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„Istanbul - ein Tag und eine Nacht“: Willkürdiktatur am Bosporus entzieht der Stadt die Luft

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Der Taksim-Platz in Istanbul gilt als Ort der Proteste gegen den türkischen Staat.
Der Taksim-Platz in Istanbul gilt als Ort der Proteste gegen den türkischen Staat. © Lefteris Pitarakis/dpa

Christiane Schlötzer, ehemalige Türkei-Korrespondentin, ist ein erstaunlich intellektuelles Istanbul-Porträt gelungen.

„Istanbul – ein Tag und eine Nacht“ ist ein intellektuelles Porträt von Menschen außerhalb der nominellen Politik. Die Autorin besucht sie zu Hause, am Arbeitsplatz oder verabredet sich mit ihnen im Café; es sind Anwälte, Galeristen, Künstlerinnen, Professorinnen, Publizisten, Psychologen, Straßenkünstler, Unternehmer und Verwaltungsmanager. Also das denkende und kreative Istanbul, das Nervenzentrum eines Landes, das von Griechenland bis unweit von Aleppo reicht und mit 17 Millionen Einwohnern die weitaus grösste Stadt Europas ist.

Das Buch wird allerdings nicht mit markanten Großstädtern, sondern mit Schlötzers Nachbarin, einer sogenannten einfachen Frau eröffnet. Der Gattin eines Imams. Die Nachbarin bespricht dabei völlig offen einen bescheidenen Lebensrahmen trotz des eindrucksvollen Titels ihres Mannes. Es ist das Gegenteil der gut geölten Lebensumstände westeuropäischer Geistlicher und der Einblick in den Lebenskreis eines theologischen Proletariats. Er beginnt mit der Mühe, aus einem anatolischen Dorf zu kommen, auf das ein paar Jahrzehnte in der leuchtenden Metropole folgen.

Christiane Schlötzer, Istanbul – ein Tag und eine Nacht: Im Schatten einer schleichenden Diktatur

Was aber nur eine Episode ist. Danach wird man dorthin zurückkehren, wo man begonnen hat. Die Rente von Imamen ist miserabel, in der Großstadt ist damit nicht zu überleben, während man sich auf dem Dorf einen Garten für Gemüse und Obst anlegen und Haustiere halten kann: Sich ernähren kann. Doch auch Freude und Stolz bei der Frau des Geistlichen. In Istanbul hat man den Töchtern eine gute Ausbildung sichern können. Eine moderne, ‚weltliche‘, die ihnen eine freie und autonome Zukunft öffnet. Eine der Töchter, Studentin, die während des Interviews dabeisitzt, spricht mit. Im urbanen Outfit, Pullover, als versinnbildlichter Triumph der Aufklärung, des sekulären Erbes des Modernisierers Kemal Atatürk.

Je weiter man liest, hört man bei Schlötzers Gesprächspartnern immer häufiger das Vokabular von Menschen, die im Schatten einer schleichenden Diktatur leben: die Sprache der Verunsicherung, Selbstbeschwichtigung, Beklemmung und bisweilen schierer Angst. So haben die einen den Terrorismus von oben schon hinter sich, die zweiten senken die Stimme, weil das Verhaftungskommando jederzeit an die Tür klopfen kann, die dritten halten den Pass bereit, um beim ersten Wink in Richtung Flughafen zu verschwinden, die vierten praktizieren das keeping low profile, um den Staat nicht zu provozieren, die fünften, bereits selbst-lobothomiert, unterhalten sich politisch in fadenscheiniger ‚Naivität’. Recep Erdogan, der so gesunde Mann am Bosporus, entzieht Istanbul die Luft.

Informationen

Christiane Schlötzer war 12 Jahre Türkei-Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung. 2016 veröffentlichte sie das Buch „Lesereise Türkei“. „Istanbul – ein Tag und eine Nacht. Ein Porträt der Stadt in 24 Begegnungen“ ist im Berenberg Verlag, Berlin 2021, erschienen. 278 Seiten.

Nenad Popović, Autor der Rezension, wurde mit dem Preis der Leipziger Buchmesse für europäische Verständigung ausgezeichnet.

Nur eine Frau spricht ganz offen, Nermin Abadan-Unat, eine renommierte Professorin. Sie ist zu alt fürs Gefängnis, da wörtlich 100 Jahre alt, und tut das auf einer Kaffeehausterrasse. Schlötzer reicht ihr die Fragen auf Zetteln herüber, da sie nicht mehr hört, verweist dafür aufs Internet, wo sie aktiv sei und elektronische Post empfange. Polizisten sie abholen zu schicken, lohnt nicht mehr, sie würde ja zerbrechen; sie hat als Kind mit Atatürk im Auto gesessen.

