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Osten und Westen

Der Westen als Idol des Ostens: Das ist längst verpufft

  • vonMatthias Arning
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Ivan Krastev und Stephen Holmes analysieren das 30-jährige Zeitalter der Nachahmung westlicher Muster und Werte in Osteuropa.

Das Ende der Geschichte ist der Anfang neuer Perspektiven. Könnte man nach der Lektüre dieses Buches sagen. Eigentlich hatten doch viele Menschen geglaubt, nach 1989 werde alles besser und man könne sich überall auf den Fortschritt verlassen. Der Sieg der Demokratie schien vollendet, der Kapitalismus in Gestalt des Neoliberalismus das die Welt einnehmende Modell zu sein. Mittlerweile spricht man über den Absturz des Westens und darüber, dass der Einsturz der Mauern nicht die Vollendung der Freiheit brachte. Vielmehr werden allenthalben neue Mauern aufgebaut und die Euphorie ist längst der Verbitterung gewichen.

Irgendwas ist seit 1989 gründlich schiefgelaufen. Aus diesem Grund haben sich der Politologe Ivan Krastev aus Sofia und der New Yorker Rechtswissenschaftler Stephen Holmes daran gemacht, eingeübte Betrachtungen über den Verlauf der Geschichte infrage zu stellen: „Das Licht, das erlosch“, haben sie ihr Buch betitelt. Und im Untertitel gleich angekündigt, was den Leser auf den gut 300 flott geschriebenen Seiten erwartet: „Eine Abrechnung“ mit der Illusion, mit dem Fall der Mauern in Osteuropa, dem Ende des Kalten Krieges und dem Zeitalter des Liberalismus verbinde sich allein ein Aufbruch zur Freiheit. Es ist auch eine Abrechnung mit einer Sicht auf die Historie, die im Gefühl des Triumphes damals mit Francis Fukuyama das Ende der Geschichte euphorisch gefeiert hatte.

Krastev sieht 1989 als Beginn einer Nachahmung des Westens

1989 stand für Ivan Krastev und Stephen Holmes am Anfang eines „dreißigjährigen Zeitalters der Nachahmung“. Damit markieren sie ihren Ausgangspunkt. Um zügig zu Reformen zu kommen, sei es für Politiker im Osten der rasch erweiterten Europäischen Union darum gegangen, den Westen nachzuahmen. Sie drängten darauf, „die Lebensweisen und moralischen Haltungen zu kopieren, die sie im Westen beobachteten“, um den Wandel ihrer Gesellschaften zu betreiben. Inzwischen aber gebe es, etwa in Polen und Ungarn, „ein Unbehagen an der Nachahmung“.

Mittlerweile sehe man sich einer „weltweit stattfindenden Revolte“ gegenüber. An unterschiedlichen Orten der Welt, aber verursacht von „drei parallel verlaufenden, miteinander verbundenen und durch Verbitterung befeuerten Reaktionen auf den vermeintlich kanonischen Status westlicher Politikmodelle nach 1989“. In Osteuropa, wo Polen und Ungarn etwa die gleichgeschlechtliche Eheschließung als falsche Vorstellung von Liberalität im Westen geißeln. In Russland, das sich in den Präsidentschaftswahlkampf des früheren Konkurrenten aus der Zeit des Kalten Krieges, die USA, einmischt. In China, das zwar die wirtschaftliche Dynamik des Westens zu schätzen weiß, gleichzeitig aber auf kultureller Eigenständigkeit beharrt und von Nachahmung nichts wissen will.

Das BuchIvan Krastev u. Stephen Holmes: Das Licht, das erlosch. Eine Abrechnung. Dt. v. Karin Schuler. Ullstein 2019. 368 S., 26 Euro.

Verbitterungen und Irritationen machte Ivan Krastev bei den neuen EU-Mitgliedern bereits 2017 in seinem in der Edition Suhrkamp erschienenen Essay „Europadämmerung“ aus. Er beschrieb zwischen Ost und West „zwei Welten, die ein tiefes wechselseitiges Misstrauen hegen“. Bis dahin hatte Brüssel die Demokratie als das Verbindende aller beteiligten Mitglieder herausgestellt. Mit der Flüchtlingskrise jedoch räumen Polen und Ungarn etwa den Schutz von Minderheiten beiseite und verlangen „den Schutz der eigenen politischen Gemeinschaft“. Anstelle von Inklusion, unterstrich Krastev, gebe es seitdem eher das Verlangen nach Ausschluss. In dieser Sicht lasse sich „das europäische Projekt nicht länger als Ausdruck eines liberalen Universalismus“ verstehen, „sondern als mürrischer Ausdruck eines defensiven Provinzialismus“.

