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Hegel und Napoleon in Jena

Philosophie

250 Jahre Hegel: Wenn der Geist aufs Ganze geht

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Sebastian Ostritschs Biografie des Systemdenkers Hegel zeigt, dass die Laufbahn eines Spätentwicklers nur langsam Struktur bekam

Eine seltsame Karriere, auffällig schon deswegen, weil Georg Wilhelm Friedrich Hegel viele, darunter abwegige Umwege ging, den Zenit, er nannte es „einen Mittelpunkt“, dennoch erreichte. Bis es soweit war, hatte sich der Denker verkalkuliert, als Hauslehrer hatte er sich verfranst, er geriet geistig in Sackgassen, verfiel in Depressionen. Bei aller Systematik dieses ungeheuren Systemdenkers spielte der Zufall immer wieder eine Rolle.

Soeben wurde der 250. Geburtstag von Friedrich Hölderlin gefeiert

Dennoch war es nicht bloß Fügung, dass er am Ende seiner Karriere als die Kapazität schlechthin hinter einem Katheder der Berliner Universität stand, um sagen zu können: „Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig.“ Hegel ganz gewiss war die Verkörperung der Vernunft.

2020 war gedacht als ein Dreikönigsjahr. Gefeiert wurde soeben der 250. Geburtstag von Friedrich Hölderlin (FR v. 20.03.), im Dezember steht das Beethoven-Jubiläum an. Am 27. August 1770 wurde Georg Wilhelm Friedrich Hegel geboren – Hegeljahr also auch, dazu sind bereits einige Biografien erschienen, darunter eine besonders lesenswerte von Eberhard Rathgeb über die beiden Freunde, Hölderlin und Hegel. Unumgehbar auf jeden Fall Klaus Viewegs monumentale und, wie Otto A. Böhmer (FR v. 12.03.20) an dieser Stelle schrieb, Maßstäbe setzende und wohl auf Jahre gültige Biografie über den „Philosophen der Freiheit“.

Sebastian Ostritsch: Hegel. Der Weltphilosoph. Propyläen, 2020. 320 S., 26 Euro.

Sebastian Ostritschs Biografie, im Untertitel dem „Weltphilosophen“ zugeschrieben, liegt der zentrale Satz Hegels zugrunde, wonach „alle Dinge an sich selbst widersprechend sind“. Hegels so ausgreifender wie beweglicher Geist war Widerspruchsgeist. Denn Philosophie war für ihn gelebtes Krisenbewusstsein, Denken eines in Widersprüchen, eine ständig bewegte, in Bewegung gehaltene Reflexion. Nicht dass man sich über Hegels „verquasten Philosophensprech“ nicht ärgern könnte, wie Ostritsch betont; allerdings betonte Hegel ebenso ausdrücklich, dass sich das Denken, etwa nur über das Hier und das Jetzt, oder aber das Sein oder das Werden, die Freiheit und die unveräußerlichen Freiheitsrechte, über Recht, Moral oder Sittlichkeit, Religion oder Ästhetik nicht popularisieren, geschweige denn, wie Ostritsch schreibt, „plattmachen“ ließe.

Marx folgte auf Hegel

Kant hatte es vorgemacht, und so war eine der wichtigen unter den eminenten Erkenntnissen Hegels die, dass er das Subjekt in die Verantwortung nahm. Der auf Hegel folgende Marx machte die materiellen Verhältnisse verantwortlich für die Umstände, unter denen sich die Menschen an der Natur und den gesellschaftlichen Verhältnissen abarbeiten. Das Sein, so offenbarte sich ein versimpelter Marxismus immer wieder dogmatisch, bestimme das Bewusstsein. Schon Hegel durchdachte die Frage, inwieweit die von Menschenhand geschaffenen Verhältnisse für das Schicksal des Menschen verantwortlich sind. Doch undenkbar dieser Gedanke ohne den Gedanken Hegels, wonach das Wissen von der Welt nicht von den Objekte ausgehe, sondern auf der Seite des Subjekts liege, seines Bewusstseins – mit allen Folgen für den menschlichen Verstand, seine Vernunft.

So etwas wie eine subjektzentrierte Wende? Sie bestand darin, dass sich die eigentliche Wirklichkeit nicht selbstständig (unabhängig?) um den Menschen dreht (wie es Teile des Idealismus glaubten), sondern das Subjekt in das Zentrum von Wissen und Wahrheit gerückt wurde, das „Selbstbewusstsein“, das Hegel nicht etwa als eine auf sich selbst bezogene Reflexion begriff, sondern als die Anstrengung, auf die Außenwelt Einfluss zu nehmen.

Sich die Außenwelt zu eigen machen, das war für den Bewusstseinsriesen Hegel schwierig genug, ob als Hauslehrer in Bern, wo er todunglücklich war und depressiv wurde, oder als Magister in Frankfurt, wo es ihm leidlich wohl war, materiell und ideell, an der Seite seines Freundes Hölderlin. Hegel pflegte seine Freundschaften aus Studientagen, mit Hölderlin und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, dem Wunderknaben, hauste er in Tübingen in einer Studentenbude – ein beispielloser D-3-Gipfel, sogar gemessen an dieser Ära der Dichter und Denker. Die Freundschaft zu Hölderlin, die noch in der Umnachtung des Dichters aufflackerte, geriet dem Denker aus dem Blick.

