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Israel liegt in Norddeutschland

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Dies ist tatsächlich eine Fata Morgana, nicht nur ein eingebildetes Phänomen. Mit denen allerdings der Autor unerschrocken spielt.
Dies ist tatsächlich eine Fata Morgana, nicht nur ein eingebildetes Phänomen. Mit denen allerdings der Autor unerschrocken spielt. © imago stock&people

Matt Ruff stellt mit seiner 9/11-Parodie „Mirage“ die Welt auf den Kopf.

Von Ulrich Seidler

Wurst wider Wurst, wie man so schön sagt, wenn es Gleiches mit Gleichem zu vergelten gilt. Aber während sich beim heimischen Schlachtfest leicht Frieden und Gerechtigkeit zwischen Nachbarn herstellen ließen, geraten in größerem Rahmen die Vergeltungsmaßnahmen leicht außer Kontrolle, beginnen zu eskalieren und enden in Abschlachtereien: Darf’s ein bisschen mehr sein?

Matt Ruff, der 1965 in Queens, New York, geborene Autor parodistischer Romane („Bad Monkeys“, „G.A.S. Die Trilogie der Stadtwerke“), holt mit seinem neuen Buch „Mirage“ nun einen ganz großen Spiegel hervor, mit dem er die Welt, wie sie leider ist, in ihr Gegenteil verwandelt. Es handelt sich um eine Art Vergeltungsfantasie, um eine detailversessene Gegenwelt-Ausklamüserung der Ereignisse um den 11. September 2001. Aus 9/11 wird – soll ja vorkommen – 11/9, der neunte November. Und auch alles andere dreht sich um: Christliche Fundamentalisten von der „Welt-Christen-Allianz“ kapern vier Flugzeuge, zwei lassen sie in die Türme des Welthandelszentrums in Bagdad stürzen, eins zerstört das Arabische Verteidigungsministerium in Riad, das vierte, das vielleicht in Mekka oder auf den Präsidentenpalast niedergehen sollte, stürzt in der Wüste im Süden der Arabischen Halbinsel ab. Es kommt, was kommen muss.

Christliche Fundis

Der Präsident der Vereinigten Arabischen Staaten (VAS), deren Territorien die Arabische Halbinsel, den vorderen Orient, Mesopotamien, Teile Afrikas einnehmen und bis zur Türkei reichen, ruft zum „Krieg gegen den Terror“. Luftlandetruppen nehmen Denver ein, Amerika, das Vereinigte Königreich und Nordkorea werden zur „Achse des Bösen“.

Es erfolgt eine Invasion, in deren Folge Washington D.C. eingenommen und zur „Grünen Zone“ erklärt wird, doch die Bemühungen, Amerika zu demokratisieren, werden durch gewalttätige christliche Splittergruppen immer wieder zunichte gemacht.

Mit närrischer Lust und pedantischer Umordnungsliebe stellt Ruff die Zeitgeschichte auf den Kopf: Israel liegt in Norddeutschland und hält seit dem Sechstagekrieg größere Teile Bayerns, Schwabens und des Westrheinlands besetzt: Die Hauptstadt ist Berlin. Hitler verlor gegen die Achsenmächte der VAS und die Russisch Orthodoxe Armee und wurde 1946 in Nürnberg enthauptet. Osama bin Laden ist Senator in Arabien und Vorsitzender im Geheimdienstausschuss. Er rivalisiert mit Saddam Hussein, der als Gewerkschaftsführer und Obergangster die Bagdader Polizei unter seinen Fittichen hat und durch Alkoholschmuggel zu unschätzbarem Vermögen gekommen ist.

All diese absurden, willkürlich verdrehten Fakten, die die wirkliche Weltlage als mindestens ebenso absurd und willkürlich zusammengeschustert erscheinen lassen, finden sich in eingeschalteten Einträgen eines „benutzereditierten freien Enzyklopädie“, die bei Ruff nicht Wikipedia heißt, sondern Bibliothek von Alexandria. Diese irrwitzigen, pointenreichen Einträge nehmen zwar das Tempo aus dem Erzählfluss, aber das ist für die Orientierung und zum Atemschöpfen auch dringend nötig und wohltuend.

Die eigentliche Story (drei Polizisten geraten zwischen die Fronten von unzähligen, einander untergrabenen Geheimdiensten und organisierten Verbrecherbanden, die alle einer Wunderlampe nachjagen, wobei immer wieder Artefakte einer Welt, wie wir sie kennen, auftauchen) ist blutig, überdreht und unübersichtlich – also abgesehen von der Spiegelung fast schon realistisch. Und es dauert nicht lang, bis man als Leser bei sich selbst ähnliche Schwindelanfälle diagnostiziert, wie sie die Figuren immer dann ereilen, wenn die große Mirage, die Fata Morgana, die Illusion brüchig wird und unsere Wirklichkeit durchscheint. Es ist die Kontingenz, die einen da anhaucht: Alles könnte auch ganz anders sein, als Matt Ruff es sich aus einer Schnapsidee heraus so bienenfleißiger Lust ersonnen hat.

Es könnte in einer Welt hinter unserer Welt zum Beispiel einen Rutt Maff geben, der uns eine hanebüchene Story vorspinnt, in der sich Hitler zum Beispiel in einen Teppich wickelt und erschießt, Israel den Gazastreifen blockiert, Saddam Hussein in einem Erdloch gefunden und Osama bin Laden von amerikanischen Soldaten erschossen wird.

Verrückt! Wer Matt Ruff liest, der kann schon mal durcheinanderkommen.

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