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Der Dichter Friedrich Hoelderlin (Hölderlin, 1770-1843) und Susette Gontard (Frankfurter Bankiersgattin, 1768?1802, um 1870, nach Zeichnung von Norbert Schroedl (1842?1912)). 

Literatur

250 Jahre Hölderlin: Der verletzte H.

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Peter Michalzik erzählt nicht nur die Liebesgeschichte von Friedrich Hölderlin und Susette Gontard, sondern spekuliert anregend über das Verhältnis von Poesie und Bankenwesen.

Mit seinen Gedanken noch ganz weit weg, bei seinen unglücklich-ungedruckten Gedichten vor allem, erreichte er die Stadt. Im Kopf eine neue Mythologie, eine neue Religion, kam er unter die Frankfurter, in die Freie Reichsstadt, als neuer Hauslehrer in das Haus der Familie Gontard, wo ihm das Herz aufging. Denn der 25-Jährige verliebte sich heftig, der Dichter unsterblich.

Hymnische Gefühle, göttliche Gesänge, diese Lesart ist dem Hölderlinleser immer wieder lieb und recht gewesen, auch mit Blick auf die Frankfurter Jahre Friedrich Hölderlins vom Jahreswechsel 1795/96 an bis Oktober 1798. Über die Zeit, eine in großer Zerrissenheit, hat im Hölderlinjahr auch Peter Michalzik ein Buch geschrieben. Schon der Untertitel stellt Friedrich Hölderlin sowohl die Geliebte Susette als auch Jacob Gontard gleichberechtigt an die Seite. Keine Ménage à trois, wohl aber ein Leben im Dreieck.

Ausgehend davon, dass der „spekulative Anteil“ über Hölderlin „jedenfalls groß ist“, schließt Peter Michalzik sich den gängigen Hypothesen – nein, nicht an, sondern mutmaßt in eine andere Richtung, über den Dichter und den Banker. Auf Spekulation aus sind ja beide, als Dritter nun auch der Autor, der sein Spiel mit Fakten und Fiktionen immer wieder anspricht und offenlegt.

Häufig ist die erste Begegnung im Haus Gontard so erzählt worden, dass die Familie den Hauslehrer empfing. Der Bedienstete als Staffagefigur vor einem bürgerlichen Tableau. Bei Peter Michalzik dagegen von vorneherein die Engführung, eine unter vier Augen, wobei Hölderlin auffällt, wie sehr Gontard die Augen regelrecht schief stehen, es sind die Folgen eines Unfalls. Dieser, so ließe sich sagen, Knick in der Optik lässt den Bürger Gontard die Welt anders sehen – ein geheimes Motto für diese „biografische Erzählung“ auch?

Tatsächlich gestaltet sie das Verhältnis zwischen Banker und Dichter neu, vorübergehend scheint das Abhängigkeitsverhältnis ausgesetzt. Dennoch bleibt Hölderlin irritiert, wenn er zusieht, wie das Theaterinteresse des Hausherrn mitnichten ein bloß interesseloses Wohlgefallen ist. Das Theater ist Parkett und Bühne, um Geschäfte anzubahnen. Die Beleidigung des Geistes, in Briefen festgehalten, ist für den Dichter enorm – allein, die Geldgeschäfte, darauf will der Autor hinaus, entwickeln ihren eigenen Esprit. Denn die Geldgeschäfte haben eine eigene spirituelle Dimension.

Peter Michalzik: Der Dichter und der Banker. Friedrich Hölderlin, Susette und Jacob Gontard. Reclam. 188 S., 16 Euro.

Peter Michalzik (57) verfolgt mit seiner „biografischen Erzählung“ eine „alternative Fassung einer bekannten Geschichte“, nämlich der Liebesgeschichte, die durchaus beschaulich wirkt – was sie alltäglich macht. Es ist eine auch „kitschy“ anmutende Affäre, aber das erdet sie, während sie in höheren Sphären schwebt, im Namen entrückter Schönheit, aus dem Geist göttlicher Harmonie. Hölderlin hob ja tatsächlich ab. Der Hölderlin-Ton, immerzu hoch gestimmt, erfährt zuweilen heikle Anverwandlungen.

Was Michalzik als „Ausloten“ ankündigt, ist ein „spielerisches Erkunden“, wahrhaftig ein Spekulieren, ausdrücklich so kenntlich. Gleichzeitig, und dabei handelt es sich dann nicht um eine Spekulation, rekonstruiert der Autor den Aufstieg Frankfurts unter die ersten Finanzschauplätze Europas, zum neben Paris und London dritten frühbürgerlichen European Player, dem immensen Poeten ganz gewiss kein Partner.

Am Ende ist dem Dichter, auch wenn ihn Gontard in die Geheimnisse des Geldes einzuweihen versuchte, das erhitzte Bankengeschäft fremd. Und die kalte Geschäftigkeit gar zuwider. Allein in der Gegenwart der Hausherrin ergeht es ihm gut. Wenn er sie gegenüber Goethe, bei dem „Gipfeltreffen“ der beiden Dichter in Frankfurt, als eine „Person schönster Bildung, in jeglicher Beziehung“ preist, so ist das auch ein Etikett unter Männern, zugleich die Bemerkung eines Verzweifelten, der mit seiner untröstlichen Trauerarbeit im Lärm der Menschen einsam dasteht. Verstanden nur von Susette, der angehimmelten Diotima, deren Perspektive allerdings eher blass bleibt.

