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Es könnte weitergehen: Goethe-Blatt zur Aufbewahrungskapsel für Gedichte „Zum künftigen Divan“. 

Goethehaus Frankfurt

200 Jahre „West-östlicher Divan“: Für Liebende ist Bagdad nicht weit

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Das Frankfurter Goethehaus zeigt eine Ausstellung zu Goethes Gedichtsammlung „West-östlicher Divan“.

Goethe ist nicht nur ein bewundernswürdiger Dichter, sondern ebenso ein beneidenswerter Leser. Auch hier fließen die Grenzen, das Lesen bleibt nicht passiv wie bei unsereinem, das Gegenteil ist der Fall. So – jedenfalls dieses eine wuchtige Mal – ist es bei der Lektüre der „Hammerschen Übersetzung“ der Verse des 390 gestorbenen persischen Dichters Hafis. Goethe hatte dessen Gedichte wohl schon einzeln in Publikationen wahrgenommen, ohne besonders beeindruckt zu sein, wie er selbst anmerkte. Die Gesamtlektüre aber, so Goethe in einer gewaltigen, die Außenstehenden (die Nichtdichtenden) niederschmetternden Formulierung, „wirkte umso lebhafter auf mich ein, und ich musste mich produktiv dagegen verhalten, weil ich sonst vor der mächtigen Erscheinung nicht hätte bestehen können“.

Der fast 65 Jahre alte Dichter hat einen „Zwilling“ gefunden und einen Katalysator, um die poetische Maschine in Gang zu setzen und zu halten. Dies zu einem Zeitpunkt, zu dem seine Altersgenossen – selbstverständlich nicht heute, aber damals – ins Greisenalter wechseln. Goethe hingegen reist nach Wiesbaden, verliebt sich in Marianne von Willemer und fängt nach Jahren an, wieder Gedichte zu schreiben.

1812/13 war die erste deutschsprachige Gesamtausgabe von Hafis’ „Divan“ bei Goethes Verleger Cotta erschienen. Dem Übersetzerpionier Joseph von Hammer und seinem Leben widmete das Frankfurter Goethehaus bereits im Frühsommer eine eigene kleine Ausstellung. Diese dokumentierte beiläufig, dass auch das 18. und frühe 19. Jahrhundert ausreichend negative Stereotype zum Islam zur Verfügung hatte, um die Begeisterung des Dichters individuell und unkonventionell erscheinen zu lassen.

Goethe in der Divan-Zeit, 1814/15, auf einem Bild von Carl Joseph Raabe. Foto: Freies Deutsches Hochstift / Frankfurter Goethe-Museum, Foto:

In der neuen Ausstellung im Arkadensaal geht es seit Dienstagabend nun um Goethes Reaktion. Es war eine imposante Reaktion im Ergebnis – das vor genau 200 Jahren, im August 1819, dem etwas überforderten Publikum in Form von Goethes umfangreichster Gedichtsammlung, dem „West-östlichen Divan“, vorgestellt wurde –, aber auch in der Haltung. Vermutlich nirgendwo anders lassen sich die Vorurteilslosigkeit und geistige Offenheit Goethes so deutlich ablesen. Es ist keine bewusst gewählte, politische, philosophische Vorurteilslosigkeit und geistige Offenheit, sie ist logischer Begleiter eines großen geistigen Fassungsvermögens. Sie speist sich nicht zuletzt aus der Fähigkeit, eine „mächtige Erscheinung“ zu erkennen. Womöglich, denkt man, erzählt sie mehr von Goethes Genie als die Geschwindigkeit, mit der er dann selbst zu Werke ging. Obwohl sich auch darüber staunen lässt, die Gedichte entstanden im Dutzend.

Die Ausstellung heißt „,Poetische Perlen‘ aus dem ,ungeheuren Stoff‘ des Orients“ und ist eine Koproduktion mit der Klassik Stiftung Weimar, wo sie zuerst zu sehen war. Die Literaturwissenschaftlerin und Divan-Expertin Anke Bosse übernahm die Vorbereitungen, in Frankfurt arbeitete Joachim Seng mit, der Bibliotheksleiter des Freien Deutschen Hochstifts. Anhand von beispielhaften Gedichten aus dem „Divan“ und dem „Divan“-Umfeld kann man sich anschauen und kann man auch nachvollziehen, wie Goethe probierte und verwarf, abschrieb und verwandelte. Ein aus dem Zusammenhang heraus exzerpierter Satz wie „Für Liebende ist Bagdad nicht weit“ bekommt dadurch fern von seinem Kontext und fern von Bagdad hinfort ein Eigenleben.

