Gabriele Tergit

„Ja, so waren wir, so haben wir gelebt“

  • schließen

Gabriele Tergits in jeder Hinsicht großer Roman „Effingers“ erzählt vom Schicksal dreier jüdischer Familien in Deutschland.

Am 5. März 1933 floh die bekannte Berliner Journalistin und Gerichtsreporterin Gabriele Tergit vor den Nationalsozialisten in die Tschechoslowakei, die erste Station ihres Exils. Im Gepäck hatte sie ihr Manuskript „Effingers“, eine Familienchronik, an der sie bis 1950 schreiben sollte und die sie als ihr wichtigstes Buch bezeichnete.

Auf knapp 900 Seiten erstreckt sich die Geschichte des Aufstiegs und Niedergangs dreier deutsch-jüdischer Familien. Die Hauptschauplätze sind das zunächst pulsierende, aufblühende Berlin und demgegenüber das gleichlaufende traditionelle Leben auf dem Land, in einem kleinen fiktiven Ort namens Kragsheim. Weitere Szenen spielen in München, Heidelberg, Hamburg sowie in England, Russland und Palästina. Die Perspektiven wechseln vom Arbeiter zum Unternehmer, vom Fortschrittsgläubigen zum Traditionalisten, vom Sparsamen zum Lebemann.

Ein halbes Jahrhundert umfasst der politisch-kulturhistorische Roman, beginnend mit dem Brief des 17-jährigen Paul Effinger an seine Eltern 1878 und endend mit Pauls Abschiedsbrief an seine Kinder und Enkel, kurz vor seiner Deportation in ein Konzentrationslager 1942. Die Seitenzahl, die große Zeitspanne und die Anzahl der Protagonisten und Geschehnisse können zunächst abschrecken. Man benötigt Zeit, um in dieses in jeder Hinsicht umfangreiche Buch einzusteigen. Aber es gelingt der Autorin – auch mit Hilfe von relativ kurzen Kapiteln (dafür aber 151) – den Spannungsbogen zu halten und die unterschiedlichen Figuren lebendig werden zu lassen.

Paul, Sohn des Uhrmachers Matthias Effinger aus Kragsheim, berichtet in seinem ersten Brief nach Hause von der großen Welt, in der er nun angekommen sei, die ihn nicht nur zum Schwärmen, sondern auch zum Nachdenken bringe – wie das Schicksal der Fabrikarbeiter, die weit weg von zu Hause mindestens elf Stunden täglich arbeiten: „So machen sie sich in den Fabriksälen selber eine Lagerstadt und liegen dort nach Geschlechtern nicht getrennt, in der scheußlichsten Weise durcheinander. Der Arbeiter ist hier tatsächlich nur ein besserer Bettler.“

Während Paul 1884 den Bau der ersten Gasanstalt in Berlin als Fortschritt für alle begrüßt, die Licht und Wärme in die Wohnungen bringe, prophezeien die Arbeiter eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft: „Wir werden weiter uff’n Hof jehen und fünf Parteien eine Kabuse benutzen. Und von wejen den Jas. Da muß erst die Dividende für die Herren Aktionäre rauskommen.“ Später wird Paul selbst eine Fabrik führen und zusammen mit seinem Bruder Karl Auf- und Abstieg bis zur Enteignung am eigenen Schicksal erfahren.

Gabriele Tergit: Effingers. Roman. Schöffling & Co., Frankfurt a. M. 2019. 904 Seiten, 28 Euro.

Die Brüder verheiraten sich mit Töchtern der Bankhaus-Dynastie Oppner und Goldschmidt, einer angesehenen jüdischen Familie. Der Jurist und Privatdozent Waldemar Goldschmidt, Bruder des Bankdirektors, ist im Roman der Aufklärer und liberale Denker. Er wird vor die Entscheidung gestellt, zu konvertieren oder das Ende der akademischen Karriere hinzunehmen – und entscheidet sich für Letzteres und damit für die Bewahrung seiner Würde und Selbstachtung. Eine Taufe wäre keine innere Entscheidung, sondern ein „Kotau vor der Macht“. In dem Kaleidoskop der Persönlichkeiten sticht Waldemar als Menschenfreund hervor. Aber auch die anderen Familienmitglieder werden vor dem inneren Auge lebendig, wie Benno Effinger, der auswandert, um die „Kragsheimer Eierschalen“ loszuwerden: „England ist die Welt. Hier kommt man vorwärts.“ Hauptspielort bleibt Tergits geliebtes Berlin, die genau recherchierte Geschichte der Stadt von der Reichsgründung bis zum Kriegsende wird atmosphärisch sehr einprägend beschrieben. Alles verändert sich, auch die Sichtweisen: „Früher haben die Leute auf das Inwendige gesehen, jetzt muss man ihnen das Auswendige gut präsentieren“, so der alte Effinger. Paul erwidert: „Das ist der Zug der Zeit, man muss mit ihm gehen.“

Darstellungen der Moden, der neuen Erfindungen, der sich wandelnden Architektur nehmen zum Teil zu viel Raum ein. Aber sie wurden bewusst ausführlich beschrieben, so Tergit 1948: „Dass das äußere Geschehen überwuchert, ist vom Künstler so gewollt. Das gerade, dass wir alle mehr oder weniger seit 1914 gelebt worden sind, dass wir nicht mehr Herr und Meister unsres Schicksals waren, das soll eines der Charakteristiken der Schilderung sein.“

Die Autorin hat eine verschwundene Welt für die nächsten Generationen festgehalten. „Was ich mir wünsche ist, dass jeder deutsche Jude sagt: Ja, so waren wir, so haben wir gelebt zwischen 1878 und 1939.“

Viele persönliche Erfahrungen verarbeitet Tergit in ihrem Roman, wie man im hilfreichen Nachwort von Nicole Henneberg nachlesen kann. Auch die Frauen sind hier in Aufbruchstimmung. Selbstbestimmung, Ausbruch aus den alten Mustern werden zum Thema, so wie bei der Autorin selbst, die ohne die Zustimmung ihrer Eltern Journalistin wurde.

Einen Verlag zu finden, war schwer. Den einen war der Roman zu jüdisch, „bin ja neugierig, wie das antisemitische deutsche Volk dieses Buch aufnimmt“ (Springer), den anderen nicht positiv jüdisch genug: Juden dürften nach dem Krieg „nur als edle Menschen dargestellt werden“ (Ullstein).

Als er erstmals 1951 erschien, nahmen ihn nur 30 Buchhändler in ihr Sortiment auf. Nun ist er wieder lieferbar und unbedingt zu empfehlen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion