Irgendwie brutal tragisch

Elisa Gregor geht den Ursachen von "Familientragödien" nach

Von FRANK KEIL

Sie zieren die Schlagzeilen der Boulevard-blätter und finden sich unter der Rubrik "Vermischtes" der seriösen Tageszeitungen: Die Berichte über Familienväter, die scheinbar aus heiterem Himmel Frau und Kinder töten; sie "auslöschen" - wie es in eingeübter Kriegsprosa heißt - bevor sie sich selbst "richten".

Amok - Wenn Väter durchdrehen nennt die Fernsehjournalistin Elisa Gregor nun ihren Versuch, Licht in das Dunkel derartiger Taten zu bringen. Als roten Faden hat sie den realen Fall einer vierköpfigen Familie gewählt, von der nur der Vater überlebte. Den Ort des Verbrechens sowie die Namen der Opfer und des Täters nennt sie nicht - aus Datenschutzgründen, wie sie begründet. Entsprechend unklar bleibt das Geschehen im Verlaufe des Buches, es wird nicht einmal mitgeteilt, welches Urteil am Ende gegen den Täter gesprochen wurde.

Bald beginnt man das Buch ungläubig zu durchblättern, denn statt sich stringent der Geschichte eines besonders schweren Gewaltverbrechens zu nähern und mit der gebotenen Sorgfalt und Vorsicht daraus allgemeine Schlüsse zu ziehen, stochert die Autorin munter im Nebel und kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen. Irgendwie - so der Tenor - müssen solche Mordattacken vor dem Hintergrund vorhandener und / oder zunehmender Spannungen zwischen Männern und Frauen gesehen werden.

Dabei scheut sich Gregor in ihrer Zustandsbeschreibung der aktuellen Männlichkeit und der ihr innewohnenden Krisenhaftigkeit nicht vor Determinismen, die man etwa Erstsemestern der Fächer Psychologie oder Jura keinesfalls durchgehen ließe: "Männer lernen, ohne sich dabei zu fühlen." Oder: "Männer suchen nach wie vor die Herausforderung." Die Autorin lässt wenig aus, um einen bunten Strauß aus Vermutungen, Spekulativem und Quergedachtem zu binden, so dass diese Aneinanderreihung zuweilen höchst komisch wirkt.

Verweilt sie eben noch beim Amoklauf der skandinavischen Berserker in der Frühzeit des Mittelalters, unternimmt sie kurz einen Ausflug in die Viktimologie, streift Männerstudien, ohne sie gebührend vorzustellen, und zitiert nacheinander so illustre Gestalten wie den Popliteraten Joachim Lottmann und den früheren Fußballspieler Lothar Matthäus.

Der abwesende Vater, die schwer bewaffneten Figuren der Computerspiele, die fehlenden Freunde und die wortgewaltigen Kumpels, die in der Kneipe noch eine Runde schmeißen - sie alle stehen bereit, damit der Schrecken seinen Lauf nehmen kann. Und auch die verkniffenen Gesichter an der Supermarktkasse, sie sind Zeichen einer unwirtlichen Welt, in der Männer immer mehr einknicken - und um sich schlagen.

Wenn sich die Autorin wenigstens zu einem handfesten Alarmismus hätte hinreißen lassen können, à la: "Männer immer irrer! Gewaltspirale dreht sich weiter." Doch auch die Frauen tragen ihren Teil dazu bei, speziell der Feminismus, so allgemein. Sind die Männer nicht zu Recht heillos überfordert mit dem, was sich da in kurzer Zeit an Ansprüchen an sie aufgebaut hat? So wird Alice Schwarzer als entschiedene Analystin der Gewaltverhältnisse von Männern und Frauen herangezogen, um später als "Erzfeministin" abgekanzelt zu werden, deren Ableitungen dem Aufmerksamkeitsgeschäft unterliegen und daher mit einer gewissen Vorsicht zu genießen seien.

Unterlegt wird dies alles in regelmäßigen Abständen durch pseudodokumentarische und für den Leser nicht überprüfbare Einblicke ins Eheleben von Saskia und Kai, die in der Küche stehen und sich streiten. Dies alles wäre nur schlicht ärgerlich, das Lesen dieses Buches eine zuweilen vorkommende Zeitverschwendung, ginge es allein um eine weitere handelsübliche Zeitgeistpostille über unterschiedliche Kommunikationsstrukturen von Männern und Frauen beim Einkaufen oder Putzen oder auch nur um die oft beklagte Kinderlosigkeit von Paaren. Doch hat sich die Autorin ein in seiner Brutalität kaum steigerungsfähiges Verbrechen ausgesucht, das eine solch oberflächliche, auch im Detail handwerklich mangelhafte Betrachtung schlichtweg verbietet.

Es ist überdies eines jener Bücher, das es einem verleiden kann, sich mit den unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten von Männern und Frauen zu beschäftigen. Was umso unverzeihlicher ist, kann man doch allein der stereotypen Formel der "Familientragödie", mit der gemeinhin jene Beziehungstaten benannt werden, entnehmen, dass sich das gesellschaftliche Interesse an einer Analyse der zu Grunde liegenden Machtverhältnisse von Männern und Frauen arg in Grenzen hält. Nach der Lektüre des Buches mag man nur müde murmeln: "Ja, ja, hängt alles irgendwie miteinander zusammen; weiß auch nicht genau."

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