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Einfach zu wenig von gestern: Henning Venske.

Henning Venske

In 80 Jahren um die Welt

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„Summa Summarum“: Henning Venske schenkt sich und uns zu seinem 80. Geburtstag ein höchst gehaltvolles Buch.

In 80 Jahren um die Welt. Um die deutsche Welt! Fern von Jules Verne hat Henning Venske der literarischen Welt zu seinem 80. Geburtstag einen insgesamtdeutschen Anti-Reiseführer geschenkt (Städte, die man sich nach der Lektüre knicken kann). „Bärrrlin: Großberlin hält sich für den Nabel der Welt. Obwohl es praktisch in Polen liegt, hat man die Stadt aus vorwiegend sentimentalen Anwandlungen wieder zur Hauptstadt ernannt, anstatt den zentraleren und zivilisierteren Varianten Mannheim, Kassel oder wenigstens Pforzheim den Vorzug zu geben.“

Dieser Mann hat mit seinen bissigen Bemerkungen über meine Stadt, die (Zitat) „von einem Damenfriseur und einem Herrenschneider, die in Berlin als Leuchttürme des Geistes durchgehen“, eines garantiert nicht: Einen Koffer in Bärrrlin; eher Atteste über noch ganz andere Städte, die erkrankt sind. Der Karneval in Köln zum Beispiel mache „einen Aufenthalt zu einer schweren Strafe“ wegen „nazinahem Stammtischgelaber bei sogenannten Prunksitzungen“. Und Mainz? Da könne man, schreibt Venske, dank des ZDF und der Liveübertagung der „Fassenacht“ mit ansehen, „was der Katholizismus aus ganz normalen Alkoholikern macht: Die totale Totalität schunkelt einen nieder“. Selbst der westfälische Karneval im Münsterland unterscheide sich „nur wenig von den Fronleichnamszügen“. Der Norden kommt etwas besser davon. „Die Kirche liefert in Hamburg keine Motivation in die Kirche einzutreten, in München aber tausend Gründe auszutreten.“

Henning Venskes „Summa Summarum“: Die Lieblingspassage von Ilja Richter

Henning Venske: Summa Summarum. Ultimative satirische Abrechnungen ... . Westend, Frankfurt a. M. 2019. 480 S., 25 Euro.

Venskes Buch könnte aber auch als Schulbuch für Geschichte eingesetzt werden und lässt erahnen, was aus dem spröden Kabarettisten für ein beherzter Pädagoge hätte werden können. Wenn er, fern der alten Pauker, die Pauke der Albernheit bedient: „Friedrich Barbarossa hatte, um Kaiser zu werden, erst mal den eigentlichen Thronfolger ausgetrickst, danach gelangen ihm einige Strukturreformen, er führte Reichssteuern ein und schuf eine Berufsarmee, um überall auf der Welt schnell intervenieren zu können. Eines Tages war ihm heiß. Er badete in einem See und ertrank, vermutlich, weil er vergessen hatte, vor dem Baden seine Rüstung auszuziehen.“ Über diese Pointe hätte auch Heinz Erhardt gelacht. Der war ein Fan von Venskes Radioshows und schrieb ihm: „Bleiben Sie so, wie Sie sind, und ärgern Sie sich nicht darüber, dass man Ihnen, so wie mir, immer Kalauer vorwirft.“

Meine Lieblingspassage ist der tanzende Kanzler Kohl auf dem Bonner Presseball: „Auf platten Füßen schlurfte er rücksichtslos durch den Saal, immer wieder andere Paare anrempelnd, und führte dabei eine zierliche Asiatin im Genick. Slowfox. Das war also die Evolution, das war aus den germanischen Kriegstänzen geworden, so mussten Gavotte und Menuett enden, hier fanden Polka und Galopp ihre Endstation. Ein Tänzchen mit dem Kanzler kann monatelange intensive politische Bemühungen ruckzuck zunichtemachen.“

Als Geschichtslehrer hätte sich Venske sicher mit seinem Rektor angelegt, wenn er schreibt: „Die Geschichte ist ein eher zweifelhaftes Geschenk deutscher Philosophen an die Menschheit. Ich behaupte: Geschichte ist die Sinngebung des Sinnlosen im Nachhinein.“ Wenn Fantasie – laut Einstein – wichtiger als Wissen ist, bietet Venske ein fantasievolles Buch über grenzenloses Nichtwissen unseres Landes, das vom Adler nicht loskommt. „Ein Dackel oder ein ausgestopfter Wellensittich namens Hansi hätte es doch auch getan.“

Kohl verpasst er im Traum eine Bauchbinde: „Ich bin zwei Deutsche.“ „Und das in aller Ernsthaftigkeit“, wie es „der Architekt der Deutschen Einheit“ formulierte, wenn er mal wieder Mist gebaut hatte. Und ganz im Hier und Jetzt, bekennt Venske über die jungen angepassten Studenten, sie trotzdem zu mögen. „Ich mag sie, weil sie nicht so radikal rebellisch sind wie Rentner.“ Dieser 80-Jährige ist einfach zu wenig von gestern für diese Leute von heute.

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