Der Leser lernt die Gedanken des Hauslehrers Hegel über die Liebe kennen und den Antisemitismus des Denkers fürchten. Der Leser bekommt keine antiquarischen, sondern lebendige Einblicke in die Atmosphäre von Frankfurt. Der Autor lässt die Namen der großen Banker in der Stadt Revue passieren, Bethmann, Metzler, Willemer, und im Palais des Weinhändlers Gogel am Roßmarkt eine „Bilderfülle, wie es sie nicht einmal in Kassel gegeben hatte!“

Bonapartes Bataillone bombardieren die Stadt, nehmen sie ein und legen der unterworfenen Stadt irrwitzige Kontributionen auf. Für die Banken rolliert das Geld allerdings prächtig, und die Kriegsgewinnler sind sich ihrer Rolle voll bewusst. Den einflussreichsten Banker, Bethmann, lässt der Erzähler über das Geld gar philosophieren und als absoluten Geist bezeichnen. Wenn Marx die „theologischen Mucken“ (der Ware) beschrieb, so spekuliert der Autor über die „gottgleiche Rolle der Ökonomie, des Bankwesens und des Geldes.“

Hölderlin zeigte sich vom Geschäftemachen nachweislich in seinen Briefen abgestoßen. Sein Glaube galt nicht dem einen Gott im Himmel und auf Erden der Christen. Sein Glaube an die Griechen war ein Glaubensbekenntnis, das auf eine neue Religion aus war, für die er die Losung ausgab: „Monotheismus der Vernunft, Polytheismus der Einbildungskraft und der Kunst.“ Sein Ganzes war eine Poesie des Polyindividuellen.

In Gedanken bei den Griechen, seinem „Hyperion“-Roman, den er in Frankfurt schreibt, lebt ihm die Hausherrin Hellas vor, durch die Art ihre Frisur hochzustecken, durch ihr Profil, ihre Kleidung. Die ganz bestimmt eine Simulation. Schon im schlossartigen Palais kommen sich Susette und er, der Bedienstete, näher – vor allem dann auf der Flucht, auf die sie wegen der heranrückenden Revolutionstruppen, denen ein fürchterlicher, kein befreiender Ruf vorauseilt, der Hausherr schickt.

Eine Liebe in Zeiten des Krieges. Der nackte Schrecken am Straßenrand. Die Kinder sollen einfach nicht hinschauen. In Kassel dann eine andere Welt. Sagenhaft die Gemäldegalerie, ein Kosmos antiker Nacktheit und barocker Entblößung. Die Kinder sollen nicht so hinschauen. Zumal den Cicerone ein älterer Herr macht, wie war noch der Name? Ganz richtig, Wilhelm Heinse, Hölderlin ist er als Verfasser des Briefromans und Bestsellers „Ardinghello und die glückseeligen Inseln“ ein Begriff. Heise hat einen Namen als Immoralist. Als das Paar, ein Friedensschluss ist der Grund, zurückkehren kann, kehrt Hölderlin auch in die Arme des Freundes Sinclair zurück. Vertraute Wörter, vertrauliche Gespräche mit ihm, mutmaßlich konspirative Verbindungen unter Umstürzlern.

Am Finanzschauplatz Frankfurt: Gontard und Hölderlin. Herr und Knecht, worüber der Kommilitone Hegel ja philosophierte. Der Banker und der Dichter: War Frankfurt etwa nicht der Ort für These und Antithese? Frankfurt, trotz der Liebe zu der bezaubernden Susette Gontard, wurde nicht zum Himmel, sondern zur Hölle. Profan gesagt, kommt es zum Eklat. Der Hausherr demütigt den Hauslehrer, er steht da als Domestik. Hölderlin, tief verletzt, flieht. Susette wird es das Herz brechen, seine Diotima stirbt 1802. 1806, der Abschied im September 1798 aus dem Haus der Gontards war der Anfang dieser Entwicklung, nimmt die Verzweiflung bei Hölderlin überhand.

Peter Michalzik nennt seine Erzählung eine „Simulation“. Es ist eine von gleich mehreren Dreiecksgeschichten. Die Liebe Hölderlins zu Susette wird sehr diskret behandelt, weil da womöglich noch eine andere Liebe im Spiel ist? Die zu der Hausdame Marie Rätzer, beschrieben als bildschön, angenehm, patent. Auch über diese Triade ließe sich spekulieren, wie ja auch über all die Überschneidungen am eklatantesten diejenige von Geist und Geld.

Es ist allerdings das Geld, das zum Demiurgen aufsteigt. In Peter Michalziks Simulation wird das Geld zu einem dem Geist nachempfundenen Simulanten, ob nun wirklich, täuschend echt oder trügerisch. Ob zu einem Abbild oder zu einem Götzen – also zu einem triumphierenden Simulakrum.

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