Immer wieder zeigt sich, dass es für Goethe nicht nur unwichtig war, in „Bagdad“ gewesen zu sein oder nicht, sondern dass es ihm poetisch geradezu geschadet hätte. Die Entstehung des „West-östlichen Divan“ ist, anders als der Blick ins Leben von Joseph von Hammer, eine Antitourismusgeschichte. Immer wieder zeigt sich auch, dass es Goethe nicht wichtig war, ob ein Satz nun von ihm stammte oder aus einem der zahllosen (nein: hundert) Bücher, die nun nach und nach las (er habe sich „die Zeit her meist im Orient aufgehalten“, schrieb er dazu). Wenn der Satz von Marianne stammte (bald schon „Suleika“, wie Johann Wolfgang „Hatem“ wurde), war ihm das zwar privat wichtig. Für die Sammlung aber wurde auch das vereinnahmt.

Alle Grenzen flossen, sagte Hochstiftsdirektorin Anne Bohnenkamp-Renken bei der Eröffnung: Zwischen Ost und West, zwischen den Kulturen, zwischen den handelnden und den schreibenden Figuren. Natürlich wurde bei der Eröffnung auch vielfach auf die offenkundige Modernität eines solchen Konzeptes hingewiesen, noch dazu in einer Zeit besonders befürworteter Ausgrenzung. Goethe war in seiner Zeit andererseits genau so ungewöhnlich wie er es heute ist. Auch war er ein Egoist, machen wir uns nichts vor. Egoismus hat, gepaart mit Selbstbewusstsein anstatt Unsicherheit, Vorteile, sogar für die anderen.

Auch ein genialer Dichter nähert sich an die richtige Formulierung erst an. Wer sich längst angewöhnt hat, auf Tastaturen und nur noch auf Tastaturen zu schreiben, kann in der Ausstellung geradezu schlagartig noch einmal erleben, wie es war, handschriftlich zu probieren, durchzustreichen, ein Wort, eine ganze Seite, die man aber immer noch lesen und auf die man also immer noch zurückgreifen kann. Wie Goethe es dann zum Teil auch tut. Handschrift hat nicht nur einen kalligraphischen Reiz.

Goethe übt sich in der arabischen Schrift, lernt aber kein Arabisch. Ornament und Übersetzung reichen ihm. 

Wenn in eine vorerst stehengelassene Lücke in dem herrlichen Gedicht „Abglanz“ (Anke Bosse: „Goethe fehlten die Worte!“) schließlich der Begriff „Bild“ eingesetzt wurde, dann wirkt das zwar (wie alles Stimmige) wie eine reichlich einfache Lösung. Aber sie muss trotzdem gefunden werden. Goethe schreibt sich heran, dreht hier, wendet dort, kippt das Gedicht schließlich noch einmal auf den Kopf, indem er den Anfang ans Ende stellt. Das dokumentiert in diesem Fall auch ein verkrumpeltes Blatt, das der Freund Sulpiz Boisserée aus dem Papierkorb zog. Das ist ein Vorteil bei einem anerkannten Genie, es geht nichts mehr verloren.

Ein gewaltiger Vorteil für ein Publikum, das seinerseits vermutlich keine Kurrentschrift lesen kann: Goethe benutzte für die Niederschrift seines „West-östlichen Divan“ lateinische Schrift – um Anschluss an eine von ihm gerade erst proklamierte „Weltliteratur“ zu halten, darf vermutet werden. Das gestochen Scharfe seiner Handschrift macht es für dieses Mal also möglich, so gut wie jede Zeile mitzulesen. Ein Erlebnis, das in Ausstellungen zur deutschen Literatur der Klassik rar ist. Goethe hätte sich dafür interessiert, dass die ihm so vertraute Schrift verschwunden ist.

Er selbst schrieb auch arabische Buchstaben, das heißt, erst malte er sie ab, dann, unterwiesen inzwischen von einem Lehrer, schrieb er sie. Arabisch, erfährt man, lernte er nicht und wollte es nicht lernen. Es scheint wesentlich zu sein, dass er nicht alles wusste. Hammer war auch ein guter Übersetzer. Und Goethe nahm sich nur, was er brauchte, aber das nahm er vorurteilsfrei.

Wem die Koautorin Marianne von Willemer etwas zu kurz kommt – sie kommt aber vor –, sei daran erinnert, dass das Goethehaus ihr als Mensch, Dichterin und Suleika 2014 eine eigene große Ausstellung widmete.

Das Ergebnis der ausgefeilten Vitrinenschau ist eine wundersame, adäquate Verbindung aus Sinnlichkeit und Verstand. Die eigentliche Ausstellung ist vom Saal abgetrennt durch eine diesmal besonders intensiv bespielte Fläche: Hier lässt der Designer Stefan Matlik die Wörter „Hafis“, „Divan“, „Hatem“ und „Suleika“ in einem großen Filmloop auf dem weißen Grund erscheinen, kreisen, zur Wellenfläche werden. Auch die der Ausstellung beigegebenen Arbeiten von Axel Malik feiern das Wunderwerk der arabischen Schriftzeichen. Dass bei der Ausstellungseröffnung hinreißende persische Musik aufgeführt wurde: Wie gerne wüsste man, was Goethe davon gehalten hätte.

Frankfurter Goethehaus: bis 23. Oktober. Empfehlenswerter, geradezu zwingender Katalog bei Wallstein, 15 Euro. www.goethehaus-frankfurt.de

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