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Irgendwo zwischen Roggen, Hafer, Fron und Buchdruck

Die Suche nach Europas Sonderweg führt Michael Mitterauer zu einer anregenden Sozial- und Kulturgeschichte des Mittelalters

Von Wolfgang Kruse

Wer sich heute historisch mit Europa beschäftigt, stößt im Gefolge Max Webers fast unausweichlich auf den "europäischen Sonderweg" zu industrieller Revolution, bürgerlicher Gesellschaft und welthistorischer Dominanz. Nachdem der Althistoriker Christian Meier in Von Athen bis Auschwitz vergangenes Jahr die antiken Wurzeln dieses Sonderwegs aufgezeigt hat, versucht sich der Frühneuzeitler und Mediävist Michael Mitterauer nun an dessen "mittelalterlichen Grundlagen". Die bereits im Titel aufgeworfene Frage Warum Europa? vermag er jedoch trotz einer Fülle relevanter Zusammenhänge und Einsichten nicht wirklich befriedigend zu beantworten. Dafür stellt der Autor sich selbst einfach zu viele Hindernisse in den Weg, weil er keinen klaren Begriff des neuzeitlichen europäischen Sonderwegs entwickelt, seine Darstellung fast vollständig auf die mittelalterliche Gesellschaft begrenzt und so die Problematik des Übergangs kaum in den Blick bekommt.

Doch nun erst einmal genug der Kritik, denn die inhaltliche Substanz der auf sieben verschiedenen Ebenen, durchgängig im interkulturellen Vergleich, aufgezeigten Spezifika des europäischen Mittelalters ist besonders in ihrer synthetisierenden Kraft höchst beeindruckend. Deutlich wird vor allem, welche Vielfalt dynamischer Elemente diese Zeit in ihrer 1000-jährigen Geschichte aufwies. An den Anfang stellt Mitterauer die so genannte agrarische Revolution des frühen Mittelalters. Der Einführung des schweren Pfluges und der Dreifelderwirtschaft standen zwar ähnlich dynamische Entwicklungen in der Landwirtschaft Chinas und der islamischen Welt gegenüber. Als europäische Besonderheit jedoch wird hier in überzeugender Weise die Verbindung mit den spezifischen Getreidesorten Roggen und Hafer aufgezeigt, mit weitreichenden Folgen nicht nur für die Entwicklung der Wassermühle und der Montanindustrie sowie für das Verhältnis von Ackerbau und Viehzucht, sondern auch für die typisch europäische Ausbildung der Grundherrschaft.

In der Fronhofwirtschaft mit angelagerten Hufenbauern, die ihren Boden nur gegen Leistung von Abgaben und Diensten an den Grundherrn zur selbstständigen Bewirtschaftung erhalten, erkennt Mitterauer eine spezifisch europäische Wirtschafts- und Sozialverfassung, mit der die klare antike Unterscheidung zwischen Freien und Sklaven durch differenziertere Formen personaler Abhängigkeiten abgelöst wurde. Sie bildete sowohl die Grundlage für den dezentralisierten Herrschaftsaufbau des europäischen Feudalismus als auch für die ebenso typisch europäische Lockerung der Familienbande durch die Bildung familienübergreifender Hausgemeinschaften mit differenzierten Abhängigkeitsbeziehungen.

Wie Mitterauer zeigen kann, war dies die Voraussetzung für zwei weitere Sonderentwicklungen des europäischen Mittelalters. Im Zusammenhang mit der Öffnung der Familie entwickelte sich zum einen die ehegattenzentrierte Form der Familienbildung, die mit ihrer Lockerung der Abstammungsbeziehungen zugleich eine spezifisch ausgebildete Jugendphase, eine relativ selbstbestimmte Partnersuche und auch die Ausbildung von Formen "geistiger Verwandschaft" als Grundlage genossenschaftlich organisierter Zusammenschlüsse ermöglichte. In engem Zusammenhang mit diesen Entwicklungen bildeten sich, zum anderen, das Lehnswesen und die ständische Verfassungsordnung mit ihren spezifischen Repräsentationsformen heraus, in deren komplexen Formen der Austarierung von Fürstenstaat, personaler Gefolgschaft und ständischer Kontrolle Mitterauer zu Recht eine grundlegende Voraussetzung der modernen parlamentarischen Demokratie sieht, ohne die Übergänge und die Vorformen moderner Staatlichkeit allerdings genauer zu beleuchten.

Auf die wirtschaftlich-sozialen Grundlagen folgen in der Darstellung die kulturellen Besonderheiten der mittelalterlichen Gesellschaftsentwicklung. An erster Stelle wird hier die westliche Christenheit mit dem Papsttum und den universalen Ordensgemeinschaften als zentralen Charakteristika behandelt. Die Papstkirche zeichnete sich vor allem durch ihre Unabhängigkeit und ihr weltliches Herrschertum aus, womit wichtige Voraussetzungen für eine Ausdifferenzierung von Autoritäten und Loyalitäten gegeben waren. Hinzu kamen weitere Spezifika, vor allem die scharfe Trennung zwischen Klerikern und Laien als Grundlage für die Entstehung des spezifisch abendländischen Klosterwesens. Papstkirche und Ordensgemeinschaften prägten, so Mitterauer, mit ihrer räumlichen Ausdehnung auch die Grenzen des Sozialraums Europa.

Aber das christliche Abendland versuchte diese Grenzen auch immer wieder zu überschreiten. Die Kreuzzüge deutet Mitterauer als eine Art frühmodernen Protokolonialismus, der die Ideologie des "Heiligen Krieges" mit den ökonomischen Interessen der italienischen Seerepubliken verband. Als siebter und letzter Faktor werden schließlich noch die ebenfalls zutiefst im westlichen Christentum verankerten, eng miteinander verbundenen Entwicklungen der Predigt und des Buchdrucks hervorgehoben. Durch ihren hohen Organisationsgrad verliehen Papstkirche und Klosterwesen den verschrifteten Predigten eine enorme Verbreitung, in Verbindung mit Wallfahrtsabzeichen, Heiligenbildern und anderen christlichen Kultobjekten werden sie als eine Vorform moderner Massenkommunikation gedeutet, ohne deren Voraussetzungen die schnelle Verbreitung des Buchdrucks im gesamten Bereich der mittelalterlichen Westkirche kaum erklärbar zu sein scheint.

Insgesamt hat Mitterauer so eine gediegene, vielschichtige, anregende und nicht zuletzt gut lesbare Einführung in die mittelalterliche Sozial- und Kulturgeschichte vorgelegt, deren spezifische, dynamische und in die Zukunft weisende Entwicklungselemente überzeugend im interkulturellen Vergleich herausgearbeitet werden. Die abschließend angestrebte Zusammenschau der diversen Faktoren und ihrer Wechselwirkungen, der Weber'schen "Verkettung von Umständen", bleibt jedoch unbefriedigend. Hier holen den Autor nicht zuletzt die eingangs monierten Auslassungen ein. Da Mitterauer darauf verzichtet hat, einen klaren Begriff des neuzeitlichen europäischen Sonderwegs zu entwickeln, kann es ihm am Ende auch kaum gelingen, die überzeugend dargelegten, dynamischen Bereiche der mittelalterlichen Gesellschaft inhaltlich zu bündeln und in ihren weiterreichenden Wirkungen zu gewichten.

Stattdessen fügt er noch drei weitere dynamische Faktoren der mittelalterlichen Gesellschaft differenzierend hinzu: neben der oben bereits angesprochenen Entwicklung der Metallindustrie und der christlichen Verehrung der Eucharistie vor allem die insgesamt allzu klein geschriebene Ausbildung des Kommunalismus in selbstverwalteten Bürgergemeinden. Und wenn Mitterauer abschließend erneut davor warnt, die europäische Geschichte sinnstiftend für Gegenwart und Zukunft Europas zu missbrauchen, so wird ex negativo zugleich die Problematik seines wissenschaftlichen Purismus deutlich. Denn während er jede eurozentristische Überlegenheit vermeiden will, kommt ihm zugleich auch die kritische Frage nach den Kosten und Abgründen des europäischen Weges kaum in den Sinn.

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