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Jacob Ross‘ Krimi „Die Knochenleser“: Etwas Verrennsich-Wissen kann auch nicht schaden

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Von: Sylvia Staude

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Jacob Ross. Foto: Suhrkamp Verlag
Jacob Ross. © Suhrkamp Verlag

„Die Knochenleser“, Jacob Ross’ feiner, auf den Kleinen Antillen spielender Kriminalroman.

Mädchen, die mit dreizehn Jahren geschwängert werden. Frauen, die geschlagen, erniedrigt, misshandelt werden; mal sind ihre gewalttätigen Männer Einheimische (einer fiktiven Insel der Kleinen Antillen), mal Engländer oder von irgendwo anders – im Prinzip egal, solche Männer gibt es überall. Zwischendurch kocht einmal ein Frauenprotest hoch nach einer Vergewaltigung und Ermordung – er wird als „Vergewaltigungsaufstand“ in die Geschichte Camahos eingehen -, jemand hat den Schießbefehl gegeben, heißt es. Michael „Digger“ Digson hat den Verdacht, dass es sein eigener Vater gewesen sein könnte, der Polizeichef ist. Seit diesem Tag ist seine Mutter spurlos verschwunden.

Jacob Ross, geboren 1956 auf Grenada, Kleine Antillen, seit 1984 in Großbritannien lebend, schreibt Gedichte, Theaterstücke, Kurzgeschichten, Romane. 2016 hat er seinen ersten Kriminalroman veröffentlicht, „The Bone Readers“, jetzt bringt Suhrkamp in der süffigen Übersetzung von Karin Diemerling „Die Knochenleser“ heraus. Zwar lässt der Titel an Forensik-Krimis wie die von Simon Beckett denken, aber das Madenzählen und Spurenauswerten tritt in den Hintergrund zugunsten von Charakterzeichnung, psychologischer Tiefe und dem alles überspannenden Thema der Frauenverachtung und des tödlichen Frauenhasses. Ein Mann schlägt seine Frau oder Freundin? „Niemand fand was Besonders daran, das machen die Männer hier eben.“

Der saufende Stinkstiefel

Das Buch:

Jacob Ross: Die Knochenleser. Kriminalroman. A. d. karibischen Englisch von Karin Diemerling. Suhrkamp, Berlin 2022. 376 S., 15,95 Euro.

Detective Superintendent Chilman ist ein saufender Stinkstiefel – aber betrunken, so meinen nicht wenige, ist er immer nur vom Hals abwärts. Und er hat ein Händchen für Talent, leistet sich originelle „Einstellungsmethoden“. So rekrutiert er den jungen Digger, mit ein wenig Erpressung (der kann doch nebenbei recherchieren, was mit seiner Mutter passiert ist). Und Chilmans Tochter, Miss Stanislaus, mischt eines Tages als erste Frau bei der Polizei (abgesehen von den Sekretärinnen natürlich) mit viel Köpfchen und Empathie mit.

Was DS Chilman, obwohl er zuerst so gut wie, dann tatsächlich im „Ruhestand“ ist, immer noch umtreibt, ist das unaufgeklärte Verschwinden des Teenagers Nathan, Sohn von Iona. Auch „Missa“ (Mister) Digger und Miss Stanislaus werden sich auf Chilmans Wunsch wieder damit beschäftigen, werden recherchieren und (vergeblich) suchen. Zuletzt haben sie einen Verdacht und wird Digson sich vorzustellen versuchen, wo der unter Verdacht Stehende eine Leiche vergraben würde. Dann wird er bis zur Erschöpfung graben.

Wie bei jedem guten Kriminalroman der Welt kommt es aber auch bei „Die Knochenleser“ viel weniger auf die Handlung an, als auf Atmosphäre, aufs Riechen, Hören, Schmecken, auf Differenzierung, Tiefe, nuancierten Erzählton. Nichts ist hier hochgestochen, auf Effekt oder Informationstransport hingeschrieben. Manchmal stutzt man als Leserin kurz, aber dann erklärt sich auch ein Wort wie „Verrennsich“ – und macht Vergnügen: „Villeich liegt’s daran, wie das ganze Verrensich-Wissen Ihren Blick auf die Dinge verändert, Missa Digger“, sagt die Kollegin zu Digson.

Der Klappentext zu „Die Knochenleser“ verspricht, dass die deutsche Fassung der Fortsetzung rund um das clevere Duo aus dem Missa und der Miss bereits „in Vorbereitung“ ist. Da macht man sich doch gleich einen Knoten ins Ohr, um es nicht zu vergessen.

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