feu_sand_060820
+
Mannheim, 23. März 1819, hier ein französischer Stich.

Kotzebue & Sand

„Ja, ich habe es gethan, so müssen alle Verräter sterben“

  • vonWilhelm v. Sternburg
    schließen

Hass, Maßlosigkeit, religiöser Wahn: Harro Zimmermann arbeitet an der Gestalt des Kotzebue-Mörders Carl Ludwig Sand auch eine Geschichte des politischen Attentäters in Deutschland heraus.

Es war einer der spektakulärsten und folgenreichsten politischen Kriminalfälle des 19. Jahrhunderts. Am 23. März 1819 betritt der 24-jährige Theologiestudent Carl Ludwig Sand die Mannheimer Wohnung des Schriftstellers August von Kotzebue und sticht den „russischen Spion“ und Demokratiegegner nieder. Sand will, schreibt Harro Zimmermann in seiner akribisch recherchierten Biografie, „der Öffentlichkeit eine Heldentat und eine Passionsgeschichte vor Augen führen, die den Willensimpuls der Deutschen zur Emanzipation aus den Fesseln des menschenrechtlich obsoleten Spätfeudalismus hervorrufen soll“.

Der Versuch, sich nach dem Mord selbst das Leben zu nehmen, scheitert. „Ja, ich habe es gethan, so müssen alle Verräter sterben“, ruft der schwerverletzte Attentäter den auf die Hilferufe der Kotzebue-Familie herbeigeeilten Passanten entgegen. Sand wird verhaftet, monatelang verhört und am 20. Mai 1820 vor einer riesigen Menschenmenge am Heidelberger Tor in Mannheim mit dem Schwert hingerichtet.

„Die Mordtat vom 23. März 1819 bezeichnet eine Wegscheide der politischen und intellektuellen Geschichte Deutschlands im frühen 19. Jahrhundert“, konstatiert Zimmermann, „nach diesem memorablen Datum lebt die Nation in einem anderen Bewusstseinszustand als zuvor.“ Die Wirkungsgeschichte des Sand-Attentats ist in der Tat gar nicht zu überschätzen.

Dem starken Mann Europas, Österreichs Kanzler Clemens von Metternich, spielt der Mord an dem konservativen, in der Tat auch auf den Gehaltslisten des russischen Zaren stehenden Erfolgsautor politisch bestens in die Karten. Er setzt bei den Herrschern der deutschen Königs- und Fürstenhöfe die „Karlsbader Beschlüsse“ durch, die mit Zensur und Verfolgung die Demokratiebestrebungen der Burschenschaftler und liberalen Intellektuellen zu unterdrücken versuchen und lange Jahre der Restauration einleiten. Für das bald immer wichtigere Bürgertum wiederum, das seinen wirtschaftlichen und intellektuellen Aufstieg durchsetzt, bleibt das Attentat der Kristallisationspunkt der Forderung nach der Durchsetzung der Menschenrechte und nach politischer Mitbestimmung. Mit der versuchten Revolution von 1848 und der Konstitution eines Parlaments, das bis zu seiner gewaltsamen Auflösung in der Frankfurter Paulskirche und kurz in Stuttgart tagt, endet die Ära Metternich. Die von Sand (und seinen geistigen Lehrmeistern Karl Follen und Jakob Friedrich Fries, Johann Gottlieb Fichte und Ernst Moritz Arndt) radikal vorgetragenen nationalistischen Forderungen sollten dann aber in den kommenden 125 Jahren in viele Weltkatastrophen – selbstmörderische Kriege, die Unterdrückung und Ausbeutung der von Europa eroberten Kolonien – einmünden.

Als Sand zur Tat schritt, konnten die Rufer nach einem großen und geeinten Deutschland solche Entwicklungen kaum ahnen. Aber die Warnungen vor falschen Entscheidungen waren auch schon damals zu hören. Zimmermann zitiert in seiner Lebens- und Zeitbeschreibung immer wieder auch die nachdenklichen Stimmen, die sich gegen den falschen Idealismus einer sich radikalisierenden Jugend im Kreis der studentischen „Unbedingten“ wehren. So wetterte Heinrich Heine schon anlässlich des Wartburgfestes von 1817 gegen den „beschränkten Teutomanismus“ der Burschenschaftler, der nichts als „Hass des Fremden“ und „Unvernunft“ gezeigt hätte. Hegel wirft Sand vor, einen Mord „aus Haß und Rache, d.i. um das Selbstgefühl seines Rechts zu befriedigen“ begangen zu haben und spricht vom „Richten aus eitler Selbstermächtigung“. Goethe, großherzoglicher Minister in Weimar, fragt abwehrend: „Wo soll nun Disziplin herkommen, wenn sich alles für gleich erklärt, und die sämtliche studierende Jugend sich als Masse konsolidiert hat?“

