+
Die Schriftstellerin Helga Schütz.

Literatur

Die Jahresringe

  • schließen

Helga Schütz bilanziert in „Die Kirschendiebin“ deutsches Leben im Osten und erzählt von einer späten Liebe.

Helga Schütz schreibt Sätze, die nachklingen. „Hoffnung entsteht aus Interesse am Leben“, zum Beispiel. Oder: „Er hatte gelitten, also war es Liebe.“ Manche Sätze tragen so viel Erfahrung mit sich, dass sich die Autorin ganze Seiten voll Erklärungen sparen kann. Auch deshalb ist ihr jüngstes Buch „Die Kirschendiebin“ nur 170 Seiten dünn, obwohl ein ganzes Leben darin steckt. Nein, zwei Leben.

„Eine Erzählung“ steht vorn auf dem Umschlag, andere Autoren hätten es „Roman“ genannt, die erzählte Zeit reicht über fünfzig Jahre, doch wird sie nicht ausgebreitet hier, sondern verdichtet. Helga Schütz schreibt von Menschen, deren Jugend in der Nachkriegszeit lag, die als Studenten schon merkten, dass viele Versprechungen der neuen Gesellschaft nicht halten, von Menschen, die als Künstler in der DDR versuchten, unabhängig zu bleiben. „Sie schwammen mit ihrer Generation.“

Thomas Falkenhain, der Mann, dem die ersten Gedanken gehören in dem Buch, lebt in einem Haus bei Berlin, das achtzig Jahre alt ist, „beinahe so alt wie er selber“. Seine Lebensgefährtin Leni, mit der er viele Jahrzehnte geteilt hat, hat inzwischen eine eigene kleine Wohnung. Bevor sie zu einer gemeinsamen Reise aufbrechen, liest er noch seine Stasi-Akten, was Leni schon hinter sich hat. Bei Helga Schütz heißt das: „Sie hatte sich längst verarzten lassen.“ Leni fand, was beide schon wussten: Dass der Nachbar mitschrieb, wer sie besuchte, wen sie trafen. Derselbe Nachbar, der auch einmal ihr Lebensretter war. Den sie noch grüßten, als alles vorbei war. Er blieb ja der Nachbar.

Thomas trifft in der Behörde nicht nur auf die Beobachtungsprotokolle des „Konspirativen Vorgangs Fortune“, zu dem er mit Leni zusammengefasst war. Er findet auch die Spuren einer Liebe, die jäh abgebrochen wurde. Jene „Kirschendiebin“ des Buchtitels war in den Westen geflohen, während des Studiums noch. Die Briefe waren abgefangen worden.

Die Autorin hat Thomas Falkenhain nicht nur den Namen ihres Geburtsorts in Schlesien gegeben, sondern auch ihren Beruf. Helga Schütz sammelt Steine von ihrem Weg, um sie als Mosaikteilchen in ihren Büchern zu benutzen. In ihrem Roman „Sepia“ von 2012 ist es eine Filmemacherin, die zurückblickt auf ihre Anfänge in den sechziger Jahren. Der getönte Schleier, der nun darüber liegt, hat manche Verletzung gemildert. Helga Schütz hat selbst in Babelsberg studiert und Filmszenarien geschrieben, bevor sie Romane verfasste. Der Roman „Knietief im Paradies“ von 2005 erzählt von dem jungen Mädchen Eli im kriegsversehrten Dresden, und auch da kann man die Autorin erkennen, die 1944 als Siebenjährige auf Anraten der Großmutter nach Dresden ging. Eli lernt Gärtnerin, das war auch Schütz’ erster Beruf.

Das Schreiben, Filmen und der Blick für die Natur finden sich in dem neuen Buch motivisch wieder. Diesmal aber fasst sie die Zeitspanne viel weiter, durchschreitet all jene Räume, in denen ihre bisherigen Bücher spielen. Da lassen sich auch Momente aus dem Roman „In Annas Namen“ von 1986 finden. Wenn Helga Schütz schreibt: „Annas Liebe taugte nichts, so wie die Landeswährung nichts taugte, die Liebe war löchrig, wie die Straße“, dann geht es um eine Konkurrentin aus dem Westen, die mehr zu bieten hat.

Diesmal ist es der Mann, Thomas, der von seiner geliebten Kirschendiebin nur noch in West-Zeitschriften liest, etwa, dass sie ein vielbeachtetes Buch über Bäume geschrieben hat. Ihre Briefe hatten ihn nicht erreicht. Thomas und Leni entstammen einer Generation, deren Biografie von Umbrüchen geprägt ist. Das Land, in dem sie die meiste Zeit lebten, ihrer Arbeit nachgingen, gibt es nicht mehr. „Hinter den alt gewordenen Kriegskindern lag nun ein graues verpöntes Stück ureigener Vergangenheit“, schreibt Helga Schütz. Das Stück, was noch vor ihnen liegt, schrumpft. Thomas ordnet seine Dinge, doch dann kommt ihm also diese Frau in den Sinn, die aus seinem Leben verschwunden war. Sie hatte ihm erklärt, was ein Zwiesel ist – ein Stamm, der sich in zwei Bäume teilt. „Wie Zwiesel“ ist der erste Teil des Buches überschrieben.

Der zweite ist aus der Perspektive einer Frau erzählt: „Ich, Melina“. Sie ist fest in der Gegenwart verankert, doch eine Freundin von ihr hebt immer aufs Alter ab und mag Sätze, die mit „Weißt du noch?“ anfangen. Erst als sie sagt: „Weißt du noch Falkenhain? Wir waren alle scharf auf den Kasper im Russenhemd“, stockt der Leser vor Staunen, denn sie, Melina, ist die Kirschendiebin. Helga Schütz gibt nur wenig preis über den Baumstamm ihrer Biografie, man erfährt, dass ihr Sohn in Kanada lebt, welchen Vereinen sie sich angeschlossen hat. Wenn sie nach ihrer verlorenen Tochter sucht, rechnet die Autorin mit einem Leser, der die Lücken zu füllen versteht.

Sie wird noch Orangen klauen in diesem Roman und sich so zu erkennen geben. Der Leser ahnt das schon, aber diesmal staunt Thomas. Helga Schütz erzählt im dritten Teil von einer Liebe im Alter, dezent und schwebend. Sie erfindet ein Märchen für die Gegenwart, wenn sie ihre ergrauten Figuren, die nicht mehr so flink unterwegs sind wie einst, in Italien wieder zusammenbringt. Und bei dieser Begegnung wird offenbar, dass der Mensch sich ja nicht häutet wie eine Schlange beim Älterwerden, sondern die Jahre wie Ringe um sich legt wie ein Baum. Thomas und Melina tragen ihre Erfahrungen im Kopf, im Herzen und in den Knochen, sie finden sich durch die Zeitschichten hindurch. Wie sie das schreibt, hat man so noch nirgends gelesen: weise und verspielt zugleich – erfahrungssatt und neugierig. Unter der die deutschen Dichter seit jeher erwärmenden italienischen Sonne können die Figuren die Last der Jahre abschütteln, die Trennung durch die Mauer ist hier, auf fremdem Boden, vergessen. Was für ein schönes Buch für den Sommer!

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion