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Mehmet Akif Ersoy-Moschee in Murrhardt (Baden-Württemberg), während des Tags der offenen Tür.
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Mehmet Akif Ersoy-Moschee in Murrhardt (Baden-Württemberg), während des Tags der offenen Tür.

Mouhanad Khorchide "Gott glaubt an den Menschen"

Islam und Moderne versöhnen

Der aus dem Libanon stammende und in Münster lebende Professor Mouhanad Khorchide sucht in seinem neuen Buch "Gott glaubt an den Menschen" Wege, Islam und Moderne zu versöhnen. Ein mutiger, weitreichender Schritt innerhalb der islamischen Theologie.

Von Dirk Pilz

Navid Kermani in seiner Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels am vergangenen Sonntag: Der „religiöse Faschismus“ des IS, sagte er, stelle nur den Endpunkt eines langen Niedergangs „auch und gerade des religiösen Denkens“ dar. So ist es. Und es wirft die Frage auf, wie dieser Niedergang sich wenden lässt. Kann die Theologie dem religiösen Denken dabei helfen? Nicht allein, aber ohne sie wird es nicht gehen.

Dem Beweis hierfür ist die Arbeit des in Beirut aufgewachsenen, heute in Münster als Professor für islamische Religionspädagogik lehrenden Mouhanad Khorchide gewidmet. Vor drei Jahren erschien sein Buch „Islam ist Barmherzigkeit“. Es ist der Entwurf einer islamischen Theologie, die ausdrücklich jene anthropologische Wende vollzieht, durch die der Mensch in den Mittelpunkt rückt: Nicht der Glaubende sei seinem Gott unterworfen, sondern dieser Gott diene dem Menschen. Der entscheidende Wesenszug dieses Gottes sei dabei Barmherzigkeit, der Islam folglich auf Humanismus, nicht auf Gewalt ausgerichtet.

Das sind starke, vieldiskutierte Thesen. Und allein die intensive Debatte um Khorchides Barmherzigkeitstheologie widerlegt das Klischee eines angeblich starren und reformabgewandten Islam – das religiöse Denken ist keineswegs nur im Niedergang begriffen. Zudem entwickelt Khorchide seine Theologie in der Auseinandersetzung mit Kritikern offensiv weiter (zentrale Einwände sind in dem Band „Theologie der Barmherzigkeit?“ versammelt, Waxmann Verlag 2014, 24,90 Euro).

Kritik und rasche Reaktion

Zu schematisch sei sein Scharia-Begriff, wurde ihm vorgeworfen – als Antwort darauf erschien sein Band „Scharia – der missverstandene Gott“ (Herder Verlag 2014, 18,99 Euro). Zu schablonenhaft sei sein Begriff eines humanistischen Islam – darauf reagiert er jetzt mit dem Buch „Gott glaubt an den Menschen“.

Er will hier zeigen, wie mit dem Islam zu einem neuen Humanismus gefunden werden könnte. Und dieser Humanismus soll keineswegs nur für Muslime gelten, sondern ein „Angebot für alle sein“. Khorchide denkt dabei an eine bestimmte „Haltung, sich sowohl nach innen als auch nach außen zu öffnen“. Nach dem Verständnis des Islam habe sich Gott dem Menschen durch Offenbarung geöffnet: „Gott spiegelt die absolute Haltung des ‚Sich-Öffnens‘ wider.“

Das ist Khorchides Grundgedanke, er entfaltet ihn an seiner Auslegung der koranischen Schöpfungsgeschichte: „Gott tritt in die Welt nicht als Instanz der Bevormundung des Menschen ein, sondern als Partner.“ Dieser Gott handle aus Barmherzigkeit, glaube an die Vernunft des Menschen und wolle Befreiung, nicht Unterwerfung. Der Islam sei damit wie jede Religion ein „offener, nicht abgeschlossener Prozess“. Reformiert werden müsse der Islam deshalb nicht in seinen „Grundsätzen“, sondern weil er „im Leben des Muslims immer neu zu aktualisieren“ ist. „Den Islam ohne Menschen gibt es nicht“, und Menschen sind es, die ihn „lebendig“ halten.

Konsequent sagt Khorchide deshalb, der Islam sei das, was Muslime aus ihm machen. Auch Terroristen, die im Namen des Islam töten, sind deshalb sehr wohl Muslime. Und weil der Islam keine Kirche kennt, obliege es dem Diskurs zu bestimmen, welcher Islam sich durchsetzt.

Unverkennbar ist Khorchides Buch innerhalb dieses Diskurses eine Programmschrift und ein theologisches Thesenpapier zugleich. Es streitet dafür, den Islam als Beitrag zum Humanismus zu entdecken, und begründet dies theologisch. Der Koran stelle „absolute Eigenschaften Gottes als Bezugsgrößen für den Menschen bereit“. Dieser Gott schütze durch seine Andersartigkeit dabei die Menschen vor Selbst- und Fremderhöhung, der Islam helfe entsprechend, die „Gefahr der Verabsolutierung des Menschen“ zu bannen. Genau das sei es, was Extremisten verneinen: Sie verschließen sich sowohl Gott als auch dem Anderen, sie sind Anti-Humanisten.

Über den Projektcharakter kommt Khorchides Theologie der Barmherzigkeit allerdings auch in diesem Buch nicht hinaus. Man wünschte sich genauere Analysen zu einzelnen Suren, zum Verhältnis zwischen Tradition und Moderne, zwischen Islam und säkularer Gesellschaft. Die Ausführungen zur Geschichte des Humanismus sind überhaupt auffallend kursorisch, die theologische Fundierung von Begriffen wie Offenbarung oder Freiheit zuweilen irritierend eindimensional.

Dennoch dieses Buch ist ein mutiger, weitreichender Schritt innerhalb der islamischen Theologie. Noch ist Khorchides Entwurf zwar ein zartes Pflänzchen, das in der medialen Öffentlichkeit von den Bildern eines gewaltvollen Islam überwuchert wird, aber es ist auch eine Frage dieser Öffentlichkeit, welcher Islam sich durchsetzt.

Mouhanad Khorchide: Gott glaubt an den Menschen. Mit dem Islam zu einem neuen Humanismus. Herder Verlag, Freiburg i. B. 2015, 272 Seiten, 19,99 Euro.

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