Krastev: So unaufgeregte wie brillante Analysen

Krastev berichtet in „Europadämmerung“ über den massiven Rückgang der Bevölkerung seit 1989: 2,5 Millionen Polen kehrten ihrem Land den Rücken, 3,5 Millionen Bulgaren verließen ihre Heimat und in Litauen sank die Bevölkerungszahl von 3,5 auf 2,9 Millionen, Tendenz: weiter sinkend.

Krastev schlägt keinen Alarm, um die Westeuropäer aus ihrem Dämmerschlaf zu wecken. Vielmehr liefert der Politologe so unaufgeregte wie brillante Analysen zur weltpolitischen Lage und er ist auf der Suche nach Ressourcen des demokratisch orientierten Menschen. Etwa in seinem Essay über den „Transparenzwahn“. Er nimmt Bezug auf den Politikdenker Albert Hirschman, der „Abwanderung“ und „Widerspruch“ als zwei Optionen vorstellt, die Menschen wählen, wenn sie mit ihrer wirtschaftlichen oder politischen Lage unzufrieden sind. Demokratie könne „Widerspruch“ gebrauchen, aber nicht ohne Vertrauen bestehen, gibt Krastev zu bedenken. Deshalb werde „eine Politik, die sich auf die Bewirtschaftung des Misstrauens reduziert, das bittere Ende jeder demokratischen Reformbewegung sein.“

Gemeinsam mit Stephen Holmes liefert Krastev, der kürzlich die Römerberggespräche in Frankfurt eröffnete, nun eine Analyse antiliberaler Bemühungen in der Gegenwart. In ihrem Buch „Das Licht, das erlosch“, beschreiben sie, wie sich der Kreml nach der Niederlage im Kalten Krieg in Stellung bringt, um selbst Stärke zu demonstrieren – etwa in der Ukraine. Für Krastev und Holmes will Moskau die USA, etwa beim Umgang mit den Gefangenen von Guantanamo, an eigenen Maßstäben messen: Putin trete Washington gegenüber „sehr herablassend (auf), um die Amerikaner auf ein Normalmaß zurechtzustutzen.“

Krastev: China hat nicht den Anspruch, Vorbild zu sein

Schließlich markieren Krastev und Holmes mit ihrer Betrachtung Chinas das „Ende des Nachahmungszeitalter“. Das Land wisse, mit „gezieltem ,Entleihen’ technischer Mittel“ Wohlstand zu schaffen, „betrachte sich selbst aber nicht als ein Land, sondern als eine Kultur“. Das führe dazu, dass „eine Welt, in der China aufsteigt und Amerika ein normales Land geworden ist“, die Rivalität konkurrierender Systeme nicht mehr kenne. China erhebe nicht den Anspruch, Vorbild zu sein, das der Rest der Welt nachahmen möge.

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Nach 1989 stellte sich Fukuyama Europa als Modell einer liberalen Weltordnung vor. „Der demokratische Schwung“, den der Westen erwartete, entpuppte sich für Krastev und Holmes „als enttäuschend kurzlebig“. Im Zusammenhang mit dem Projekt „Liberalismus“ geht es für die Autoren um die politische Idee, die nach wie vor „dem 21. Jahrhundert am ehesten entspricht“ – vorausgesetzt, der Liberalismus erholt sich „von seinem unrealistischen und selbstzerstörerischen Streben nach weltumspannender Hegemonie.“ An dieser Stelle mag Hirschman wieder ins Spiel kommen. Ohne seine Option „Widerspruch“ können sich Krastev und Holmes Demokratie nicht vorstellen. Wie es in Polen, Ungarn oder im Osten Deutschlands weitergehen könnte, lassen die Autoren aber leider offen. Am Ende des Zeitalters der Nachahmung geht es für sie zunächst um die Frage, was die Liberalen aus ihren Erfahrungen lernen.

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