Viele Zeitgenossen und Nachgeborene sahen Sands Tat dagegen als notwendige und mutige Reaktion auf die politischen Verhältnisse an. Sie waren enthusiastisch gegen die napoleonische Fremdherrschaft in den Krieg gezogen und wurden bitter enttäuscht. Adel und Militär dachten nach dem Sieg nicht daran, die den Völkern versprochenen Freiheiten zu gewähren. Arndt postuliert: „Wer Tyrannen bekämpft, thut Gottesdienst.“ Auch in nichtakademischen Kreisen sind die Zeitgenossen von der religiös-idealistischen Gesinnung des jungen, gutaussehenden Jenaer Burschenschaftlers Sand fasziniert.

Kotzebues zwielichtige Rolle, seine scharfen, teils satirischen Veröffentlichungen gegen die Studentenschaft lassen Sands Tat in hellerem Licht erscheinen, als sie es verdient. Der Publizist Joseph Görres nennt Kotzebue den Autor „unanständig zweideutiger“ Theaterstücke, den „Kaiser allen Pöbels ... den Abscheu aller Wohlgesinnten“. Goethe reimt mit Blick auf die Bücherverbrennung beim Wartburgfest, bei der auch ein Titel des Rivalen ins Feuer geworfen wird: „Daß du dein eigenes Volk gescholten: / Aller Ende kamen sie zusammen, / Dich haufenweise zu verdammen; / St. Peter freut sich deiner Flammen.“

Der Terror gegen die Staatsautoritäten, der von religiösem Wahn und selbsternannter Richterrolle gesteuerte Selbstopfer-Gedanke haben die Geschichte der Völker seit Jahrtausenden begleitet. Die Iden des März mit den Anschlag auf Julius Cäsar 44 v. Chr., der tödliche Anschlag auf Frankreichs König Heinrich von Navarra 1610, der Ermordung des Habsburger Thronfolgers Franz Ferdinand 1914 in Sarajewo – es ist eine lange Kette individueller Gewalttaten und dunkler Verschwörungen, die zu politischen Zeitenwenden führten und die in unseren Tagen erneut eine erschreckende Dimension erreicht haben. Von Baader-Meinhof bis zu den islamistischen „Gotteskriegern“ oder rechtsnationalistisch gesteuerten Mördern reichen die „modernen“ Attentate.

„Hoch lebe mein teutsches Vaterland und im teutschen Volke alle, die den Zustand der reinen Menschheit zu fördern streben“, wird Sand nach seiner Tat rufen: „Ich danke dir Gott für diesen Sieg.“ Und auch solche selbstherrlichen Sand-Sätze sind wieder von aktueller Brisanz: „Ich will Schrecken über die Bösen und die Feigen, Macht über die Guten verbreiten! Schriften und Reden wirken nicht, – nur die That kann einen.“

Zimmermann schildert eindrucksvoll das kurze Leben des in Wunsiedel geborenen, idealistischen, „gottessuchenden Christen und glühenden Vaterlandsverehrer“ Carl Ludwig Sand, dessen politische „Erweckungserlebnisse“ in seine Studienjahre in Tübingen, Erlangen und Jena fallen. „Unser Lauf ist Heldenlauf; kurzer Sieg, rascher Tod!“

Sands Biograf entwirft zugleich das Panorama einer Zeit, in der sich der politische, wirtschaftliche und wissenschaftliche Aufbruch abzeichnet, der dann das späte 19. Jahrhundert prägen wird. „In der bildgewordenen Erinnerung an die Ereignisse von 1819/20 an den unglücklichen Mörder und die gnadenlose Ahndung seiner Tat, sind Moralvorbehalt, politischer Einspruch und historischer Zweifel der Deutschen unauflösbar verquickt.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare