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Islamisierung nach der Zukunft

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Dann wieder zieht in Sansals „2084“ die Landschaft monoton vorüber: „Das Land war leer.“
Dann wieder zieht in Sansals „2084“ die Landschaft monoton vorüber: „Das Land war leer.“ © Reinhart Wustlich

Boualem Sansal entwirft in seinem Roman „2084“ Bilder einer orwellschen Diktatur, die aus der Radikalisierung des Islam erwuchs, in mittelalterlich anmutender Welt.

Von Reinhart Wustlich

Die mediterrane Welt ist zersplittert“, stellte Sami Naïr, Politikwissenschaftler algerischer Herkunft, in der Studie „Widerstreit am Mittelmeer“ (1992) fest: „Der Konflikt der Kulturen scheint mir heutzutage mindestens so wichtig, wenn nicht gar wichtiger als der ökonomischer Interessen.“ Die Kultur des Südens, des Islam, nehme „ihren Ausgangspunkt von einer Entwurzelung und einer diesem Zivilisationsraum nicht kompatiblen Anpassung“. Im Maghreb, so Naïr, sei die Botschaft der französischen Revolution „von vornherein durch die Ziele der Kolonialpolitik verwässert worden – ein Fehlschlag, von dem der Algerienkrieg 130 Jahre später das bitterste Zeugnis ablegen sollte. (...) Der treibende Faktor im Hintergrund war die arabisch-moslemische Kultur. Heute erfährt die Rückbesinnung der arabisch-mediterranen Völker auf den Islam eine Radikalisierung.“

Fünfundzwanzig Jahre nach Naïrs Analyse legt der algerische Schriftsteller Boualem Sansal, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 2011, seinen Roman „2084. Das Ende der Welt“ vor. Aus der Radikalisierung des Islam ist eine raumgreifend-umfassende Diktatur erwachsen. Hatte Juan Goytisolo mit „Landschaften nach der Schlacht“ überrascht, in denen die Übernahme des Pariser Sentier-Viertels durch eine islamische Macht erfolgt war, so steigerte Michel Houellebecq den Rahmen auf ganz Frankreich. In „Unterwerfung“ stattet er, Folge der Machtübernahme, Paris mit einem muslimischen Staatspräsidenten aus.

Boualem Sansal enthüllt dem Leser nun ein düsteres Globalreich namens Abistan. Die Handlung wird in das Jahr 2084 verlegt. Auf den ersten Blick erscheint es fern, eher noch ist es mit einer fernen Vorzeit verknüpft. Wieder wird ein Werk des westlichen Kanons der Literatur, George Orwells „1984“, aus der Perspektive des Südens als Kassandraversion umerzählt. Sowohl die grausame Realität von Syrien, Libyen und dem Irak wie auch die Vorlage Orwells stehen in Konkurrenz dazu.

Die Protagonisten werden als Abgesandte einer unüberschaubar-unterkomplexen Welt vorgestellt. Ati, später Funktionsträger der fernen Hauptstadt Quodsabad, die Figur, in der Zweifel an der hermetisch vorgegebenen Welt aufkeimen, erscheint als Rekonvaleszent im entlegenen Ouâ-Gebirge. Der Berg hat ihn von der Tuberkulose geheilt. Das Sanatorium, in einer mittelalterlichen Festung errichtet – 1984, wie ein Gewölbebogen zeigt – ist „eine eisige Hölle“, die ihm „gleichwohl die Kraft wiedergegeben und die Augen für (eine) undenkbare Wirklichkeit geöffnet“ hat: es gab nicht nur Abistan, es „gab in ihrer Welt ein anderes Land, und eine unauffindbare und deshalb unüberwindbare, tödliche Grenze“.

Mit dem Abstieg, der Rückkehr, die ein Jahr dauert, werden Trigger der Psyche als implantierte Affekt- und Anpassungsstrukturen der islamistischen Überwachung eingeführt. Selbst die Sprache, das Abilang, Abistans Neusprech, ist eine Reduktion, als Bedeutungsträger so beschnitten, dass abweichende Gedanken kaum möglich sind. Zwar gilt das Sicherheitssystem als „überzogen“, doch verlassen sich die Überwacher, die Vs, auf telepathische Fähigkeiten. Es gibt weder Internet noch Facebook, Accessoires moderner Informationstechnologien fehlen. Nirgendwo auch nur der Prototyp eines Smartphone. Es gibt Big Eye, arabisiert: „Bigaye beobachtet Euch!“

Eine ins Mittelalter zurückgebombte Gesellschaft

Abistan hat den Char, den Großen Heiligen Krieg, trotz ins Unendliche ausgedehnter Zerstörungen überstanden. Die Toten, die „neuen Märtyrer“, zählen nach „Hunderten von Millionen“. Das Volk huldigt dem allmächtigen Gott Yölah und dessen Entsandtem auf Erden, dem großen Unsichtbaren: Abi. Obwohl die Macht, in Gestalt der Meister der Gerechten Brüderlichkeit, Flugzeuge und Hubschrauber einsetzen kann, Schnellboote und Karawanen von Lastwagen, „schwer mit Geschützen und Raketen beladen“, scheint das Alltagsleben einer Vorzeit verpflichtet, eher 1084 als 2084. Wollte der Autor zeigen, wie eine Gesellschaft ins Mittelalter zurückgebombt werden kann – und so den Vorstellungen islamistischer Reduktionisten nahekommt?

Ati wird als mit 35 Jahren „alter Mann“ skizziert – mit Knotenstock, „Bündel von Habseligkeiten“: mit knielangem Hemd, Trinkbecher und Blechnapf, mit Pillen, Gebetsbuch und Talismanen. Er bleibt ohne Entlassungsbefund, gewahrt aber den „Ausgangszettel“, auf dem mit unruhiger Feder hinzugefügt war: „Zu überwachen.“

Die Rückreise wird mit Karren, Lastwagen, Zügen vor sich gehen, dann wieder mit „Karren dort, wo die Zivilisation erneut verschwunden war“. „Sammellager“ werden passiert, „Umverteilungszentren, wo sich riesige Menschenmengen kreuzten“, denen der Refugees ähnlich. Dann wieder zieht die Landschaft monoton vorüber, verblüffend: „Das Land war leer.“

Die Städte sind geprägt durch verwüstete Vororte, Quartiere mit Wachsamkeitskomitees, „Ghettos des Todes“, in denen „antike Bevölkerungen überlebten, die trotz aller Hindernisse an den alten Häresien festhielten“, Stadien, in denen Hinrichtungen als „erlesene Schauspiele“ aufgeführt wurden. Nissenhütten unmittelbar vor dem Zentrum der Macht, der Gottesstadt. Märkte in engen Durchgängen „voller Bauschutt zwischen fensterlosen Gebäuden“. Die Bilder des Autors scheinen am Maghreb zu hängen, an den Bidonvilles und Slums der Vorstädte – auch am Entstehen spontaner Märkte, wie sie Aleppo in temporären Feuerpausen sieht.

„Gigantische Geheimnisfabrik“

Das Zentrum der Macht, die Gottesstadt, in der die offizielle Überlieferung des Reichs fortlaufend umgeschrieben, ideologisch korrigiert wird, ist nach außen von emblematischer Gestalt. Nach innen anonym, kommt sie einem Anachronismus gleich: „Die Sicherheit hatte man sich wie in Ameisenhaufen ausgedacht, das Prinzip des Labyrinths, der Hindernisse, der Sackgassen (...) war voll genutzt worden.“

Die „gigantische Geheimnisfabrik“ war so ausgelegt, dass „deren Bedienstete selbst nicht wussten, wozu sie gut war und wie sie funktionierte“. Der Platz des Höchsten Glaubens, schwarz vor Menschen, die als Pilger, Bittsteller oder Freiwillige für den nächsten Heiligen Krieg aus den sechzig Provinzen kamen, wird streng bewacht, „überall waren“, vom Leser lang erwartet, „Kameras“, „hyperaufmerksame Spione“. War es eine Stadt, deren Erbauern man mit Habermas vorhalten konnte, an einer „hoffnungslosen Unterschätzung der Vielfalt, Komplexität und Veränderlichkeit moderner Lebenswelten“ zu leiden“?

Sansals Essay „Allahs Narren. Wie der Islamismus die Welt erobert“ (2013) wendet den Blick zurück auf ein Algerien, „das sehr früh Bekanntschaft mit dem Islamismus geschlossen hat“. Später sei der Islamismus, „den gestern niemand kannte und der überall staatlicher Repression ausgesetzt war, ein globales Phänomen“ geworden. Im schwarzen Jahrzehnt des algerischen Bürgerkriegs „begriffen wir, dass die Islamisten weder Regeln noch Skrupel kannten. Sie führten einen grauenvollen Krieg, attackierten in erster Linie Zivilpersonen, verschonten weder Frauen noch Kinder. Und die Armee, nicht weniger hemmungslos, konterte mit ebenbürtiger Brutalität. (...) In Algier hatten wir das Gefühl, wie in Klausur dem Ende der Welt beizuwohnen.“

Auch „2084“ heißt: „Das Ende der Welt“. Doch die Kraft der Bilder des Romans tritt zurück hinter dem Grauen der Ereignisse in Syrien oder im Irak. Am Ende bleibt dem Protagonisten, die „Grenze“ zu suchen – die Gesellschaft von heute? Die Gesellschaft, die Samuel Huntingtons „Clash of Civilizations“ unter neuem Blickwinkel zu lesen beginnt?

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