Ariel Scharon. „In mir sind ja die ganzen geologischen Schichten der europäischen Geschichte“, sagte sie einmal, „die ganzen Veränderungen, wo Völker und Länder zugrunde gingen und völlig neue Gruppierungen entstanden.“

Obwohl es eine „ungewöhnliche Anhäufung krasser Veränderungen – kometenhafte Verwirklichungen wie blitzartige Vereitelungen, unterbrochen von unbeweglichen Einöden“ in ihrem Leben gegeben hat, war Anna Maria Jokl nicht ängstlich. Ihre mehrfach erlittene Entwurzelung empfand sie als Freiheit. Stets „angenehmer Begleiter“: die Zigarette. Jokl rauchte leidenschaftlich, graziös und auch noch, als sie künstlichen Sauerstoff inhalieren musste. Denn: „Eine Packung passt immer in eine Tasche.“

Verletzlich, doch nie verbittert, verließ sich Jokl nur auf sich selbst. Doch „machte Freundschaften“. Für Siegfried Unseld, den Verleger ihrer späten Jahre, war sie eine „moralische Instanz“. Und obwohl sie Namedropping nicht mochte, seien einige genannt, mit denen sie mehr als nur nebenbei zu tun hatte: Albert Ehrenstein, Alfred Döblin, John Heartfield, C.G.Jung, Doris Lessing, Hugo Bergmann, Martin Buber, Samuel Beckett, Heinar Kipphardt und Ottla Kafka, der sie eine der schönsten ihrer „Essenzen“ widmete, jener verdichteten Momentaufnahmen historischer Augenblicke, in denen Persönliches und Geschichtliches zu einem so dichten Muster miteinander verwoben ist wie die Fäden eines Teppichs. Und bei alledem konnte sich Jokl auch an Sumo-Ringen, Wrestling und Talkshows begeistern.

Äußere Diskontinuität erhält inneren Zusammenhang

Pünktlich zu ihrem 100. Geburtstag ist nun im Jüdischen Verlag ein Band mit Material aus Jokls Nachlass erschienen: „Aus sechs Leben“. Versehen mit einem persönlichen Essay der Freundin Itta Shedletzky, Fotos und einem Nachwort der jungen Literaturwissenschaftlerin Jennifer Tharr. Sie hat als Herausgeberin den verstreuten Nachlass Anna Maria Jokls gesichtet und viele ihrer bislang unveröffentlichten oder nicht mehr greifbaren Texte durchdacht arrangiert: autobiografisches Material, Kurzgeschichten und Briefe hat Tharr zu einer Art Lebenserzählung zusammengefügt, die das Bild Anna Maria Jokls deutlich erweitert.

Die äußere Diskontinuität ihres Lebens erhält so einen inneren Zusammenhang. Weiche, auch sentimentale und pathetische Züge werden sichtbar. Und belegen Jokls lebenslanges Festhalten am Projekt des Sagen- und Schreiben-Wollens – auch unter den Bedingungen des Exils und des vorübergehenden Verstummens. Sichtbar wird eine Persönlichkeit, die starke Meinungen transportiert. Die unerbittlich ist im moralisch-ethischen Anspruch und im Wissen um die Bedeutung eigener Erkenntnisse. Die daran festhielt, eigene Befindlichkeit, Zeit und Ereignisse zu deuten. Ein Jahrhundertmensch, vielseitig bemüht um Menschen und Sprache.

Anna Maria Jokl : Aus sechs Leben. Hrsg. u. mit einem Nachwort v. Jennifer Tharr. Mit einem Essay von Itta Shedletzky. Jüdischer Verlag, Berlin 2011, 365 Seiten, 22,90 Euro.

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