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„In einem manchmal vor Gewalt regelrecht dampfenden Los Angeles“.
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„In einem manchmal vor Gewalt regelrecht dampfenden Los Angeles“.

Krimis

Ist sie ein Opfer?

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Von Frauen, die sich zu wehren wissen, erzählen Kriminalromane von Candice Fox und Marcie Rendon.

Eine schwarze Spitzenhaube auf weißem Haar? Spitzenhandschuhe? Lieblingsbeschäftigung: Stricken? Miss Marple war eigentlich noch in den besten Jahren, als sie 1930 ihren ersten Roman-Auftritt als pfiffige Oma hatte. Agatha Christie soll später bedauert haben, nicht eine jüngere Hobbydetektivin erfunden zu haben. Doch jung, sexy, blond oder rothaarig, das waren im USHardboiled und für ziemlich lange Zeit nur die Sekretärinnen oder die mal tatsächlich, mal gespielt verzweifelten Kundinnen der coolen Privatermittler.

Längst haben Agatha Christies Ur- und Urur-Enkelinnen sich eine Fülle und Pracht von Frauenfiguren ausgedacht. Das Spielfeld öffnet sich in alle Richtungen, von der Polizistin mit Familie über die brillante Pathologin zur unverwüstlichen Detektivin und schließlich zur skrupellosen Gangchefin. Was diesen Frauen an Körperkraft fehlen mag, das machen sie durch Kaltblütigkeit und Köpfchen wett – und manchmal im richtigen Moment auch durch Herz und Schwesterlichkeit. Gemeinsam sind sie stark.

Jedoch ist fast immer noch das Verheerendste, was ihnen in dieser Welt zustößt – regelmäßig und leider erwartbar zustößt: Männergewalt. Ausnahmen bestätigen die Regel und haben ihren harten Seelenkern als Schutz entwickelt. „Bin ich ein Opfer?“ ist einer der zentralen Sätze im Thriller „Dark“ der 1985 geborenen Australierin Candice Fox, drohend stellt Gangsterin Ada Maverick diese Frage. Und Blair Harbour bleibt nur die demütige Antwort: „Nein, Ada.“

Drei der vier Protagonistinnen von „Dark“, einem in Los Angeles spielenden Standalone der Bestseller-Autorin, haben sich im Knast kennengelernt. Gangchefin Ada führte dort ein hartes Regiment und führt es mit männlichen „Gorillas“ nun wieder draußen. Emily „Sneak“ Lawlor, Junkie und Diebin, half Blair die elf Jahre zu überleben, die sie als angebliche Mörderin ihres Nachbarn erhielt. Vierte im „Dark“-Kleeblatt wird nun ausgerechnet die Polizistin Jessica Sanchez, die Blair einst verhaftete. Mit Herz und Seele Detective, ist sie dennoch zuerst doppelte Außenseiterin – als Frau und Latina –, dann dreifache als Erbin einer Millionenvilla. Ihrem Vorgesetzten muss sie sagen: „Ich habe nicht mit dem fünfundsiebzigjährigen Vater des Opfers gevögelt, Captain.“ Sie hat die Arbeit gemacht, war für die verzweifelten Eltern da, immer. Jetzt findet ihr untätiger Kollege, er habe die Hälfte des Hauses zu bekommen. Und Jessica Sanchez begreift: sie „gehört nicht mehr dazu“ – zur LAPD.

Buchinfo

Candice Fox: Dark. Thriller. Aus dem Englischen von Andrea O’Brien. Suhrkamp.396 S., 15,95 Euro. Marcie Rendon: Stadt, Land, Raub. Aus dem Englischen von Jonas Jakob. Ariadne/Argument,238 S., 13 Euro.

Die Suche nach Sneaks Teenager-Tochter Dayly bringt die Frauen zusammen. Dayly überfällt ausgerechnet die in einer Tanke jobbende Blair, ehe sie spurlos verschwindet – viel Zufall, kann man finden. Aber welcher Spannungsroman kommt ohne ein oft recht wildes Zur-falschen-Zeit-am-falschen-Ort (oder das Gegenteil) aus, um die Handlung anzustoßen.

Candice Fox’ Handlungsrädchen greifen geschmeidig ineinander, mal durch Blairs, mal durch Jessicas Augen gesehen. Man kann „Dark“ einfach als Pageturner lesen; aber auch als gesellschaftskritischen Roman, in dem in einem manchmal vor Gewalt regelrecht dampfenden L. A. die Polizei sich oft gleichgültig verhält und vier äußerst unterschiedliche Frauen einen Weg suchen. Nein, nett sind sie nicht.

Spät und von der Seite kam Marcie Rendon zum Kriminalroman, eine 1952 geborene US-Amerikanerin und Angehörige der White Earth Nation. Als Aktivistin gab sie Schreibkurse in Justizvollzugsanstalten und recherchierte über die Gründe für hohe Inhaftierungsraten bei Native-Frauen. 2018 erschien ihr Debüt, „Am roten Fluss“, „Stadt, Land, Raub“ ist ihr zweiter Kriminalroman um Renee „Cash“ Blackbear. Rendons Anliegen hinter diesen Büchern ist klar zu erkennen, es ist die Kritik an einer rassistischen Gesellschaft, die Native-Kinder kurzerhand in weiße Familien gibt. Aber zum einen hat sie dem Kritiker Tobias Gohlis erzählt, wie Cash die Regie übernahm, sich vor das Geplante drängelte. Zum anderen steckt Rendon ihre aktuelle Recherche zu Gewalt gegen Indianerinnen (ja, sie benutzt das Wort „Indian“) am Ende in eine „Anmerkung der Autorin“ und nicht in den Roman.

Drittens ist Cash eine blutjunge Frau zur Zeit der Hippies und Vietnamkriegs-Proteste, der ersten Red-Power-Regungen nach dem Vorbild der Black Panthers, der „Minderheitenhäuser“ in Städten, wo reisende Afro- und Native Americans gefälligst separat übernachten sollen. Sie trinkt literweise Bier, raucht cowboymäßig, hat eine „Scheißdrauf-Haltung“, studiert immerhin, verdient sich ein bisschen Geld durch das Fahren von Rübenlastern und ihre Fähigkeiten im Pool-Billard. Die weißen Landeier, die bis zur Bewusstlosigkeit in der Kneipe abhängenden Männer und ihr Sexismus sind ihr vertraut; im College-Milieu dagegen fühlt sie sich fremd. So erlaubt sie es ihrer Schöpferin, das Politische zu einer Schraffierung im Hintergrund werden zu lassen: „Anti-Kriegs-Diskussionen und Debatten über Bürgerrechte. Cash war nicht sicher, was diese Themen mit ihr zu tun hatten.“

Es mag Cash Blackbear (vorerst) egal sein. Aber sowohl Marcie Rendon als auch Candice Fox jubeln der Leserin manches unter, von dem sie gar nicht wusste, dass es sie interessieren könnte. Sie tun das mit erzählerischem Geschick und mit Frauenfiguren, die schlau und fürs Zuschlagen allemal noch jung genug sind – und die kein Opfer sein wollen.

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