Anders fünfzigjährige oder sechzigjährige Intellektuelle, sie sind ja vogelfrei. Der eine von Schlötzers Helden, der Dichter Ahmet Altan, schreibt in einen staatlichen Eisenkäfig gesperrt Gedichte über den Mond. Die Hefte kann er sich für ein paar Pfennige am Gefängniskiosk kaufen lassen, schreiben in Einzelhaft ist gestattet. In Haft sitzen er und ähnliche wegen ‘Unterstützung terroristischer Vereinigungen’ und ähnlichen phantastischen Vorwürfen.

Christiane Schlötzer, Istanbul – ein Tag und eine Nacht: Wörter von Untertanen statt Bürgern

Mit jeder neuen Seite wird es einem unwohler. Wörter von Untertanen statt Bürgern hallen wieder, es fallen resignierte Sätze des Fatalismus oder Philosophierens des gesenkten Hauptes; Akademiker murmeln, wagen bloss Andeutungen.

Wenige sind euphorisch und unter Karriere-Adrenalin. Für drei, vier solcher Begegnungen stehen etwa ein national erfolgreicher Psychiater, der von Bonmots nur so sprüht, oder ein ambitionierter Koch mit seinem Restaurant aus der Gattung ‚Geheimtipp‘ und ‚Nebenstraße‘. Sonst ist Schlötzers Buch ein Anti-Reiseführer. Der bekannte Kolumnist Şahin Alpay ist froh, dass er aus dem Kerker ins Hausarrest durfte, denn jetzt könne er durchs Fenster den Wechsel der Jahreszeiten im Garten verfolgen (nach dem Blick in Gefängnishöfe). Das Glück einer jungen Frau, geführt als „Aktivistin“ und namens Tatli, besteht darin, das Ticket in der Tasche zu haben. Wohin? In den Westen natürlich, den ewigen Westen der früheren Untertanen von Nicolai Caucescu, der Russen und anderer damaliger Afghanen, Elben- und Spreeschwimmern. Das Billett der Turkish Airlines ist one-way. In der Türkei ist nicht mehr die ethnische Säuberung von Griechen, Kurden und Armeniern angesagt, sondern die kulturelle: von Journalisten, Schriftstellern, Demokraten und sonstigen Brillenträgern.

Hat Christiane Schlötzer ein so deprimierendes Buch schreiben wollen? Fest steht, dass sie eine skrupelvolle Journalistin ist und sich an Berichterstattung und Information hält. Ihr Wissen verleitet sie nicht zu tendenziösen (Fang-)Fragen. Wer ihr freilich als Leser über die Schulter schauen will, kann bisweilen in schwarze Brunnen blicken. Ein Beispiel ist der Taksim-Platz um vier Uhr morgens, wenn ein spezielles schweigendes Publikum sich versammelt und in der Finsternis spezielle, stumme Busse vorfahren, um diese Aussätzigen, hauptsächlich Frauen, nach Silivri zu bringen. Zum größten Gefängnis der Türkei, zum Besuch ihrer Verwandten.

Christiane Schlötzer, Istanbul – ein Tag und eine Nacht: Wir sind ein wehrloser Schwarm von kleinen Fischen

Diese Nachtszene gehört zu den Glanzpunkten des Buches, des Berichtens in der Tradition Truman Capotes. Denn, sie ist die Einleitung zu einem Anti-Interwiev, dem Gespräch mit einem Abwesenden: dem berühmten Kulturmäzen Osman Cavala. Es besteht nur aus Beobachtungen im Gerichtssaal, Cavala sitzt vorne auf der Anklagebank, wir sehen nur seinen Nacken. Kein Interwiev also, sondern eine Reportage über einen Schauprozess. Auch Lion Feuchtwanger lässt hier grüßen, der genauso wie Christiane Schlötzer heute, vor fast einem Jahrhundert die Moskauer Schauprozesse verfolgte, als Stalins Gast.

