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Aus Jahren, die jeder kennt

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Die Nacht auf den 10. November 1989.
Die Nacht auf den 10. November 1989. © REUTERS

Der Freiburger Historiker Ulrich Herbert legt eine große "Geschichte Deutschlands" im reichlich brüchigen 20. Jahrhundert vor.

Von Matthias Arning

Die Jahre 1914 und 1990, und Schluss. So viel zum 20. Jahrhundert, so weit die Geschichte aus dem Zeitalter der Extreme. Vom Ersten Weltkrieg hin zum Ende der Sowjetunion, fertig, aus. Mit diesen Eckpunkten hat vor geraumer Zeit bereits der britische Historiker Eric Hobsbawm das 20. Jahrhundert als kurze Spanne der Vergangenheit umrissen. Mit dieser Sicht der vergangenen Dinge steht Hobsbawm längst nicht mehr allein. Auch für den US-amerikanischen Politologen Francis Fukuyama ging dieses Zeitalter 1990 zu Ende – mit dem nicht wenige Zeitgenossen in Schrecken versetzenden „Ende der Geschichte“, geschaffen durch den Triumph der liberalen Verfasstheit: Fortan sollte der liberaldemokratische Kapitalismus erhobenen Hauptes weitgehend allein durch die Gegenwart eilen.

Er verspricht eine spannende Lektüre. Zu Recht

Auch für den in Freiburg lehrenden Ulrich Herbert spricht manches dafür, 1990 als Zäsur zu setzen. Schließlich sei es „der klarste und historiographisch der plausibelste Einschnitt“, der sich in einer Betrachtung des 20. Jahrhunderts machen lasse. Gerade weil sich doch mit dieser Signatur das Ende des Sowjetimperiums und das Ende der klassischen Industriegesellschaft abzeichnete, mit weitreichenden Konsequenzen für Deutschland und Europa. Doch Herbert will in seiner am heutigen Donnerstag erscheinenden „Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert“ die Vergangenheit in ihrer „widersprüchlichen Vielfalt“ erzählen. Nicht als Linie der Kontinuität, sondern mit Hilfe von zwei Argumentationsbögen. Einem originär deutschen Strang und einem europäischen, der Risse über das Jahr 1945 hinaus überbrückt. Damit macht Herbert ein anderes Verständnis der Vergangenheit möglich, in dem das Verständnis des Jahrhunderts nicht mehr allein von den nationalsozialistischen Verbrechen überlagert wird. Herbert verspricht eine spannende Lektüre. Zu Recht.

Herbert selbst hat der Historiografie als Zeithistoriker in den vergangenen drei Jahrzehnten immer wieder wesentliche Impulse gegeben. Nicht selten wirkten sie motiviert dadurch, der Geschichtsschreibung neue Felder zu öffnen, Vorzeichen innovativ zu setzen, andere Perspektiven zu erschließen: Etwa mit seinen biografischen Notizen zu Hitlers Getreuen Best, die die Lebensgeschichte des Mannes schließlich in einen größeren, auch theoriegesättigten Rahmen pflanzte. Mit seiner Studie über Fremdarbeiter im Dritten Reich lieferte Herbert für die Debatte über die erst viel später einsetzende Diskussion über Entschädigungszahlungen an NS-Zwangsarbeiter gleichsam fundamentales Material, das die Nachkriegsrepublik erst in den 90er Jahren schließlich zur Kenntnis nehmen musste. Die Nazis hatten annähernd zehn Millionen Menschen zumeist aus Osteuropa verschleppt und zur Arbeit in der deutschen Kriegsproduktion gezwungen.

Manche Debatte wirkte Jahre nach. Stets zu den Stichtagen des Kriegsendes entfalteten sich verschiedene Facetten der Diskussionen – über die Motive der Täter des Holocaust, über die Verbrechen der Wehrmacht, über die Qualen der Zwangsarbeiter. Mit diesen oft zwischen den Generationen verlaufenden Kontroversen hatte die deutsche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus eigentlich „ihren Höhepunkt, in gewisser Weise auch ihren Endpunkt erreicht“, notiert Herbert.

1918, 1933, 1945, 1973, 1990

Sein jetzt vorgelegtes, großes Werk teilt er in 22 Kapitel und fünf Teile ein. Die Studie beginnt im letzten Jahrzehnt des Kaiserreichs. Einschnitte sind in den Jahren 1918, 1933, 1945, 1973 und 1990 gesetzt. Herbert sieht die Geschichte bis zu der Frage, wann das 20. Jahrhundert endet, im Wesentlichen in zwei Epochen geteilt: In die Geschichte der Jahrhundertverbrechen und die Geschichte der Prosperität und der Freiheit. Ob ihrer „widersprüchlichen Vielfalt“ hätte der Autor selbst gern den Titel gewählt: „Die Jahre, die ihr kennt.“ Dabei wollte er sich eigentlich an eine Erzählung Peter Rühmkorfs aus den 70er Jahren anlehnen. Dieser Titel hätte für Herbert selbst den Vorzug gehabt, „das komplizierte Verhältnis der Deutschen zu ihrem 20. Jahrhundert anzusprechen, die Zeitgeschichte, die nie vergeht“.

Aber, setzt Herbert hinzu, über 1945 hinaus ist die deutsche auch Teil der europäischen Geschichte. „Im Zerfall der DDR wie im Triumph der Bundesrepublik spiegelte sich die globale Konfrontation der Ordnungssysteme, wie sie sich seit den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg und dann jeweils verstärkt nach 1914 und nach 1945 herausgebildet hatte“, vermerkt er.

Auf der Grundlage dieser Studie, die Glück und Unglück eines Jahrhunderts in einen für Historiker vielleicht ungewöhnlichen, wohl aber originellen Zusammenhang bringt, kann man dem nächsten runden Jahrestag des Kriegsendes 2015 im Wissen um die Zerklüftungen der Geschichte Deutschlands vielleicht etwas entspannter entgegensehen. Wenngleich für Ulrich Herbert „auch nicht auszuschließen ist, dass am Ende die aus dieser glücklichen Entwicklung erwachsenden Gefahren nicht geringer sind als die überwundenen“.

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