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Jackie Thomae bei der Shortlist-Lesung in Frankfurt.

Shortlist

Jackie Thomae: „Brüder“ – Von Müttern, Vätern und Söhnen

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Die Jahre, da sie nichts voneinander wussten: Jackie Thomaes Roman „Brüder“.

Sie könnten kaum verschiedener sein. Und sie leben in sehr unterschiedlichen Welten, auch wenn ihr Leben ganz ähnlich begann. Jackie Thomae erzählt von zwei Brüdern, die, weil das Schicksal eben so gespielt hat, nichts voneinander wissen. Beide in der DDR geboren, haben die Jungen denselben Vater, aber verschiedene Mütter: Idris, ein Medizinstudent aus dem Senegal, ist viel herumgekommen in jungen Jahren, bei keiner Frau lang geblieben und später in sein Heimatland zurückgegangen, um dort eine Familie zu gründen.

Wir lernen seine ohne Vater aufgewachsenen, nun erwachsenen deutschen Söhne in der Reihenfolge ihrer Geburt kennen: Die erste Hälfte des Romans gehört Michael, Kind der Philosophiestudentin Monika, die mit ihrem Teenager-Sohn noch vor dem Mauerfall nach West-Berlin geht. Die zweite Hälfte ist Gabriel gewidmet, Sohn einer angehenden Architektin aus Leipzig, die tödlich mit dem Moped verunglückt, als er sieben Jahre alt ist.

Michael, genannt Mick, ist ein Lebenskünstler und Frauenliebling, der sich nach dem Lustprinzip durchs Leben treiben lässt. Er fühlt sich überall und nirgends zugehörig, findet immer Freunde und Vergnügen, ist in den 90ern so nebenher Mitbetreiber eines inoffiziellen Berliner Clubs, und verpasst es irgendwie, mit dem richtigen Leben je anzufangen. Erst eine existenziell bedrohliche Situation bewirkt eine so starke Erschütterung, dass Mick einen radikalen Kurswechsel vollzieht. Doch da die ausgeglichene Yoga-Persönlichkeit, die er dadurch wird, für narrative Zwecke wohl allzu uninteressant wäre, sind es vor allem die wilden, jüngeren Jahre von Micks Leben, auf die der Roman fokussiert.

Bei Gabriel ist es umgekehrt. Er wird eingeführt, als er, auf dem Gipfel seines Erfolgs als international anerkannter Architekt, eine Art Nervenzusammenbruch erleidet und sich in der Londoner Öffentlichkeit unmöglich macht. Von diesem Punkt aus wird rückblickend vor allem die Geschichte seiner Ehe erzählt. Gabriel selbst tritt (als einzige Figur in diesem an unterschiedlichen Perspektiven reichen Roman) als Ich-Erzähler auf – wohl um seinem hervorstechenden Charaktermerkmal als Kontrollfreak gerecht zu werden.

Jackie Thomae: Brüder. Roman. Hanser Berlin, 2019. 432 S., 23 Euro.

Als Gegengewicht sind weite Passagen des Gabriel-Teils aus Sicht seiner Frau Fleur erzählt. Der ironische, allerdings auch niemals vollständig enthüllte Clou dieser Beziehung liegt darin, dass Fleur zum Zeitpunkt ihres Kennenlernens bereits in einer anderen Liebesbeziehung verstrickt war und Gabriels Sohn Albert mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit gar nicht sein leibliches Kind ist.

Die Autorin mag und versteht ihre Figuren. So sehr, dass sie ihnen zutraut, ihre Geschichten ganz allein zu tragen, und als Erzählerin fast völlig verschwindet – allerdings nicht ohne aus dem Hintergrund durch nachsichtig ironische Formulierungen die Anwesenheit einer übergeordneten Instanz spüren zu lassen. Es ist allerhand, wie mühelos wir dazu gebracht werden, die Welt mal durch Micks, dann durch Gabriels und Fleurs Augen zu sehen. Auch andere Figurenperspektiven werden eingesetzt, doch diese drei sind die hauptsächlichen Geschichtenträger: Sie eröffnen parallele Welten, die alle glaubhaft und authentisch sind.

Mick ist dabei der unkomplizierteste, sympathischste Charakter. Schwieriger liegen die Dinge mit Gabriel, dessen Perspektive allein wohl nicht ausreichen würde, ihn zu charakterisieren, da er, obwohl so gewissenhaft in allen Dingen, in Bezug auf sich selbst ein eher unzuverlässiger Erzähler ist. Um ihn zu verstehen, braucht es den Kommentar anderer: die Erzählungen seiner Frau über Gabriels Außenwirkung als stets auf Wesentliche konzentrierter Mann, dem es mit allem, was er tut, ungemein ernst ist. Und die Vorhaltungen seines Sohnes, der dem Vater vorwirft, sich an eingebildeten Vorurteilen ihm als Schwarzem gegenüber abzuarbeiten.

Insgesamt ist Hautfarbe ein Thema, das hier und da aufkommt, an dem sich aber weder der Roman noch seine Figuren groß aufhalten – außer eben, falls der pubertierende Albert recht hat, dessen statusbewusster Vater.

Allerdings stellt sich die Frage, was überhaupt das eigentliche Thema dieses Romans ist. Warum diese Geschichte von zwei Brüdern erzählen, die nichts voneinander wissen, wenn es dabei nicht noch um irgend etwas anderes, darüber Hinausweisendes geht? „Brüder“ ist auf eine angelsächsisch anmutende Art ungemein intelligent, humorvoll und unterhaltsam zugleich geschrieben und bringt damit eine sonst weitgehend fehlende Qualität in die deutsche Literatur ein.

Das ist an sich fast schon großartig genug. Jene etwas allgemeingültigere Perspektive aber, die einen Roman zu wirklich großer Literatur machen kann, gibt es hier nicht. Dabei ist es nicht einmal so, dass eine implizite große Fragestellung ganz fehlte. Es wird nur nicht deutlich genug, worin sie besteht, oder besser: welche der zahlreichen hier angerissenen Daseinsfragen eigentlich für die Dauer dieses Buches die wichtigste sein soll. Ist „Brüder“ ein Roman über die Vereinzelung von Menschen in einer immer unüberschaubarer werdenden Welt? Ist es ein Roman über die Zufälligkeit oder/und die Endlichkeit der Liebe? Über die Sehnsucht des Menschen nach verlässlichen Familienstrukturen? Über die Wichtigkeit von Vaterfiguren? Mutterfiguren? Über Hautfarben? Den Sinn des Lebens?

Die Liste ließe sich noch eine Weile erweitern, denn um all das geht es – und dadurch in der Summe dann fast schon wieder um nichts. Das ist einerseits etwas schade. Aber andererseits eben wirklich: A good read!

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