Die Autorin stellt mitnichten nur 24 Personen vor, sondern wenigstens doppelt so viele. Wie schon beim Kaffeebesuch, bei der „Frau des Imams“ die dabei sitzende Tochter eine wichtige Rolle spielt und bei Şahin Alpay auch seine Frau Fatma Alpay spricht. Vor allem aber auf der Bude des spektakulären Marangoz, eines Straßen-Troubadours, der wie aus Damaskus ist, sitzen seine fünf-sechs Koberer, Klaquere, Späher, Mit-Performer der Gattung Aufgelesene/Hungrige dabei. Sie schweigen freilich demütig, während der Chef mit der wichtigen deutschen Journalistin spricht, doch die Truppe weiß, warum. Der Chef läuft nämlich zur Höchstform auf und sagt den Schlüsselsatz des ganzen Buches. Wir sind ein wehrloser Schwarm von kleinen Fischen, der daher schwimmt. Aber wenn der Hai aufkreuzt und dazwischenfährt, dann Inschallah, viele haben Pech gehabt: „Wir leben wie Fische im Meer, und dann kommt ein Haifisch. Das ist das Schicksal. Das ist das Leben.“

Christiane Schlötzer, Istanbul – ein Tag und eine Nacht: Die „Magie des Bosporus“

Dass Schlötzer diesen Satz aufgezeichnet hat, gehört zur Kunst des Perlentauchens. Denn auf einmal klingt das alte Osmanien durch, das machtlose Ausgeliefertsein den Schergen mit den langen Stöcken für die Raya und Fykara, die untersten Untertanen. - Zu besichtigen übrigens seit 1962 in David Leans „Lawrence von Arabien“, Folterszene, wenn Peter O‘Toole auf der Pritsche wimmert: „Efendi, nicht, bin nur ein Obdachloser, ich bin niemand, Efendi, bitte nicht.“ Und dann halbtot geprügelt in die Gosse hinausgeworfen wird.

Durch diese Nebenrollen wird das Fresco der Stadt umso farbiger. Etwa durch eine Deutsche, die einen behinderten Istanbuler kennenlernt, zu ihm als Lebenspartnerin zieht, um gemeinsam ein heruntergekommenes Stadtviertel aufzurichten. Sie ist ein konkreter, nachvollziehbarer Mensch, der uns die „Magie des Bosporus“, der Türkei, erahnen lässt, ohne dass die Deutsche darüber große Worte verlieren muss.

Das Buch ist auf diese Weise die Anatomie einer Stadt. Unter deren Haut es nicht gut aussieht. Nervenbahnen liegen blank, Teile des Stadtorganismus sind bereits entfernt worden (ins Exil etwa), der Puls ist teilweise auf Standby. Besorgniserregende Befunde ausgerechnet bei Menschen, die der Motor des Landes sein sollten, sich aber stattdessen in Lebensweisheiten flüchten, wie dass es in der Türkei schon immer Aufs und Abs gab oder das Land sei eben kompliziert. Psychologisch ist das Land im Modus der Takya, der selbstgewählten Gehirnwäsche und Mimikry. Denn jedes Kind weiß, dass Erdogan zwar eine Machtübernahme durch das Militär vereitelt, danach aber eine Willkürdiktatur ausgebaut hat, wie Wladimir Putin in Russland. Da weist das Buch weit über sein geographisches Thema hinaus.

Christiane Schlötzer, Istanbul – ein Tag und eine Nacht: Das Buch ist die Anatomie einer Stadt

Das dramatischste und intimste Kapitel ist das über Helin, „die Kurdin“, bzw. ihr monumentaler, autobiographischer Monolog über den Horror des Patriarchats und der Unterwerfung der Frauen in der Türkei. Da werden alle Vorhänge der türkischen Gesellschaft aufgerissen, weit unterhalb des Öffentlich-Politischen. Dann jedoch wird womöglich der tiefe Kern der Krise des Landes ersichtlich. Leider würde auf Helin einzugehen, jeden Rahmen eines Buchkommentars sprengen, so kann man hier nur sagen: das Kapitel zweimal lesen. Es heisst „Ganz frei“ (!).

Das Schlusskapitel ist dafür symbolisch und kryptisch. Es handelt von Ägypten, dem Grab der Presse- und Meinungsfreiheit überhaupt. Ägypten, in dem einmal, vor einhundert Jahren Theater, Kabarett, Film als Frauenkultur blühten. In Kavafis’ Schatten wird eine geflohene Intellektuellen aus Alexandria, Zeinab Mohamed, angesprochen. Sie sagt wenig, aber während des Spaziergangs zeichnet sie mit dem Fuß undeutliche Figuren in den Sand. In den Sand entlang des Bosporus. Hieroglyphen einer vom Nildelta angeschwemmten Kassandra? Oder, nimmt man die Autorin hinzu, zwei Kassandras?

So pessimistisch, osteuropäisch wie ich dieses Buch gelesen habe, muss man es nicht. Christiane Schlötzer ist vor allem ein Istanbuler Gruppenbild zu Beginn der zwanziger Jahre des 21. Jahrhunderts gelungen. Mit erstaunlichen Damen. (Nenad Popović ist Autor)

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