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Autorin Iris Hanika.

Iris Hanika: „Echos Kammern“

Wenn Städte rufen: Nicht für dich!

  • vonStefan Michalzik
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Iris Hanika interessiert sich in ihrem virtuosen Roman „Echos Kammern“ auch für die Gentrifizierung in New York und Berlin.

Sophonisbe ist eine wirtschaftlich mäßig erfolgreiche Schriftstellerin mittleren Alters. Sie führt ein bescheidenes Leben dank Stipendien und den Erträgen aus Aktien, die sie zur Zeit des Börsenbooms von dem Geld aus den vielen Preisen gekauft hatte, mit denen sie als junge, vielversprechende Dichterin überhäuft worden war. Da sie das „durch und durch hysterische Wesen des Finanzmarktes“ durchschaute, hat sie ihre aufgeblasenen Aktien rechtzeitig verkauft und den Ertrag in solide Titel gesteckt.

Dass die zentralen Figuren in „Echos Kammern“, dem neuen Roman der Berliner Schriftstellerin Iris Hanika, Jahrgang 1962, aus dem Rahmen fallende, auf die Antike zurückgehende Namen tragen, ist natürlich kein Zufall. „Aktualität“, heißt es an einer Stelle, „ist nicht unser Genre.“ Mit blankem Realismus hat Hanikas Erzählen nichts zu tun, mit der Gegenwart beschäftigt sie sich schillernd spielerisch. Die Geschichte schwingt auf Schritt und Tritt mit.

Ein zentrales Motiv, ohne dass sich der Roman darauf reduzieren ließe, ist die Veränderung der Metropolstädte in der westlichen Welt. Der erste von zwei Teilen spielt in New York. Dort findet Sophonisbe einen „Hardcore-Kapitalismus“ vor und ist nach eigenen Worten angewidert von der „Verwüstung, welche das Geld geschaffen hat, in dem es ist gerollt wie eine Dampfwalze“ durch den zum Trendviertel mutierten Stadtteil Soho, der „Auslöschung von alles, welches ist der Grund, warum man sich wohlfühlt an einem Ort“. Denn neben der allwissenden Erzählerin gibt es Fragmente aus Sophonisbes New-York-Buch, die in einem pointierten deutschen Kauderwelsch abgefasst sind, das ihrem eigenen nicht akzentfreien Englisch entsprechen soll. Dazu kommen scheindokumentarische Passagen einer Kommunikation per Mail. „Priced out“ – hinausgepreist – heißt es in New York, wenn Menschen aus einer Stadt oder einem Stadtteil gedrängt werden, weil die Mieten für sie zu mächtig gestiegen sind. Zugleich ist New York ein Modell für die Struktur der Substrukturen – spanische, chinesische und russische Communitys – in den westlichen Metropolstädten.

Eine Coffeeshopkette nennt sich „Think“, was signalisieren soll, dass die Firma die Kaffeebauern in Südamerika nicht ausbeuten will. „Gutes tun“ also. Sophonisbe ist die einzige in dem Shop, die Zeitung auf Papier liest, alle anderen schauen auf kleine Bildschirme. Jeder für sich am Computer – „eine asoziale Plastik“. Dass ein New Yorker aus einer jüdischen Familie Deutsch lernt, ist für Sophonisbe ein Hinweis darauf, dass jüngere Menschen in anderen Ländern mit Blick auf Deutschland wohl doch eher zuerst an „Bach Hegel BMW“ denken als an „Auschwitz Belsen Buchenwald“.

Das Buch

Iris Hanika: Echos Kammern. Roman. Droschl Verlag, Graz 2020. 236 Seiten, 22 Euro.

Berlin, zuvor die einzige Hauptstadt der westlichen Welt, in der man im Stadtzentrum wohnen konnte, ohne reich zu sein, habe damals auf der Kippe gestanden, heißt es in einem Zwischenspiel vor dem zweiten Teil des Buches. Auch diese Stadt drohte zu einer jener Metropolen zu werden, die dem Neuankömmling ohne Vermögensportfolio in einem fort „Not for you! Nicht für Dich!“ zurufen, wie Sophonisbe es gerade in New York erlebt hat. Es ist einmal die Rede von einer „Bar voller junger Amerikaner und Israelis in Neukölln (...), wo man von jungen Spaniern und Italienern bedient wurde, und den beleidigten Türken und Arabern, deren Bars das vorher gewesen waren, zuschaute, wie sie grummelnd draußen vorbeischlurften“.

An Galligkeit mangelt es nicht. Da ist die Rede von einem „heuschreckenartigen Einfall der Bratzen aus dem internationalen Mittelstand“, die Haute Cuisine, Luxusmarkenketten, kindgerechte Cafés und pastellfarbene Eisläden mit sich bringen, sowie eine „Schnuckeligkeit“, die sich überall breitmache. Es fliegt Buttersäure in die Läden mit den niedlichen Namen wie auch in die Lüftungsanlagen der Flagshipstores. Gebrandmarkt wird die „Jeschichtsvajessenheit“ jener internationalen Zugezogenen, die an jeder anderen außer der Klimapolitik nicht interessiert sind.

Belagerter Club Berghain

In diesem Zwischenspiel geht es um den Traum – aber eben nur den Traum – eines Krieges, gegen die Verdränger, die erfolgreich in die Flucht getrieben werden. So wird in dieser umstürzlerischen Phantasie der hippe Club Berghain belagert, um die Eindringlinge via Schönefeld und Easyjet zu neuen Partylocations in Katowice, Kiew und Odessa zu verfrachten.

Da wirkt der zweite, in Berlin spielende Teil des Romans beinahe schon versöhnlich, denn hier geht es – neben vielem anderen – um die Liebe, eine verhinderte. Es ist der Ausweis einer immensen erzählerischen Virtuosität, dass dieses großartige, nicht zuletzt ausgesprochen humorvolle Buch nicht unter der enormen Fülle der Motive zusammenbricht, die Iris Hanika anklingen lässt. Kein geringes Kunststück.

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