Hegel und die Freiheit

Auch dem Genie Schelling blieb der „Spätzünder“ Hegel zugetan, bei allen philosophischen Differenzen, die sich ausgerechnet an Schellings Verständnis der Indifferenz entzündeten. Denn darum ging es, um nichts weniger als die Frage nach dem Absoluten in der Natur und in der Gestalt des Ich. Während Schelling das Absolute als „ruhende Einheit der Gegensätze“ dachte, widersprach Hegel, nicht von Anfang an, aber doch schließlich heftig. Denn als der Denker der Dialektik, also der nicht aussetzenden Denkbewegungen, könne das Absolute nicht als toter Punkt begriffen werden. Was das Verhältnis von Natur und Ich umtreibe, sei die Ruhelosigkeit – und dieses Verhältnis lasse sich auch im Absoluten nicht stillstellen, absolut nicht.

Ostritsch, der über Hegels Rechtsphilosophie promoviert wurde und heute in Stuttgart Philosophie lehrt, versteht es, Hegels Dialektik aus der schwäbischen Mentalität plausibel zu machen, aus der Art schwäbisch-widerspruchsfreudiger Spekulation - da ist Ostritsch nicht der erste, der das anmerkt. Hegel stand unmissverständlich aufseiten der Französischen Revolution und ihrer Verheißungen - unmissverständlich die Absage Ostritschs an die Schreckensherrschaft der Jakobiner, die so elende wie mörderische Begründung der Dynamik und Logik einer Revolution, die ein Robespierre als unabwendbaren Zusammenhang von „Tugend und Terror“ glaubte legitimeren zu können.

Hegel und die Freiheit, der Weltphilosoph und die Franzosen: Wenn Hegel den am 13., 14. Oktober 1806 in Jena plündernden Soldaten Napoleons die Seiten seines Manuskripts, die lose verstreuten Blätter seiner „Phänomenologie des Geistes“, nur mit Mühe und Not entreißen konnte, so war es zugleich Fügung, dass er vom Straßenrand aus den Kaiser der Franzosen zu Gesicht bekam: „auf einen Punkt konzentriert, auf einem Pferde sitzend“ - in ihm, Napoleon, die „Weltseele“ erkennend.

Hegel war in Frankfurt nicht nur unglücklich

Hegel war es vergönnt, nach dem Sturz der Weltseele zum Weltphilosophen aufzusteigen, der mit ungeheurer Energie an einer systematischen Weltanschauung arbeitete, die er einer zwingenden Logik unterwarf, namentlich einer „Wissenschaft der Logik“, zudem einer historischen und systematischen Analyse der Geschichte und der Gegenwart.

Ostritschs Biografie verschränkt beides, eine zunächst wie arretiert scheinende Karriere, ein ruckartig, in ungeahnten Sprüngen sich vollziehendes Leben eines „Spätzünders“ mit einer akademisch lange nicht sehr ergiebigen Laufbahn. Auch in Berlin, die Universitätsgründung liegt erst zehn Jahre zurück, kommt er von 1818 an zunächst nur stockend voran, das liegt auch an seinem Vortragsstil, der so umständlich ist, dass ihm Goethe Jahre zuvor auf einen Rat Schillers hin einen Rhetoriklehrer empfahl. Erfolg stellte sich langsam ein, die Popularität wuchs, unüberhörbar am „Hegel-Slang“, unübersehbar die Hegel-Graffiti.

Hegel, der Staatsphilosoph, sicherlich stockkonservativ, aber auch ein Apologet Preußens? Ostritsch widerspricht dem populär gewordenen Verdikt. Sein Abriss des enzyklopädischen Systems Hegels ist mehr als bloß eine Skizze und dort, wo er zur Analyse wird, macht sie plausibel, warum Systemphilosophie so einzigartig ist. Bei Hegel ein philosophisches System wie nie zuvor und keines nach ihm, zumal die Systemdenker „heute praktisch ausgestorben“ sind.

Hegel, in die Behäbigkeit Stuttgarts geboren, in der recht turbulenten Freien Reichsstadt Frankfurt immerhin nicht nur unglücklich, in Jena eines seiner vier fundamentalen Bücher schreibend, die „Phänomenologie des Geistes“, gehörte nicht zu denjenigen Großmächten, die auf den Olymp von Weimar drängten – vielmehr Berlin zu einem weiteren intellektuellen Kraftzentrum promovierten, etwa neben Tübingen oder Heidelberg. Das geschah natürlich gemeinsam mit anderen Dichtern und Denkern, vor allem der Romantik, dass der Parvenü Berlin zu einem Salon der ununterbrochenen Selbstbewegung des Geistes sich entwickelte. Georg Wilhelm Friedrich Hegel hat deutlich gemacht, was es heißt, wenn der Geist aufs Ganze geht.

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